corona-erzaehlungen

…aber die Liebe wird mich immer lieben.
Erzählung von Patricia

„🎼Immer wieder kommt ein neuer Frühling,
immer wieder kommt ein neuer März.
Immer wieder bringt er neue Blumen,
immer wieder Licht in unser Herz.“🎼

Diese Textzeilen aus Kindertagen kommen mir in den Sinn, während ich auf der Fensterbank sitze und den Ästen am Baum beim tanzen zuschaue.
Ich beobachte fasziniert wie grün die Blätter sind und frage mich, wann es passierte, als der Frühling Einzug hielt?!
War die Dunkelheit um mich wirklich so dicht?

Ich schaue auf die Uhr.
Es ist irgendwas um Mittag rum.
In mir ist Ruhe.
Eine Ruhe, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt habe.
Und ich habe Zeit.
Schrecklich viel Zeit.
Über mein Leben nachzudenken.
Hier.
Psychiatrische Station N2.
Auf der Fensterbank.

Allein das Wort Psychiatrie erschreckt,
lässt viele Menschen sofort aufhorchen und befürchten, dass es mir jetzt doch den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Was ja auch stimmt.
Mal wieder.
Die Reaktionen sind meistens geprägt von tiefem Mitgefühl und, oder großem Schrecken.
Als ob es das Allerschlimmste ist, was einem erwachsenen Menschen geschehen kann, nämlich stationäre psychiatrische Dienste in Anspruch zu nehmen.

Genau deswegen möchte ich darüber schreiben!
Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft offener mit psychischen Erkrankungen umgeht.
Wenn wir uns ein Bein brechen, müssen wir schließlich auch ins Krankenhaus.
Wenn die Seele einen chronischen Schnupfen hat, kann man das halt einfach nicht sehen, was die Akzeptanz natürlich erschwert.
„Reiß dich doch endlich mal zusammen, du darfst das alles nicht so nah an dich ranlassen.“
Erst neulich wurde das zu mir gesagt.
Autsch!! Der hat weh getan!

Hier nochmal für alle:
Ich mache das NICHT ZUM SPAß!!!
Und wenn ich könnte, dann würde ich mich zusammenreißen!!! Ich wünsche mir manchmal nichts mehr, als das es aufhört!
Aber ich akzeptiere so langsam, dass ich lernen muss damit zu leben. Ich und auch Freunde/ Angehörige.
Einem Diabetiker sagt man ja auch nicht, dass er sich mal zusammenreißen soll….

Gut! Soviel dazu!

Ähm, wo war ich gerade?
Ah ja, beim Schnupfen und dem gebrochenen Bein.
So hab ich es auch meinem Sohn erklärt.
Schwieriges Thema.
Als Mama!
Da kommt so viel Schuld und Scham hoch:

„Ich darf nicht schwach sein.
Ich sollte mich besser kontrollieren können.
Ich muss funktionieren.
Weitermachen.
Ich trage doch die Verantwortung für mein Kind.
Es ist einfach nicht in Ordnung so wie es ist.“

So in der Art urteilte es gestern noch in mir.

Das sind alles Ohrfeigen.
Mentale Schläge.
Gegen mich selbst.
Aber es ist wie es ist, da hilft einfach kein leugnen, nur die radikale Akzeptanz:
Es geht nicht mehr!

Ich versuche daher Scham und Schuld voller Mitgefühl anzuerkennen.
Heilung kann nicht geschehen,wenn ich mich selbst hasse.
•Aber die Liebe wird mich immer lieben.•
Ein toller Satz, der mir gerade sehr gut tut.

Tja, und nun sitze hier auf der Fensterbank und überlege, was ich jetzt brauche, was ich mir eigentlich wünsche vom Leben und wie es in Zukunft weiter gehen soll…

Macht’s gut ihr Lieben da draußen!
Passt gut auf euch auf ❤

~•~•~•~•~•

Tage voller Licht,
dunkle Tage viel zu dicht.
Beides ist da, beides muss, beides darf sein,
mal bin ICH groß und manchmal noch klein.

Ich darf erkennen, dass ICH ist ein WIR,
das Chaos und Schmerz real wird im hier.
Im Jetzt ist es auch meine Dunkelheit.
Schatten meiner eigenen Vergangenheit.
Ich höre auf zu kämpfen,
lerne stoisch zu ertragen,
wenn Seiten sich melden, ohne zu fragen,
mit Bildern.

Lerne Teile eines Lebens willig zu sehen und nicht immer wieder vor mir selbst zu fliehen.
Sondern zu bleiben, zu lauschen und zu verstehen, wer von uns da in den Schatten gehen.
Auf der Suche nach einem kleinen Licht,
das in der Dunkelheit nicht das ihre ist.

Das Puzzle, die Teile, sie sind zersplittert,
Teile von uns tief verletzt und verbittert.
Manche sind mehr tot, als noch am Leben.
Was kann ich tun, was muss ich ihnen geben?
Kommen wir vom WIR zurück zu einem ICH?
Ich erahne vielleicht den Weg,
das Ergebnis kenne ich noch nicht!

21.4.20
LaP.

 

(Erzählt von Patricia)

 

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