Gefühle sind Leben
Hilfe in deiner Trauer

Es braucht keinen Grund für deine Gefühle

Ich habe gestern noch in letzter Minute das Interview mit Aufwachmediziner Stefan Hiene beim „Meine Trauer“-Online-Kongress gesehen. Ein Mann, der immer wieder dazu auffordert, die eigenen Gefühle zu fühlen. Und ich bin da ganz bei ihm. Weil ich glaube, dass es genau darum geht. Uns wurde schon früh das Fühlen ausgeredet. Es wurde uns erzählt, dass alles gut sei und wir nicht weinen müssen. Immer war jemand da, um uns möglichst schnell über unsere Gefühle hinweg zu trösten. So gut gemeint und zugleich hindert es doch daran, die Gefühle wirklich zu fühlen. Oder es war einfach keiner da, jedenfalls meist keiner, der sich einfach mal zu uns gesetzt und mit uns gefühlt hätte. Nicht aus böser Absicht, sondern vielmehr weil unsere Eltern das womöglich selbst nie gelernt haben. Auf die eine oder andere Art wurde uns so immer wieder signalisiert, dass unsere Gefühle nicht ganz richtig seien. Dass wir irgendwie anders fühlen müssten, am besten weniger. Vielleicht wurde uns sogar gesagt, wir sollten lieber stark sein. Denn wir wollen ja vernünftige Erwachsene sein, nicht wahr? Ein Indianer kennt schließlich keinen Schmerz. So haben wir gelernt, die meisten Gefühle – vor allem die sogenannten „schwierigen“ – nicht zu fühlen, sondern stattdessen wegzudrängen und darüber nachzudenken, lieber möglichst auf unseren Verstand zu setzen. Dabei ist es völlig in Ordnung zu weinen, wenn wir traurig sind, zu lachen, wenn wir uns freuen, und alles andere eben auch zu fühlen. Es gibt keine falschen Gefühle.

Eine Aussage hat mich ganz besonders berührt in diesem Interview:

„Es braucht keinen Grund für Gefühle“ (Stefan Hiene)

Gefühle haben immer recht. Es geht nicht darum, erst einen Grund zu finden, um fühlen zu dürfen. Es muss keinen besonderen Auslöser geben. Vielleicht ist es einfach eine Welle von Traurigkeit, die dich genau jetzt erfasst. Warum sie genau jetzt kommt, ist egal. Sie ist da und will gefühlt werden. Hier und Jetzt, in diesem Moment. Es ist auch egal, wie sich jemand anderes in genau deiner Situation fühlen würde oder dass es andere Menschen gibt, denen es womöglich noch schlechter geht als dir. Du musst dich nicht zusammen reißen. Wozu? Es wurde uns ausgeredet zu fühlen. Das war nicht okay. Deine Gefühle sind der Schlüssel zu dir selbst. Und nur um dich geht es hier, nicht darum was andere tun oder von dir erwarten. Wenn dich deine Frau verlassen hat, dann tut das womöglich furchtbar weh und es spielt keine Rolle, ob jemand anderes vielleicht seinen Partner durch Tod verloren hat. Es gibt hier keine Rangfolge, keine Wertung, kein „nur wer das Schlimmste erlebt hat, darf traurig sein“. Wenn dein Kind gestorben ist, geht es nicht darum, dass jemand anderes vielleicht zwei Kinder auf einmal verloren hat. Du wirst immer jemanden finden, dem es scheinbar schlechter geht als dir. Hör auf zu denken. Fühle. Immer wieder. Ich weiß, das ist so schwer. Wir haben ja auch nie wirklich gelernt wie das geht. Es ist aber nie zu spät, jetzt damit anzufangen.

Es ist leicht und schwer zugleich. Einfach nur fühlen. Dabei geht es nicht darum, den Verstand auszuschalten. Er ist ebenfalls so wichtig und hilfreich für unser Leben. Er hat nur Aufgaben übernommen, die einfach nicht seine sind. Und das war lange Zeit ganz okay so. Jetzt darf er sie langsam wieder abgeben. Denn ich bin mehr als mein Kopf. Ich bin ein ganzer Körper und dieser Körper kann fühlen. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt, wie leicht es dann wird, wenn ich mich wirklich darauf einlasse. Wenn ich wirklich fühle, was da ist, mich ganz hineinsinken lasse mitten in dieses unangenehme Gefühl, dann ist es in dem Moment vielleicht kaum auszuhalten und kostet mich einiges an Überwindung, wirklich dort zu bleiben. Inmitten dieser Gefühle, wirklich in meinem Körper. Aber es geht auch vorbei. Und wie erleichternd sich das anfühlt, wenn diese Welle einmal durch mich durch gegangen ist. Wieder einmal mitten durch den Schmerz, die Angst, die Wut. Wow, so eine Erleichterung, diesen Widerstand aufzugeben und mit dem zu fließen, was gerade da ist. Zu sehen: Da ist Schmerz, es fühlt sich so an als wäre ich ausschließlich Schmerz und doch ist es nicht so, denn er geht vorbei. Und ja, es bleibt ein Übungsweg. Es ist okay, wenn es heute gelingt, einfach nur zu fühlen, und morgen schon wieder nicht. Dann probiere ich es übermorgen eben wieder. Im Annehmen von dem, was ist, liegt die Veränderung. Nicht im „Verändernwollen“, nicht im „Weghabenwollen“. Im Fühlen kommen wir genau dort an, wo wir immer sind: im jetzigen Moment. Und nur den gibt es. Einen nach dem anderen.

Wie ist das bei dir? Kennst du es, dass du dir das Fühlen nicht erlaubst, weil du findest, es gibt gerade gar keinen Grund dafür? Oder weil du stark sein musst? Kennst du es, dass du möglichst lange im Kopf bleibst und die Gedanken kreisen, damit du nicht ins Fühlen gehen musst, weil das so weh tut? Was hilft dir dabei, die Gefühle fühlen zu können?

   
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2 Comments

  • Reply Nina 8. Februar 2018 at 8:36

    Moin Silke,
    ja ich kenne das Gefühl „nicht zu fühlen“. Ich lebe seit 2,5 Jahren damit. Ich bin innerlich taub, wahrscheinlich weil ich immer funktionieren muss. Weil immer eines der Kinder gerade durchdreht und da kein Platz ist für meine Gefühle. Sie müssen immer wieder hinten angestellt werden. Inzwischen wohnt der Große (14) nicht mehr hier (zunächst verleungetet Trauer und Pubertät gehen nicht gut zusammen, er kann es zu Hause nicht mehr aushalten und spricht so gut wie gar nicht mehr mit mir) und zwischendurch hat der Kleine (9) Panikanfälle und leidet, wie ich auch unter dem zweiten Verlust, durch den Bruder/Sohn. Und wenn ich dann abends alleine auf dem Sofa sitze, kann ich keinen Knopf umlegen (oder ich suche den Knopf noch) um mich wirklich zu fühlen. Dann ist da nur noch LEERE. Ich kann gar nicht sagen, dass es mir damit wirklich schlecht geht. Eben ehr gefühllos.
    Und durch die vielen Feiertage (Weihnachen, etliche Geburtstage und bald kommt schon wieder Ostern) habe ich das Gefühl , ständig fremdbestimmt zu sein. Ansprüche der anderen (Schwiegereltern, an sich sehr leibe Menschen , haben aber mit meinem Mann ih einziges Kind verlosen..und jetzt Angest um den Großen)) gerecht werden zu müssen. Es kostet mich unendlich viel Kraft, da zu versuchen, meine Gefühle herauszufinden und die dann irgendwie mit den Ansprüchen zu koordinieren. So hab ich es geschafft, den Schwiegereltern zu sagen, dass wir Weihnachten nicht dort schlafen werden (wie sonst immer) sondern abends nach Hause fahren wollen. Ein kleiner aber sehr wichtiger und richtiger Schritt. Und bald steht Ostern an.
    Lg Nina

  • Reply Alex 15. Februar 2018 at 18:42

    Was sind Gefühle? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich fühle Schmerz, Hautjucken, Magendruck, Magenkribbeln, Herzrasen, Enge im Körper oder am Hals, usw. Sind das Gefühle oder Ausprägungen von Gefühlen? Aber was sind denn nun Gefühle genau? Ist Weinen ein Gefühl? Oder nur eine körperliche Ausprägung von Traurigkeit? Meine Psychologin sagt immer, ich soll meine Gefühle fühlen. Aber ich tue mich schwer damit.

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