Schöner Schein
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Schöner Schein und authentisches Sein

Authentisch sein. Das wollen wir doch alle irgendwie. Und wir wünschen es uns von anderen. Vielleicht weil es uns hilft, uns selbst zu spüren, wenn da jemand ist, der sich so zeigt wie er oder sie ist. Authentisch eben, mit allem, was da ist. Vielleicht, weil es uns eine Erlaubnis gibt, auch so zu sein. Und was wäre schöner und entspannter, als endlich einfach nur ganz wir selbst zu sein? Vielleicht weil wir einfach genug haben davon, dass uns etwas vorgespielt wird.

Aber geht das wirklich, ganz authentisch sein? Und was bedeutet das eigentlich?

Viele Menschen sagen mir, dass sie mein authentisches Sein berührt, dass sie sich tief verstanden fühlen, weil ich in Worte fasse, was da ist ohne es zu beschönigen. Und doch schreibe ich nur, wenn mir danach ist, immer meinen eigenen Impulsen folgend. Alles, was ich schreibe, ist immer nur ein Auszug dessen, was wirklich da ist. Wie könnte ich auch jemals alles, was da ist, auf einmal zeigen und in Worte fassen? Und dann gibt es ja noch diese Zeiten, in denen ich gar nichts zeigen will.

Es belastet mich manchmal, das Gefühl, dass auch ich hier ein verzerrtes Bild male. Die Frage danach, was wirklich „echt“ ist und was „echt sein“ eigentlich bedeutet. Wenn ich mich jetzt wieder zeige, wo mein Leben diese positive Wendung nimmt und ich übersprudele vor (Lebens-) Freude, ist das dann echt? Ich schreibe auch vom Schmerz, ja, aber doch nicht während ich mitten drin bin. Ich schreibe rückblickend wie schwer manches war, aber wenn es gerade so schwer ist, dann verstecke ich mich. Ich mache das nicht, weil ich so tun will, als hätte ich diese Seiten und Phasen nicht. Ich mache es, weil es in diesen Zeiten gar keine Worte gibt, nichts, das direkt nach außen will. Wie auch hätte ich formulieren können, was mich bewegt? Finanzielle, existentielle Ängste und Sorgen. Spirituelle Krise und Verlassenwerden. Unzufriedenheit mit dieser Lebenssituation. Ein Stehenbleiben, eine Unfähigkeit, mich wirklich voll und ganz ins Leben zu bringen. Eine Unfähigkeit, aus eigener Kraft das Leben zu bestreiten. Abhängig und ausgebrannt. Und das in einer Zeit, in der um mich herum so viele meine Erfolge bewunderten. Darf ich da überhaupt unglücklich sein? Macht mich das nicht undankbar? Darf ich ausbrennen mitten auf meinem Seelenweg? Hatte ich mir nicht all das selbst genau so ausgesucht? Was nur machte ich falsch? Oder ist einfach alles gleichzeitig wahr? Erfolg und Misserfolg, brennen und ausbrennen, suchen und finden, gelingen und scheitern, aus der Welt fallen und mitten drin sein. Es gibt kein „entweder oder“, Leben findet immer in seiner vollen Gleichzeitigkeit statt. Und was bedeutet es überhaupt, erfolgreich zu sein?

So schreibe ich zumindest jetzt noch einmal darüber, in dem Versuch alle Seiten sichtbar zu machen. Weil ich weiß, wie sehr wir oft bei anderen denken, dass immer alles gut ist, während nur bei uns scheinbar nichts gelingt oder alles so furchtbar langsam geht. Wie sehr auch gerade das Internet dazu einlädt, unsere Wünsche und Träume auf andere zu projizieren. Und uns damit auch selbst ein wenig klein zu halten. Als gäbe es Menschen, die alles besser können, die einfach diese Grundfähigkeit haben zu scheinen und zu leuchten. Mein Schweigen hier wurde allzu oft interpretiert als „Wow, die Silke ist so erfolgreich und in der Welt unterwegs, dass sie nicht mal mehr Zeit hat hier zu schreiben.“ Auch das ist ein Aspekt der Wahrheit, denn es gab diese wundervoll berührenden Momente und Begegnungen. Es gab und gibt diesen Erfolg. Und doch ist es zugleich auch der schöne Schein, den dieses Internet so mit sich bringt. Wir sehen noch weniger von dem, was nicht glänzt. Weil wir uns nicht begegnen. Weil wir hier selbst bestimmen, was wir der Welt zeigen. Weil ich kein Foto von mir mache und es online stelle, wenn ich gerade voll drin bin in meinen eigenen Prozessen und Themen. Weil niemand uns online einfach so beim Bäcker trifft und sieht, wie ungewaschen unsere Haare, wie tief die Augenringe oder wie traurig unsere Augen sind. Und niemand sieht, was wirklich in uns vorgeht.

Und wenn ich das so schreibe, dann möchte ich auch noch einmal betonen, dass ich das nicht mache, um zu sagen wie schwer alles ist oder war. Denn das Leben ist wie es ist. Mit allem, was dazu gehört. Die rauschend schönen Seiten genauso wie die tief bedrückenden. Gerade weil ich noch einmal diesen Tiefpunkt erfahren habe, konnte ich noch einen Schritt weiter gehen. Gerade weil es so schwer schien, konnte ich noch einmal überprüfen, was für mich gerade wirklich wahr ist. Worum es mir geht. Gerade weil es so war wie es war konnte ich noch ein wenig wesentlicher werden.

 

   

Meine Buchveröffentlichungen

Zwischen den Welten - Silke Szymura Ein Teil von mir - Silke Szymura

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1 Comment

  • Reply Andreas 28. August 2018 at 9:22

    Silke, Du darfst.
    Du darfst glücklich sein, Du darfst erfolgreich sein und Du darfst auch traurig sein.
    Ich möchte Dich nicht auf einen Sockel stellen, ich habe auch kein Buch von Dir gekauft, aber Deine Beiträge in diesem Blog sind richtig gut.
    Deine Beiträge begleiten mich seit 21 Monaten. Sie haben mich berührt, mir gezeigt das ich nicht alleine bin mit meinem Kummer. Ich habe durch sie gelernt mich mit dem Tod auseinander zu setzen. Es ist mir dadurch gelungen mich aus dieser tiefen Trauer zu ziehen weil mich Deine Beiträge zum Nachdenken angeregt haben. Ich bin heute für so vieles dankbar was ich in den letzten 21 Monaten nicht gemacht habe oder was ich gemacht habe. Es hat mich Dahin gebracht wo ich heute bin. Danke Silke.
    Ich denke das Du vielen traurigen Menschen geholfen hast mit der ersten Trauer zu leben und mit ihr danach umzugehen.

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