Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Eine Wut-Geschichte (Gastbeitrag von Natalia)

Zählst Du Dich zu den Menschen, die Wut willkommen heißen? Ich bin gerne wütend. Na, was sage ich da. Ich bin sehr gerne wütend. Ich liebe ihre Energie und nutze sie auch sehr aktiv.

Warum braucht es dann diese Geschichte, fragst Du Dich? Die Antwort ist auch für mich nicht einfach. Ich möchte sie aber gerne mit Dir teilen, weil meine Wut-Geschichte meine komplette Welt auf den Kopf gestellt hat. Vielleicht kennst Du es auch? Es dauerte lange Jahre, bis ich wieder auf den Füßen stand und auf einmal feststellte, dass ich nicht mehr die alte bin.

Es ist Januar 2010. Die Weihnachtsfeiertage waren wunderschön. Es schneite tagelang. Mein kleiner Sohn war begeistert von der weißen Pracht. Wir bauten Schneemänner, rodelten, schippten Schnee. Das zufriedene Gesicht meines Sohnes zierte tagelang ein breites Lächeln. Wie glücklich wir waren! Und jetzt liegt mein glückliches Leben in Scherben vor mir. Meine Mama, mein Ein und Alles ist tot. Einfach so, ohne Vorankündigung. Gestern habe ich mit ihr telefoniert und heute ist sie tot.

Mama, was hast Du getan? Ich bin stinkwütend. Du bist weg und ich bin da?! Warum? Was habe ich Dir getan? Warum lässt Du mich einfach so zurück? Ich bin so einsam. Mama! Komm zurück!

Noch heute weine und zittere ich, wenn ich diese Worte ausspreche. Noch heute schreit mein damaliges Ich wütend und trotzig in die weite Welt hinein: Maaaama!

Diese Wut war gnadenlos. Sie glühte in mir. Es gab kein Entrinnen. Die schrecklichen Bilder, die der Tag hinterlassen hat, an dem meine Mama beerdigt wurde, sah ich Tag und Nacht vor meinem inneren Auge. Eine Langzeit-Psychotherapie mit EMDR habe ich gebraucht, damit sie endlich verblassten. Ich bettelte darum, diese verdammte harte Wut möge von mir ablassen. Das tat sie nicht. Sie tat es nicht. Acht lange Jahre nicht. Sie erstickte Mitgefühl, Zärtlichkeit, Fürsorge. Ich fühlte mich hart und kalt. Bis eines Tages ein inneres Bild auftauchte, das viel veränderte. Es war noch nicht gut, aber ich war auf dem Weg der Heilung, der heißersehnten Heilung.

Das Jahr 2020 kam und versprach so viel. Ich fühlte mich endlich wieder richtig glücklich und frei. Bis zu einem Tag im April 2020. An diesem Tag erlitt mein Epilepsie-kranker Sohn zum ersten Mal einen epileptischen Status. Lange. Heftig. Krass. Auf den ersten Status folgten weitere. Krankenhäuser, Ärzte, Angst. Immer wieder neue, stärkere Medikamente. Keine Linderung. Heiße Wut.

Ich war wieder gefangen, festgehalten von meinen heftigen Gefühlen. Doch etwas war anders. Die Wut trat zögerlich zur Seite. Hinter ihrem breiten muskulösen Rücken kauerte zitternd schmächtige Hilflosigkeit. Sie schaute mich mit unglücklichen Augen an. Eine Auseinandersetzung mit mir war ihr nicht geheuer. Sie wusste, dass Ihr Anblick mich ungläubig zurück schrecken lassen würde. Nun, so war es auch.

Ich. Bin. Nicht. Hilflos.

Ich bin wütend und kann immer handeln. Das war sehr lange meine Wahrheit. Und jetzt, auf einmal stand dieses kleine Wesen vor mir und ich war gezwungen, ihm in die Augen zu schauen. Ich sah mein Spiegelbild darin.

Ich. Bin. Hilflos.

Ich bin hilflos.

Hilflos.

Ich weinte und nahm mein Spiegelbild in den Arm. So standen wir lange. Ich bin hilflos. Ich darf daraus Kraft schöpfen. Sie hat eine ganz andere Qualität. Sie ist sanft, mitfühlend, einhüllend.

Spürst Du sie auch?

Text: Natalia (weitere Texte von ihr hier und hier)

Bild von DarkmoonArt_de auf Pixabay

   

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1 Comment

  • Reply Lina 3. Februar 2021 at 7:41

    Danke für den sehr berührenden Beitrag 🙂 Ich kann meine Wut sehr schlecht akzeptieren. Ich bin so oft innerlich agressiv und will das immer nicht sein. Ich merke auch diese Hilflosigkeit darüber.

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