Weiterleben

Verletzen und verletzt werden – Gedanken zum Menschsein

Wenn ich so auf mein Leben blicke, dann gab es darin bereits viele Menschen, die mir nah waren, mit denen ich ein Stück Lebenszeit geteilt habe, und die dann wieder fern wurden. Manches Mal war ich enttäuscht, verletzt, wütend. Manches Mal habe ich enttäuscht, verletzt, wütend gemacht. Aus der Perspektive des eigenen Schmerzes ist es immer leicht zu sehen, was andere hätten anders machen sollen oder welche Verhaltensweise so gar nicht akzeptabel schien. Es entsteht leicht das Gefühl, es sei gegen uns gerichtet. Als würde die Person ohne Schwierigkeiten anders handeln können, es aber nicht wollen.

Doch wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann finde ich zu jeder dieser Situationen auch eine, in der ich auf ähnliche Art und Weise auf der anderen Seite stand. Mein Verstand möchte losrennen und sofort eine Rechtfertigung dafür finden. Schließlich war es ja eine ganz andere Situation bei mir, ich habe doch gar nicht anders gekonnt als so zu handeln. Ich habe es doch nicht böse gemeint. Ich wusste es nicht besser. Ich war überfordert. Oder in meinen eigenen Problemen gefangen. Und eigentlich war es für den anderen doch gar nicht so schlimm, sonst hätte er oder sie es doch gesagt.

Was aber, wenn es denjenigen, von denen ich mich verletzt fühlte, genauso ging? Sie waren genauso überfordert, blind, gefangen wie ich es in anderen Situationen war. Was wenn Menschen so handeln wie sie handeln, weil sie in dem Moment einfach keine andere Möglichkeit haben?

So eben auch ich selbst. Ich wünschte, ich wäre ein Mensch, der immer das „Richtige“ sagen und tun würde. Ich wünschte, ich könnte meinen eigenen weisen Erkenntnissen stets folgen, meinen eigenen Ansprüchen genügen. Aber das kann ich nicht. Ich mache Fehler. Ich fühle mich ungerecht behandelt und behandele ungerecht. Ich spreche oft genug nicht aus, was eigentlich gesagt werden will. Ich habe mich oft genug um mich selbst gedreht, meine eigenen über die Bedürfnisse der anderen gestellt.

Wie also kann ich über andere urteilen? 

Doch nur um nicht fühlen zu müssen, was ich nicht fühlen mag. Nicht diese Zeiten zu sehen, in denen meine eigenen „dunklen“ Seiten zum Vorschein kamen. Es schnürt mir die Kehle zu, dort hinzusehen. Und doch weiß ich, dass genau da Heilung verborgen liegt. Wenn es mir gelingt, von den anderen weg zu mir selbst zu schauen. Wenn es mir gelingt, meine eigenen Schatten auszuhalten. Wenn es mir gelingt, mir selbst wahrhaftig vergeben zu können. Ich vermute, dann ist Vergebung für andere mindestens einen großen Schritt näher. Dann kann ich auch ihre Schatten als zu ihnen zugehörig akzeptieren. Dann kann ich erahnen, dass auch sie – genau wie ich – zu jeder Zeit das Beste versuchen. Auf der Suche nach Glück und der Vermeidung von Leid gehen wir alle unsere eigenen Wege. Und der Frieden im Herzen wartet gleich hinter der nächsten Ecke.

Wir alle haben unsere Unzulänglichkeiten. Schatten und Begrenzungen, an denen wir gerne vorbeisehen würden. Wir können uns nur jedes Mal aufs Neue umarmen und es beim nächsten Mal ein wenig anders versuchen. Bewusst werden. Eigene Fehler benennen. In ehrliche Kommunikation gehen.

Das schreibt sich leicht. Ich finde es sehr schwer.

Ich möchte heute einen Schritt dorthin gehen und all den Menschen, denen ich in der Vergangenheit nicht gerecht geworden bin, die ich verletzt oder denen ich auf welche Art auch immer vor den Kopf gestoßen habe, sagen, dass es mir leid tut. Ich konnte dich nicht sehen. Ich konnte dich nicht fühlen. Ich war zu sehr mit mir beschäftigt. Ich hatte Angst oder fühlte mich unsicher, ich wusste einfach nicht wie es gut gehen kann. Ich habe zu jeder Zeit mein Bestes gegeben, auch wenn es nicht immer so ausgesehen hat. So wie du auch. Und vielleicht, wenn ich noch eine weitere Portion Mut finde, sage ich es dir demnächst auch persönlich.

Es tut mir leid.

Bitte vergib mir.

Ich liebe dich.

Danke.

 

   

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