Wie lange muss ich noch leiden?
Hilfe in deiner Trauer

Wie lange muss ich das noch aushalten?

Immer wieder wird mir diese Frage gestellt: Wie lange hat es bei dir gedauert? Warum bin ich so langsam und du schon so weit? Wie lange darf Trauer dauern? Und ich selbst wollte es ja auch wissen zu Beginn meiner Trauer: Wie lange muss ich das aushalten? Wann wird es endlich besser? Wird es überhaupt besser? Vorstellen konnte ich es mir nicht. Und nach einer Weile, als es sogar eher schlechter als besser wurde und immer und immer wieder so sehr weh tat, da habe ich mich auch gefragt, was wohl eigentlich falsch ist mit mir, dass ich es einfach immer noch nicht hinkriege, irgendwie damit umzugehen und wieder ins Leben zu finden. Warum nur ging es mir immer noch so schlecht, das konnte doch einfach nicht normal sein?

Ich bin an der Stelle immer hin- und hergerissen. Trauer dauert nun einmal so lange, wie sie eben dauert. Es gibt keinen Zeitplan. Und der Prozess ist bei jedem so individuell. Spielen hier doch auch so viele Faktoren zusammen, im Außen und im Innen. Es geht hier nicht darum, dass wir uns miteinander vergleichen und es irgendwie „besser“ wäre, wenn jemand schneller durch ist mit der Trauer und all dem. Und doch tut es dann so gut zu wissen: Ich bin nicht alleine. Jemand anderes braucht auch so lange wie ich oder war nach der Zeit, die bei mir bisher vergangen ist, auch noch nicht an dem Punkt, wo irgendetwas wieder gut war. Und dann ist es vielleicht doch hilfreich, wenn ich hier auch einmal von Zahlen spreche.

Das Trauerjahr ist so ein Begriff, den die meisten kennen. Ein Jahr, in dem wir trauern dürfen. Wenn überhaupt. Und dann, dann muss doch irgendetwas besser sein. Bei großen Verlusten ist es das jedoch oft nicht. Was soll auch besser sein, schließlich ist der geliebte Mensch ja nach wie vor nicht da. Oft wird es auf eine Art in dieser Zeit noch einmal schlimmer oder sagen wir anders schlimm. Denn es wird noch realer. Ich zumindest hatte im ersten Jahr irgendwie im Kopf, dass ich nur dieses Jahr überstehen muss, dass dann irgendetwas anders wird. Irgendwie dieses eine Jahr rumkriegen. Und dann. Dann passierte einfach nichts. Er blieb tot, die Welt drehte sich immer noch irgendwie weiter und ich, ich wusste nicht, wie ich da mitmachen sollte. Wie es weitergehen sollte. Wer ich überhaupt war und wieso er eigentlich nicht mehr da war. Niemand kam, um sich bei mir zu entschuldigen, weil es ein Versehen gegeben hatte, und ihn zurückzubringen. Es blieb einfach alles gleich. Und die Menschen in meinem Umfeld, die mit meinem bleibenden Schmerz, meiner Verzweiflung und Traurigkeit mitgehen konnten, wurden noch einmal weniger. So war es für mich auf eine Art schlimmer in diesem zweiten Jahr als im ersten. Obwohl das erste Jahr nach Julians Tod so bodenlos war. Wenigstens hatte ich da noch das Gefühl, es ist halbwegs okay, dass es mir schlecht geht. Wie konnte es aber sein, dass es nach diesem einen Jahr, nach Trauerbegleitung, Therapie und Klinikaufenthalt, im zweiten Jahr immer noch nicht wirklich bergauf ging? Weder körperlich noch psychisch? All das brachte mich immer und immer wieder in tiefe Täler und Krisen. Es war ein zäher, langer Prozess, in dem es mir oft sehr schwer fiel, selbst zu erkennen, dass es doch irgendwie immer weiter ging, auch wenn es sich zwischendurch so anfühlte, als würde ich einfach stehenbleiben. Als würde ich es einfach nicht hinkriegen.

Wie lange hat es dann also bei mir gedauert? Nun, wie gesagt, es ist ein Prozess. Und auch wenn ich es selbst oft nicht sehen konnte, so ging es doch immer weiter. Einen Schritt nach dem anderen und mitten hinein in den Schmerz. Immer und immer wieder. Und irgendwann kam ich dann doch am anderen Ende wieder heraus. Nach drei Jahren war für mich der Moment gekommen, in dem sich wirklich etwas änderte. Wie gesagt, auch davor veränderte sich schon einiges, es gab schon leichtere Momente, ja, sogar auch hier und da Freude. Aber nach drei Jahren wurde es wirklich anders. Und zwar ziemlich genau zu seinem Todestag. Ich fuhr an den Ort, an dem wir uns sieben Jahre zuvor kennengelernt hatten, und auf eine Art konnte ich dort noch einmal ganz neuen Frieden schließen mit seinem Tod. In den Monaten danach entdeckte ich auf einmal, dass es nun wieder um mich ging. Es war, als hätte ich mich durch diesen riesigen Trauerberg gegraben, unter dem ich verloren gegangen war, Stück für Stück, und wäre nun oben angekommen. Ich war wieder da. Ich war nicht mehr allein die trauernde Silke, die ihren Freund so tragisch verloren hatte. Nein, ich war jetzt einfach die Silke. Eine neue Silke, geprägt von dieser Geschichte. Aber es ging nun um mich. Um meinen Weg. Unabhängig von Julian – und nach wie vor im Herzen verbunden. Ich spürte, dass es nicht mehr so viel Aufmerksamkeit für diese Verbindung brauchte. Sie war einfach da. Und ich konnte weitergehen. Das war nicht das Ende meines Weges. Und es war nicht das Ende meiner Herausforderungen. Aber es wurden andere, es ging jetzt mehr darum, was ich mit meinem Leben anfange, wer ich nun sein will, wo es für mich lang geht. Und kaum noch um meine Trauer. Endlich hatte ich wieder Energie für andere Dinge. Für mich fühlte es sich wie ein ganz neuer Abschnitt an. Und ich realisierte, dass es tatsächlich geschehen war: Es war alles anders und zugleich wieder gut. Anders gut und, ja, auf eine neue, tiefere Art gut. Und so ist es weitergegangen. Mittlerweile sind es bald fünf Jahre und ich habe einen wirklich tiefen Frieden gefunden mit Julians Tod. Ich bin ganz und gar einverstanden damit, was geschehen ist. Denn ich weiß, es sollte so sein. Aber das ist vielleicht noch einmal ein anderes Thema.

Ich möchte das einfach hier noch einmal betonen. Fünf Jahre. Fünf Jahre, in denen ich mir wirklich sehr viel Zeit genommen habe, nehmen musste, mich zwischenzeitlich ganz aus der Welt zurückgezogen habe für meine eigene Heilung. Fünf Jahre, in denen ich wirklich sehr viel gute Unterstützung hatte. Fünf Jahre, in denen ich mich wirklich intensiv mit dem Tod und der Trauer und schließlich auch mir selbst auseinandergesetzt habe. Bis hin zu meinem Buch, in dem ich noch einmal ganz eingetaucht bin in alle Gefühle und Ereignisse, um diesen Weg mit euch zu teilen. Wenn ich also heute Texte schreibe, in denen ich über diesen Frieden mit dem Tod spreche oder darüber, wie ich nun mit meiner Angst, Traurigkeit oder anderen schwierigen Gefühlen umgehe, dann steckt da auch dieser lange, zeitweise wirklich schmerzhafte Prozess dahinter. Manchmal vergesse ich es selbst ein bisschen, wie schrecklich sich das so lange angefühlt hat. Wie hoffnungslos ich lange Zeit war. Vielleicht hilft es dir, das zu wissen. Ich wünsche dir wirklich von Herzen, dass auch du dir die Zeit nehmen kannst, die deine Trauer braucht. Ich wünsche dir, dass du geduldig mit dir selbst sein kannst auf diesem Weg. Und dass dir Menschen begegnen, die dich darin bestärken und stützen. Wenn du denkst, dass ich so ein Mensch sein könnte, dann begleite ich dich gerne ein Stück auf diesem Weg. Manchmal reichen auch einzelne Gespräche. Ich bin einfach da, wenn du mich brauchst.

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Meine Buchveröffentlichungen

Zwischen den Welten - Silke Szymura Ein Teil von mir - Silke Szymura

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3 Comments

  • Reply olaf "HAPPY" Kleinhans 7. Februar 2018 at 19:13

    Es ist kein Wettbewerb.
    Hallo Silke uns alle anderen. Wie du schon geschrieben hast, es dauert solange es dauert und es ist bei jedem indivudueller Zeitablauf. Man kann keine 2 Fälle vergleichen und sich daran klammern das es dann bei einem auch nach Zeit x wieder gut geht. Wenn es uns nicht schlechter geht ist es schon okay.
    die die meinen es zu erzwingen das es dann nach festgelegter Zeit wieder gut ist, versinken meist noch tiefer. DRUCK hilft nie.
    Die seelischen Wunden sind nicht zu sehen, da sind andere Nichtbetroffene dann auch weniger zimperlich als wenn sie zum Beispiel einen Gibsarm oder Verband sehen. Seele hat keine sichtbaren Merkmale für ungeschulte Augen. Die die es erleben mussten haben da den Blick und die Antennen dafür…
    3 Jahre und 8 monate sind es her. Und an bestimmten Tagen ist der Schmerz noch sehr gross. Aber bei den meisten Erzählungen komme ich nicht mehr ins stocken.
    Der Blick und das wissen wie wertvoll unser einziges leben ist lässt mich anders agieren. Zeit ist kostbar.
    Und das Wissen das der irdische Körper von seinem ungleichen kampf erlöst wurde, der ist nun einmal auch Fakt.
    Das gesammte Bild können wir erst zum Schluss nach dem letzten Pinselstrich erfassen, und jeder Tag ist ein von uns iniziirter Pinselstrich auf unserem Lebensbild. Da will ich noch vile Jahre das weisse mit Farbe und Gefühl füllen…
    Ungezwungen, kein Druck. Es dauert…
    Allen noch eine gute närrische Zeit.

    Leben erleben, bewusst…

    Bestw Wünsche

  • Reply Martin 13. Februar 2018 at 13:04

    Liebe Silke,
    vielen Dank für deinen Text. Mein geliebter Partner ist vor etwa sechs Wochen gestorben. Momentan kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass sich mein Leben jemals wieder normalisiert und ein Leben ohne ihn möglich ist. Ich versuche mir von allen Seiten Hilfe zu holen; den Schmerz muss ich aber alleine aushalten.
    Nochmals Danke für den Text. Und deinen Blog werde ich sicherlich öfters besuchen; schön, dass ich deine Texte gefunden habe.
    Liebe Grüße Martin

  • Reply Miriam 13. Februar 2018 at 22:14

    Liebe Silke, dieser Artikel hat mir wirklich viel Mut gemacht. Mut, das es einmal wieder besser werden kann. Schön auch erfahren zu können, wie der Verlauf Deines Trauerprozesses bei Dir war. Nach 18 Monaten ist es besser, aber nicht gut. Heute rief ich meine Heilpraktikerin für einen Termin an und sie fragte: „Wie geht es?“ Ich sagte:“ Es ist viel in Bewegung. Es gibt Hoch und Tiefs.“ Sie fragte dann: „Also ist es gut?“ Mich ärgerte das so, weil es gar nicht gut sein konnte. Obwohl wirklich Freude und Glück wieder in mein Leben gekommen waren, bleibt da eben diese schreckliche und schmerzhafte Verlusterfahrung bzw. der Verlust selbst. Aber ich habe nach wie vor die Hoffnung irgendwann wieder tiefen Frieden im Herzen finden zu können. Dein Artikel hat mir Mut gemacht, daran zu glauben, dass es irgendwann wirklich wieder gut sein könnte. Was gerade noch nicht vorstellbar ist, weil die Liebe eben so groß ist zu ihm und ich das Gefühl habe, dass er mir immer fehlen wird und wie sollte es dann gut sein. Aber ich hoffe es! – Miriam

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