Tod in Kultur & Wissenschaft

Lasst euch eure Verstorbenen nicht wegnehmen

Heute meine ich nicht die Verstorbenen im Sinne ihrer Seelen, sondern ihre toten Körper. Ich schreibe heute als Bestatterin über das, was in den Tagen nach dem Tod geschieht und geschehen darf. Und dabei ist das Wichtigste aus meiner Sicht: Lasst euch nichts einfach so wegnehmen, hinterfragt was gemacht wird, sucht euch jemanden, der euch dabei unterstützt, euren Abschied so zu gestalten wie ihr es euch wünscht. Jemanden, der mit euch gemeinsam rausfindet, wie der passende Abschied zu eurem Verstorbenen aussehen soll. Es ist traurig genug, dass da ein geliebter Mensch gestorben ist. Der Tod lässt uns oft hilflos daneben stehen, wir können ihn nicht aufhalten. Gib dem Bestatter nicht die gleiche Macht.

Früher dachte ich, wenn jemand stirbt, dann darf man nichts machen außer den Bestatter rufen. Nur der darf, kann, soll mit den Toten umgehen. Normale Menschen dürfen das nicht. Welche magischen Fähigkeiten dieser Bestatter da wohl hat und ob der nicht auch eigentlich einfach ein Mensch ist, das habe ich damals nicht hinterfragt und als gegeben hingenommen. Es war eben so, es wurde ja auch immer so gemacht.

Heute bin ich selbst Bestatterin. Und immer noch der Mensch, der ich auch vorher war.

Vieles von dem, was der Bestatter tut, kannst du grundsätzlich auch selbst machen. Unterstützt durch diese Person, die Erfahrung damit hat. Oft entsteht zwischen Tod und Bestattung eine Art schwarzes Loch. Es passieren viele Dinge, von denen die Menschen, die eben gerade noch das ganze Leben mit dem Verstorbenen geteilt haben, nichts mitbekommen. Dieser Mensch wird krank, vielleicht noch eine Weile intensiv gepflegt, oder er stirbt ganz plötzlich. Und im nächsten Moment steht eine Urne oder ein Sarg in einer Trauerhalle und soll beigesetzt werden.

Doch was passiert eigentlich dazwischen? Wo wird der Verstorbene hingebracht? Was wird mit ihm gemacht? Wie kommt er in den Sarg oder in die Urne? Das alles sind Fragen, die du stellen darfst. Wenn du möchtest, kannst du bei vielem selbst dabei sein. Manchmal kann es helfen, zu begreifen, was passiert ist. 

Als ich im vergangenen Jahr diese Arbeit begonnen habe, konnte ich ganz deutlich spüren, welche Macht ich damit habe. Eine Macht, die ich in der Art gar nicht möchte. Ich gehe zu Menschen in Ausnahmesituationen. Der Tod ist oft über sie herein gebrochen und sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Viele haben sich vorher mit dieser Möglichkeit, die ja doch so ganz natürlich zum Leben gehört, gar nicht auseinander gesetzt. Warum auch, es ist in unserer Gesellschaft nicht üblich. Ich selbst hatte es ja früher auch nicht freiwillig getan. Und dann kommt er eben doch, der Tod. Irgendwann kommt er zu jedem von uns und damit auch zu unseren Liebsten. Kurz darauf komme dann ich als Bestatterin. Und wenn ich wollte, könnte ich den Menschen jetzt viel erzählen. Wenn ich es einfach haben wollte, dann könnte ich sagen: So wird´s gemacht, das war schon immer so, es gibt keine Wahl. Doch das stimmt nicht. Es gibt immer eine Wahl. Und obwohl die Bestattungsgesetze in Deutschland so streng sind wie nirgends anders, ist doch meistens mehr möglich als man denkt.

Jeder Todesfall ist dabei ganz unterschiedlich. Und dafür sind dann ja auch wir Bestatter da. Mit unserer Erfahrung und Kompetenz, dafür, mit den Angehörigen darüber zu sprechen, was ihre Bedürfnisse sind und was nun möglich ist.

Der Abschied darf Zeit bekommen. Wenige Dinge müssen sehr schnell geschehen, über vieles kann man wenigstens mal eine Nacht schlafen bevor man eine Entscheidung trifft. Und der Verstorbene muss nicht sofort mitgenommen werden. Je nach Bundesland kann er meist 36 Stunden zuhause bleiben. Ausnahmen sind durchaus möglich, wobei hier die äußeren Umstände eine Rolle spielen. Verstorbene mögen es einfach gerne kalt. In dieser ersten Zeit also dürfen sie dort bleiben wo sie sind. Oder dorthin kommen, wo sie sein sollen. Selbst wenn jemand im Krankenhaus oder Pflegeheim verstirbt, kann er nämlich auch noch einmal nach Hause gebracht werden. Du kannst dabei helfen ihn zu waschen, anzuziehen oder einfach nur dabei sein. Und wenn dein Bestatter dir das nicht ermöglichen möchte, kannst du ihn wechseln. Natürlich gibt es Situationen, in denen es nicht möglich ist oder davon abgeraten wird. Dann wird dir ein guter Bestatter aber auch mit dem nötigen Feingefühl erklären, warum das so ist.

Du musst nichts davon selbst machen. Auch dafür sind wir Bestatter da, dass du alles abgeben kannst, was gerade nicht geht. Es gibt in dieser Zeit und darüber hinaus kein „richtig“ oder „falsch“. Ich mag dich gerne einladen, wirklich auf dein Bauchgefühl zu hören. Wenn das sagt, dass da jemand kommen soll, der alles macht für dich ohne dass du davon auch nur weißt, dann ist das gut so. Ich möchte nur, dass du weißt, dass es deine Wahl ist und nicht die Entscheidung des Bestatters und auch kein Gesetz, das besagt, dass Bestatter frei über deinen Verstorbenen bestimmen dürfen. Wenn du kannst, dann nimm dir die Zeit, einen Menschen zu suchen, bei dem du dich wohl fühlst, zu dem du Vertrauen haben kannst. Denn es ist ja auch dieser Mensch, der mit deinem lieben Verstorbenen umgehen wird, der ihn umzieht, der seinen nackten Körper versorgt. Vielleicht denkst du, es ist nur noch sein Körper und er bekommt davon eh nichts mit. Und doch ist es ein Körper, der ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat.

Wenn ich das alles so schreibe, dann spüre ich, wie ich so mitten aus all den Erfahrungen heraus ganz viel zu sagen habe und doch auch die Worte erst entstehen. Nach Julians Tod durfte ich erleben, wie in Nepal damit umgegangen wurde. Ich habe damals für mich gespürt, dass etwas an unserem Umgang hier in Deutschland mit dem Tod nicht stimmt. Und doch hatte ich zugleich keine Ahnung davon. Durch meine Arbeit als Bestatterin erhalte ich nun diesen Blick hinter die Kulissen des Lebens. Manches hat mich zu Beginn ziemlich schockiert. Nicht die traurigen Geschichten, sondern die Art und Weise wie unsere Toten oft „entsorgt“ werden. Etwas in mir wollte es erzählen, wollte rufen: Lasst uns das ändern! Bis ich merkte, es ist ja nur meine Sicht. Wer bin ich schon, für ein ganzes Land zu entscheiden, wie wir mit den Verstorbenen und dem Tod umgehen wollen? Es hat schließlich seine Gründe, dass es so ist wie es heute ist. Nur wie können wir gemeinsam entscheiden, ob es so bleiben soll, wenn keiner hingucken mag? Wie können wir darüber reden, wenn das, was zwischen Tod und Bestattung geschieht, nur für wenige Menschen überhaupt sichtbar ist?

Das also treibt mich an zur Zeit. Ich spüre wie ich es ganz so sein lassen kann wie es ist, wenn es das ist, was wir als Gemeinschaft wollen. Und wenn du magst, erzähle ich dir davon, damit du für dich entscheiden kannst, wie es sein soll.

Ich stehe gerne für Gespräche zur Verfügung über diese Zeit zwischen Tod und Bestattung. Manchmal kann es hilfreich sein, alle eigenen Fragen dazu loszuwerden. Ich kenne es selbst von mir, ich habe mich damals nicht getraut, den Bestatter hier in Deutschland zu fragen, was genau er mit Julians Asche gemacht hat als sie von Nepal ankam. Dabei war es doch die gleiche Asche, die ich kurz zuvor selbst eingesammelt und von Pokhara nach Kathmandu gebracht hatte. Hier in Deutschland war ich nicht mehr zuständig und das habe ich damals so hingenommen. Wenn du also einmal mit einer Bestatterin über diese Zeit sprechen magst, ich bin da. Gerne kannst du auch deine Fragen hier in den Kommentaren stellen, womöglich sind sie auch für andere von Interesse.

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2 Comments

  • Reply Judith H. 20. Mai 2019 at 19:36

    Liebe Silke, es ist schön zu lesen, dass dieses wichtige Thema mehr und mehr eine Stimme, ein Sprachrohr in die Öffentlichkeit findet. Beim Tod meiner Mum letztes Jahr habe ich das meiste von all dem nicht gewusst. Nicht, dass man aus dem Krankenhaus auch Tod noch nach Hause darf, nicht dass man im Sarg auch eigene Decken haben darf etc…. Meine Mum selbst ein letztes mal zu waschen und umziehen, hab ich mir einfach im Krankenhaus herausgenommen. Suggeriert wurde mir aber dass alles ganz eilig gehen muss und in dieser Ausnahmesituation lässt man sich einiges gefallen… Wenige Stunden nach dem Tod drängte der Bestatter einen zu vielen Entscheidungen und es fühlte sich an als müsste man schnell vom Verstorbenen „befreit“ werden… Bleibt zu hoffen, dass es mehr und mehr Bestatter gibt, die achtsam mit den Menschen umgehen, mit den Verstorbenen ebenso wie mit den An-und Zugehörigen. Danke für diesen Artikel… den hoffentlich viele rechtzeitig lesen, bevor sie ratlos in der Situation stecken…

  • Reply Reinhard Gädeke 20. Juni 2019 at 17:42

    Liebe Silke,
    das Krankenhaus ermöglichte uns – den Eltern, dem Schwiegervater, der Schwester, unseren Söhnen und mir – einen würdevollen Abschied im Sterbezimmer. Dafür hatten wir mehr als sechs Stunden Zeit. Der Bestatter ließ sich von mir weiße Kleidung bringen, die Sabine dann während der drei Tage der Aufbahrung im Gemeindehaus trug. Nach der Aussegnung dort wurde der Sarg geschlossen, am Folgetag versammelten sich mehr als 150 Menschen zur Feier zur Feuerbestattung. Und zwei Tage später begleiteten wir den Sarg mit Sabines Leibeshülle ins Krematorium. Die Wärme, die dabei auf mich einströmte, erfüllt mich auch heute noch. Und das Bild der Flammen, die um den Sarg züngeln und dabei die Materie in Licht verwandeln, hat mir sehr geholfen, als ich am Friedhof die Urne überreicht bekam.
    Danke für Deine segensreiche Arbeit als Trauerbegleiterin und Bestatterin. Ich schaue immer wieder gerne in Deinem Blog vorbei, auch wenn mir dabei oft die Tränen kommen. Aber das darf einfach so sein.
    Reinhard

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