Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Hochsensibel trauern

Hochsensibilität. Ein Thema, das in den letzten Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich selbst bin grundsätzlich eher sparsam mit Begriffen wie diesen, möchte mich gar nicht so gerne ständig einordnen müssen. Ich bin Silke, so wie ich bin, und auch wenn ich womöglich hochsensibel bin, so ist das doch nur einer von ganz vielen Aspekten meines Wesens. So habe ich es auch bisher vermieden, diesen Begriff hier auf meinem Blog zu verwenden. Und doch hat es mir auch geholfen, mich mit dem Thema zu beschäftigen, um mich selbst besser kennenlernen und annehmen zu können. Um zu erkennen: Ich nehme nicht als einzige so scheinbar anders wahr und ich bin auch nicht krank, nur weil ich mit bestimmten Umständen nicht so gut umgehen kann wie andere in meinem Umfeld. Wir Menschen sind unterschiedlich. Niemand nimmt die Welt genau so wahr wie du. Dein Gehirn ist einzigartig in seinem Aufbau, deine Sinne sind auf einzigartige Weise ausgeprägt und miteinander verknüpft. Du bist ein einzigartiger Mensch und es ist wunderbar, dass es genau dich gibt. Auch deshalb ist Trauer so individuell, gibt es keinen anderen Menschen, der seine Trauer exakt genauso empfindet, ausdrückt oder lebt wie du. Gleichzeitig gibt es natürlich Menschen, die ähnlich fühlen wie du, mit denen du dich womöglich ohne viele Worte direkt verstehen kannst. In unserem Menschsein und gerade auch im Fühlen sind wir stets miteinander verbunden. Das Thema Hochsensibilität begegnet mir aktuell an jeder Ecke, so häufig wie in den letzten Wochen wurde ich noch nie darauf angesprochen. Und natürlich beschäftigt es mich selbst auch immer wieder, wie ich mit meinem sehr sensiblen Fühlen und Wahrnehmen gut in dieser Welt sein kann, die oft scheinbar wenig Raum lässt für meine individuellen Bedürfnisse – allen voran ein deutlich höheres Bedürfnis nach Stille und Ruhepausen als bei den meisten anderen um mich herum. Die eigenen Bedürfnisse erkennen und ernst nehmen ist ein Thema, das wohl jeden von uns angeht, für feinfühlige Menschen aber womöglich noch tiefer geht und zugleich so wichtig für das eigene Wohlbefinden ist.

Was also versteht man unter dem Begriff „Hochsensibilität“? Es heißt, dass ca. 15-20% der Menschen zu jeder Zeit anders, feiner, intensiver wahrnehmen als der Rest. Es ist also kein neues Phänomen, lediglich etwas, das erst in den 90er Jahren einen Namen bekommen hat. Ulrike Hensel beschreibt in diesem Artikel auf mymonk.de, was hochsensible Menschen ausmacht. „Ihrer Kurzdefinition zufolge hat die hochsensible Person („Highly Sensitive Person“, abgekürzt HSP) ein empfindliches Nervensystem, bemerkt Feinheiten in ihrem Umfeld und ist leichter überflutet von einer stark stimulierenden Umgebung. Das besonders leicht erregbare Nervensystem bedingt eine umfangreiche und nuancenreiche Wahrnehmung, eine komplexe Informationsverarbeitung sowie ein intensives Empfinden und ein langes Nachhallen der Eindrücke“, schreibt sie darin. Eine der ersten deutschsprachigen Seiten zum Thema ist die Seite zartbesaitet.net, auf der du unter anderem einen Test findest, der dir eine Idee geben kann, ob du selbst hochsensibel bist oder nicht. Einen 100% sicheren Test hierfür gibt es nicht, aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Mir geht es darum, das Thema auch im Zusammenhang mit der Trauer einmal zu beleuchten, vor allem auch zu würdigen, dass dadurch womöglich besondere zusätzliche Herausforderungen entstehen können. Und letztendlich geht es immer wieder vor allem darum, dass wir uns selbst immer ein Stückchen besser kennenlernen, mehr Bewusstsein dafür bekommen, was wir brauchen und wie wir gut für uns sorgen können inmitten dieser Welt, in der wir leben. Gerade für hochsensible Menschen ist das Thema Selbstfürsorge oft besonders wichtig und doch ist es zugleich auch so besonders schwer inmitten dieser schmerzhaften Trauer und mit dieser Frage im Kopf: Wie soll ich jetzt gut für mich sorgen, darf ich das überhaupt, wo mein geliebter Verstorbener doch gar nicht mehr leben darf?

Die Sensibilität unserer Wahrnehmung und die Empfindsamkeit unseres Nervensystems sind grundsätzlich angeboren, auch wenn es im Laufe des Lebens Veränderungen darin geben kann. Es entsteht nicht erst durch die Trauer und doch kann uns diese noch sensibler machen, noch offener und empfänglicher für all die Reize in unserer Umgebung. So habe ich es zumindest erlebt. Bis zu Julians Tod kam ich noch halbwegs gut zurecht damit, zu versuchen wie „alle anderen“ zu sein. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht unbedingt geeignet ist für Menschen, die leicht überflutet sind von äußeren Reizen, die intensiver fühlen und womöglich länger brauchen, um ihre Eindrücke zu verarbeiten. Es ist eine Welt, die sehr schnell geworden ist, voller Eindrücke und Reize, eine Welt, in der es darum geht gut zu funktionieren und eigene Bedürfnisse womöglich hinten anzustellen. Sich Zeit zu nehmen, Rückzug und Ruhe zu brauchen, das findet oft nicht allzu viel Verständnis. Es scheint gar keine Option zu sein, wenn wir im Leben etwas erreichen wollen. Ich habe lange versucht, da reinzupassen, habe mich lange selbst dafür verurteilt, so sensibel und auch so wenig belastbar zu sein. Habe lange geglaubt, irgendwie falsch zu sein, mich für diese Welt ändern zu müssen. Belastbar sein, das ist doch etwas, was in vielen Jobbeschreibungen gefordert wird. Belastbar, flexibel, stets präsent und leistungsfähig. Das war ich eigentlich noch nie und doch habe ich immer versucht, es zu sein. Ich wollte immer anders sein als ich war und eine Zeit lang ist mir das auch ganz gut gelungen. Es hatte einen Preis, aber es war möglich.

Dann starb Julian und auf einmal war alles zu viel. Zu viel Gefühl, zu viele Menschen, zu viel Druck, zu viele Erwartungen, zu viel von allem. Das lag natürlich nicht bloß daran, dass ich so sensibel wahrnehme. Der Tod eines geliebten Menschen ist für uns alle ein heftiger Schlag – ob nun hochsensibel oder nicht. Mir geht es hier auch um keinen Vergleich, keine Wertung. Es geht mir nicht darum zu sagen, dass hochsensible Menschen es grundsätzlich schwerer haben. Aber rückblickend würde ich sagen, dass unter anderem dieser Aspekt bei mir dazu geführt hat, dass ich mich so weit aus der Welt zurückgezogen habe. Mir blieb gar keine andere Wahl, ich war absolut überflutet und hatte keine Kapazitäten mehr, um „da draußen“ in der Welt zu funktionieren. Es ging einfach nicht. Die intensiven Gefühle und all das, was in meinem Inneren geschah, war bereits mehr als mein Körper verkraften konnte. Zusätzliche sensorische Reize von außen waren oft unglaublich überfordernd. Ich brauchte Tage, um nach manchen Treffen mit anderen Menschen wieder halbwegs klar denken und fühlen zu können. Das „lange Nachhallen der Eindrücke“ in meinem Körper sorgte immer wieder für schlaflose Nächte. Immer wieder legte mich eine bleierne Erschöpfung völlig lahm – weit über die ersten Monate nach Julians Tod hinaus. Oft fühlte ich mich selbst im Kreis von anderen Trauernden falsch und unnormal. Wieso schafften sie es, wenigstens halbwegs weiter zu funktionieren und ich scheiterte schon daran, Veranstaltungen mit mehr als fünf Menschen zu besuchen, oder auch einfach nur durch die Straßen der Stadt zu laufen?

Es ist keine Krankheit und auch keine Schwäche, besonders feinfühlig auf die Welt zu reagieren. Das war wohl die wichtigste Erkenntnis für mich in all dem. Weder meine Trauer noch meine Hochsensibilität sind Krankheiten. Die Situation, in der ich mich befand, führte dazu, dass ich zeitweise unfähig war, am äußeren Leben teilzunehmen. Sie führte auch dazu, dass ich mein Leben mittlerweile so sehr geändert habe. Ich hatte kaum eine andere Wahl, als mein Leben so zu gestalten, dass ich genügend Zeit für mich alleine habe, genügend Zeit zum Auftanken, immer wieder viel Ruhe, um all die überwältigenden Gefühle zu integrieren und meinen Körper zu regenerieren. Schritt für Schritt durfte ich herausfinden, was mir gut tut und was nicht. Ich durfte erfahren, dass ich mich nicht meiner Umwelt anpassen muss, sondern dass es für mich darum geht, mir selbst einen Lebensraum zu schaffen, in dem ich so wie ich bin gut sein kann. Ich durfte lernen, wirklich auf mich und meine Grenzen zu achten. Ehrlich gesagt lerne ich das immer noch. Wenn ich dann davon spreche, dass meine Trauer mich so sehr verändert hat, dann ist das nur teilweise wahr. Auf eine Art hat sie mir eher dabei geholfen, endlich wieder ich selbst zu sein und mich selbst in meinen Bedürfnissen vielleicht zum ersten Mal wirklich ernst zu nehmen. Zunächst auf sehr schmerzhafte Art und Weise, schließlich hatte ich gar keine andere Wahl, als endlich zu erkennen, wer ich bin und was ich brauche.

Und dann ist all das auch wieder deutlich komplexer. Für mein Empfinden reicht es nicht zu sagen: Ich bin besonders feinfühlig, daher habe ich so und so getrauert. So vieles spielte nach Julians Tod zusammen, was dazu führte, dass ich so fühlte und reagierte wie ich es eben tat. Und doch war meine sensible Wahrnehmung eben ein Aspekt davon, der häufig dazu führte, dass ich mich im Vergleich mit anderen Trauernden selbst noch mehr in Frage stellte. Ich schien so viel langsamer und eben auch in der Trauer weniger belastbar zu sein als die meisten Menschen, die ich kannte. Wenn es dir ähnlich geht, dann hoffe ich, dass ich dir mit meinen Worten ein wenig Mut machen konnte. Du bist nicht alleine damit. Und ich wünsche dir, dass du gerade jetzt in dieser schweren Zeit ganz besonders liebevoll auch mit diesen Aspekten deines Wesens sein und dir wirklich die Zeit und die Ruhe nehmen kannst, die du jetzt für dich brauchst. Egal wie oft andere Menschen dir sagen, dass es doch mal an der Zeit wäre, nun wieder rauszugehen, so wie früher. Wenn ich dich auf diesem Weg unterstützen kann, dann lass es mich gerne wissen.

Wie geht es dir mit dem Thema? Hast du auch das Gefühl, deine Trauer raubt dir mehr Energie als es bei anderen in deinem Umfeld zu sein scheint? Fragst du dich womöglich, ob es „normal“ ist, dass du dich so weit zurückziehst? Hast du dich bereits mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigt? Was denkst du, wie dein sensibles Fühlen deine Trauer beeinflusst? Wie sorgst du in all dem gut für dich? Ich freue mich über weitere Aspekte dazu, konnte ich doch in diesem ersten Artikel zu dem Thema lediglich an der Oberfläche kratzen. Ich freue mich auch über einen Austausch eurer Erfahrungen in den Kommentaren.

 

   
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2 Comments

  • Reply Judith 24. April 2018 at 20:10

    Liebe Silke,
    seit dem Tod meiner Mutter im Januar lese ich deinen Blog. Insbesondere heute möchte ich dir Danke sagen für den heutigen Text. Endlich spricht jemand aus was ich in den letzten Wochen er- und durchlebe. Ich fühle mich als ob ich allen anderen Trauernden, z.B. meinen Geschwistern hinterherhinke. Jeder macht weiter, lebt seinen Alltag, sagt mir dauernd, dass es doch jetzt besser sein muss und was ich jetzt für mich tun soll. Mir aber ist alles zu laut, Menschen strengen mich an, Ablenkungen strengen mich an, immer der Gedanke, dass meine Mutter das alles nicht mehr erleben kann, keinen Frühling, kein Eis essen mehr, keine Erdbeer- und Spargelsaison…Die Trauer raubt meine komplette Energie.
    liebe Grüße und Danke für deinen Blog, ich glaube er tröstet viele…
    Judith

    • Reply Silke 24. April 2018 at 22:20

      Danke dir für deinen Kommentar, liebe Judith. Ich kann das wirklich so gut nachfühlen .. alles zu laut und die anstrengenden Menschen .. Ja, die Trauer raubt alles an Energie, was da ist. Ich wünsche dir so sehr von Herzen, dass du dich selbst damit liebevoll annehmen kannst, egal was die anderen sagen. Es ist wie es ist bei dir und es ist nichts Falsches daran.
      Alles Liebe für dich
      Silke

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