Alleine in der Welt
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Alleine in der Welt – Leben ohne Partner

Dieses Thema beschäftigt mich schon sehr lange, länger noch als Julians Tod. Das Leben ohne Partner oder Partnerin in unserer Gesellschaft. Wenn ich sage, dass ich ganz gerne alleine bin und nicht bloß irgendwen finden will, um wieder in einer Beziehung zu sein, wenn ich erkläre, dass ich seit oder durch Julians Tod nicht auf der Suche bin, dann habe ich schon oft die Erfahrung gemacht, dass mir das nicht geglaubt wird. Als würde ich es mir ein- oder einfach schönreden. Dabei habe ich bereits bevor ich Julian kannte so gefühlt. Nicht schon immer, aber irgendwann in dieser Zeit damals, als ich nach meiner ersten Beziehung einige Jahre lang Single war, da habe ich für mich festgestellt, dass ich eigentlich total okay damit bin, alleine zu sein. Ich habe festgestellt, dass ich mein Leben nicht darauf ausrichten möchte, unbedingt eine Beziehung haben zu müssen. Mir wurde klar, dass ich das Glück woanders, vermutlich in mir, suchen muss. Dass ich es nicht in einem anderen Menschen finden kann. Dass ich meinen eigenen Weg finden und gehen möchte, unabhängig davon, ob ich ihn alleine oder zu zweit gehe. Und dass es dann umso schöner ist, wenn da ein Mensch in mein Leben kommt, der mitgehen mag und bei dem auch ich mitgehen möchte. So war es, als Julian mir begegnete. Es geht im Grunde darum, dass wir alle bereits ganz sind, in uns selbst genug. Es braucht niemanden im Außen, der uns ganz macht, auch wenn es sich zeitweise und vermutlich immer wieder so anfühlen mag. In den letzten Jahren war ich oft sehr dankbar darüber, so zu empfinden, hat es mir doch eine gewisse innere Ruhe in all den Stürmen verschafft. Wenigstens an dieser einen Stelle.

Und doch gibt es auch die andere Seite. Es ist nicht bloß schön, es macht auch vieles einfacher in unserer Welt, wenn wir zu zweit hindurch gehen. Als Frau habe ich mich ohne Partner oft auf eine subtile Art schutzlos gefühlt in der Welt. Mir unangenehmen Anmachen oder gewissen Machtspielchen in meinem damaligen Job auf eine Art ausgeliefert, die ich mit Julian an meiner Seite nicht mehr so empfand. Obwohl er gar nichts aktiv tat dafür, er war nur einfach da, nicht einmal immer tatsächlich neben mir. Es gab diesen Mann an meiner Seite, diesen Ort, wo ich hingehörte, und das allein änderte etwas an der Art, wie ich selbst in der Welt sein konnte. Und dann war er mit einem Schlag wieder verschwunden aus meinem Leben. Körperlich verschwunden, auch wenn er auf andere Art geblieben ist. Und ich war wieder alleine. Quasi Witwe diesmal und zugleich ja irgendwie auch Single. Auf eine neue Art. Ich wusste, dass es sich für mich falsch anfühlen würde, auf die Suche zu gehen, dass es nicht darum ging, jetzt schnell einen neuen Mann zu finden. Ich wusste, dass es nicht darum ging ihn zu ersetzen und ich hatte in meiner Trauer auch gar keine Kraft, mich überhaupt mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Umso mehr verletzte es mich, wenn ich immer wieder zu hören bekam, wie gut es doch sei, dass ich noch so jung bin, dann könne ich schließlich wieder wen finden. Ich habe mich dann immer gefragt, ob es wirklich nur darum gehen soll im Leben? Eine Beziehung zu haben. Sobald ich wieder wen habe, ist alles gut? Wäre dann die Trauer vorbei gewesen? Sicher nicht. Da ist so viel Platz in unseren Herzen und natürlich ist es schön, zu zweit durch die Welt zu gehen, wieder eine neue Liebe zu empfinden. Für mich fühlte es sich aber falsch an, das als Ziel meiner Trauer oder als Ende der Verarbeitung anzusehen. Als einzige Art, um wieder glücklich sein zu können. Ich vertraute darauf, dass ich es schon bemerken würde, sollte mir wieder jemand begegnen, wann auch immer das sein würde. Auch hier gibt es kein Richtig oder Falsch, keinen zu frühen, zu späten oder sonstwie falschen Zeitpunkt. Egal wie viele Menschen das vielleicht behaupten mögen.

Und so blieb ich ganz bewusst alleine. Und habe dabei gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist in dieser Welt, in der wir hier leben. Alles scheint so darauf ausgerichtet, zu zweit zu sein. Durch die Partnerschaft jemanden zu haben, mit dem man alles besprechen, alles teilen kann. Irgendwo ist dann scheinbar immer der Punkt, an dem Freundschaften enden. An dem der Partner vorgeht. An dem auf eine gewisse Art die Tür zugeht, hinter der die anderen mit ihren Partnern und Familien leben. Und ich will damit nicht sagen, dass das schlimm oder falsch ist, im Gegenteil. Und doch, ich frage mich, was es an dieser Stelle für Lösungen geben kann. Für all die Menschen, die alleinstehend sind hier in unserem Land. Und das sind viele. Ich habe keine Zahlen, aber ich denke, es sind sehr viele. Und ich nehme immer wieder so viel Einsamkeit wahr. Und so viel Verzweiflung bei der Partnersuche. Denn mit Partner ist ja wirklich vieles ein bisschen besser. Mit Partner kann ich auf eine Art besser in dieser Gesellschaft sein. Dann gehöre ich immer schon irgendwo hin und muss nicht immer wieder aus eigener Kraft dafür sorgen, dass ich an Weihnachten, Silvester, Geburtstagen, Abenden, Wochenenden nicht alleine bin. Gerade jetzt an Silvester und Weihnachten ist es mir aufgefallen. Wie selbstverständlich Paare eben sowieso zusammen sind und dann gemeinsam überlegen, mit wem sie sich treffen wollen. Und wenn ein Treffen nicht klappt, sind sie immer noch zu zweit. Als Single, Witwe oder Witwer können lieb gemeinte Worte wie „Feier schön mit deinen Lieben“ dann auf eine Art ganz schmerzhaft sein. Als ginge jeder davon aus, dass jeder andere immer genug Menschen um sich hat, um nicht alleine zu sein. Und dann kommen diese Fragen: Bin ich falsch, weil ich heute alleine bin? Bin ich falsch, weil ich nicht weiß, mit wem ich Silvester feiern werde? Ist es vielleicht besser, wenn die anderen das nicht merken? Die anderen, die doch sicher alle schon irgendwo hingehören. Wo gehöre ich hin, wenn ich keinen Partner habe? Wenn sie merken, wie einsam ich bin, vielleicht lehnen sie mich dann noch mehr ab, schließlich ist es so ungewöhnlich und sagt das nicht vor allem über mich, dass ich irgendwie falsch bin, wenn keiner mit mir zusammen sein will? Wie schade, wenn eine Partnerschaft dann auf diesen Gedanken beruht, vor allem deshalb eingegangen wird, um sich eben weniger falsch und alleine zu fühlen. Anstatt aus Liebe und aus dem guten Gefühl heraus, wirklich mit diesem einen Menschen das Leben verbringen zu wollen.

Dazu habe ich am Wochenende eine Geschichte gehört von jemandem, der an Weihnachten alleine war. Und in diesem Jahr einmal ausgehen wollte, nicht bloß daheim sitzen. Also hat er sich tatsächlich aufgemacht, an Weihnachten alleine in ein Restaurant zu gehen. Nur um dort gesagt zu bekommen, dass sie ihm leider keinen Tisch geben können, das geht an Weihnachten nur für Familien, die haben ja sonst keinen Platz. Es hat mir einen Stich im Herzen verpasst, das zu hören. Was ist mit all den Ein-Mann-oder-Frau-Familien da draußen, von denen ich in meinem Gastbeitrag bei annarockt geschrieben habe? Wo sollen sie hin? Sollen sie daheim bleiben, damit keiner sehen muss, dass es sie gibt?

Das schreibe ich nun nicht, um euch zu sagen, dass mein Silvester oder Weihnachten schrecklich waren. Ich hatte zum Glück eine wirklich schöne Zeit dieses Mal. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass das ein großes Geschenk ist, das so vielen in diesen Tagen nicht vergönnt war. Und so war es mir ein Bedürfnis, diese Zeit als Anlass zu nehmen, um einmal diese Gedanken niederzuschreiben, die mich schon so lange beschäftigen. Was ich damit sagen will oder wo das hinführen könnte, das weiß ich nicht. Vielleicht kann es ein erster Schritt sein, auch darüber mehr zu sprechen. Über Einsamkeit. Über die Frage, wie wir so leben wollen, was wir als Menschen in dieser Gesellschaft eigentlich brauchen. Eine Gesellschaft mit so vielen allein lebenden Menschen, die irgendwie so tut als wäre es eine schöne Freiheit alleine zu sein, während zugleich so vieles darauf ausgerichtet ist, mindestens zu zweit zu sein. Vielleicht können wir hier anfangen, einmal nachzufragen. Anstatt davon auszugehen, dass jeder irgendwen hat, um sich nicht alleine zu fühlen. Oder immer zufrieden damit ist, alleine zu sehn. Hinsehen, wer ist denn eigentlich alleine in unserem Umfeld, wer fühlt sich vielleicht einsam? Und vielleicht auch selbst damit anfangen, davon zu sprechen, dass wir uns gerade einsam fühlen. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das ist ganz natürlich. Und so verletzlich wir uns damit machen, wenn wir jemand anderem gestehen, dass wir ganz alleine sind, so vieles ermöglichen wir auch damit. Eine Chance auf eine neue, tiefere Verbundenheit entsteht. Immer mit dem Risiko, nicht zu bekommen, was wir uns wünschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich insgesamt sehr lohnt, dieses Risiko einzugehen.

 

Deine Gedanken dazu interessieren mich sehr. Bist du alleine und wie gehst du damit um, wie fühlst du dich damit? Oder bist du vielleicht in einer Partnerschaft und wie siehst du dann die Menschen um dich herum, nimmst du sie wahr in ihrer Einsamkeit? 

 

Foto: Yasser Alghofily

   
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11 Kommentare

  • Reply Barbara 1. Januar 2018 at 14:16

    Liebe Silke,
    gerade lese ich deinen Kommentar. Ein Thema, das mir auch sehr auffällt. So sitzt meine Freundin mit ihren zwei Kindern allein an Weihnachten oder sie kümmert sich um „Begleitung“, aus eigener Kraft und das ist bestimmt auch nicht immer angenehm (Sie will niemanden auf die Nerven gehen, etc…). Ich glaube, jeder kann vor der eigenen Haustür beginnen: wer ist in meinem Umfeld allein, wer freut sich über Gesellschaft (wer vielleicht auch nicht?), wer möchte auch bewusst alleine sein? Neben den Menschen, die vielleicht noch über einen Freundeskreis verfügen und sich da mit einfügen könnten, gibt es ja auch ältere Menschen, die einfach alleine sind. Meine Mama zum Beispiel. Die hat nun uns als Familie seitdem mein Vater tot ist, aber ab einem gewissen Alter scheint es noch schwerer zu fallen, andere Menschen/ Freunde anzusprechen.
    Mir scheint es wichtig, dass jeder die Menschen in seinem Umfeld im Blick hat und auch, wenn die Signale nicht immer eindeutig sind, vielleicht doch auch ein Kaffee oder ein Moment des Zuhörens hilfreich sein können…

    • Reply Silke 1. Januar 2018 at 14:24

      Liebe Barbara,
      danke dir für deine Worte zu meinem Beitrag!
      Genau, das ist natürlich auch noch ein wichtiger Aspekt. Manch einer möchte natürlich auch alleine sein. Es geht nicht darum, Gemeinschaft aufzudrängen, aber achtsam zu sein und nachzufragen. Und es kann ja auch immer anders sein. Ich zum Beispiel bin oft ganz bewusst sehr gerne wirklich für mich. Und dann freue ich mich aber ja trotzdem, wenn jemand fragt, ob ich Gesellschaft möchte. Es ist dann schön, wenn ich es verneinen kann, ohne dass der andere es persönlich nimmt.
      Es gibt so viele Formen der Einsamkeit, ja. Manchmal ist es am schlimmsten, sich inmitten von Menschen einsam zu fühlen, kommt mir da noch als Gedanke dazu.
      Ich finde es schön, wie du es formulierst. Es wäre wirklich schön, wenn jeder die Menschen in seinem Umfeld im Blick hätte.
      Liebe Grüße
      Silke

  • Reply Susi 1. Januar 2018 at 14:55

    An Weihnachten war ich 2x eingeladen. Ich habe es genossen unter Menschen zu sein.

    Silvester war ich alleine. Ich habe allen Bekannten und Freunden eine persönliche WA Nachricht geschickt. Zurück kam meist ein nichtssagendes Video. Nicht, dass ich was anderes erwartet hätte.
    Aber es hat mir auch klar gemacht, dass Du ohne Partner nichts wert bist. Dazu kommt der Einkommensverlust durch die Witwenrente – was einem noch mehr ausgrenzt.

    Unsere Gesellschaft ist auf Partnerschaften in allen möglichen Bereichen ausgerichtet. Ohne scheint nichts zu funktionieren. Der Rest fällt irgendwann durch das Raster.

    Ich überlege wirklich ab heute einen Test laufen zu lassen. Aus den Netzwerken verschwinden, im normalen Leben auch abtauchen. Nur um einfach herauszubekommen, wann gemerkt wird, dass ich nicht da bin.
    Wahrscheinlich wird mich dss Ergebnis zu Tode erschrecken….

    Ich wünsche Dir alles Liebe und viele positive Erlebnisse im neuen Jahr.
    Susi

    • Reply Silke 1. Januar 2018 at 17:41

      Danke dir für deinen Kommentar, liebe Susi!
      Schön, dass immerhin Weihnachten bei dir in diesem Jahr eine schöne Erfahrung war.
      Du bist nicht wertlos ohne Partner. Ich bin mir sicher, dass niemand das denkt. Ich glaube vielmehr, dass gewisse Strukturen bestehen, die auf einer Gesellschaft beruhen, die sich längst gewandelt hat. In der eben nicht mehr jeder einen Partner und Familie hat, in dem das nicht mehr unbedingt das mehr oder weniger einzige Lebensmodell ist. Da darf es noch einiges an Veränderung geben.
      Du bist so wertvoll, einfach weil du du bist. Ganz unabhängig von Partnerschaft oder Reaktionen anderer.
      Ich wünsche dir ebenfalls alles Liebe und dass du in diesem Jahr viele schöne Momente erleben wirst.
      Silke

  • Reply Janina 1. Januar 2018 at 16:46

    Hm. Ich verstehe, was du meinst. Finde es aber schwierig. Ich finde nicht, dass alles darauf ausgelegt ist, zu zweit / als Familie zu sein. Als Familie hat man ja oft eher das gegenteilige Gefühl, nämlich dass Kinder nirgends erwünscht sind und vieles alleine einfacher wäre.
    Mir hat es zu mehr Gelassenheit verholfen, nicht alles auf mich/ meine Situation zu beziehen. Wenn ich etwas möchte, sage ich das oder mache es einfach. Wenn ich Silvester alleine / gar nicht feiern möchte, organisiere ich mir das. Wenn ich nicht alleine feiern möchte, mache ich das auch. Wir sind ein Haufen Freundinnen, mit Familie/Partner und auch ohne. Es wird zu Silvester eingeladen, wer mag, kommt. Mein Eindruck ist manchmal, dass sich die Singles / Paare ohne Kinder unwohl fühlen. Zu laut? Zu viele Menschen? Keine Ahnung. Aber was soll man da tun?
    Es spielt für mich echt keine Rolle, ob jemand einen Partner oder Kinder hat oder nicht. Hauptsache man mag sich.

    Zu „doofen“ Sprüchen: oft kommen diese ja zustande, weil derjenige entweder nicht weiß, was er/sie sagen soll oder weil man sich einfach nicht in die Situation des anderen hineinversetzen kann. Auch ich war davon schon betroffen bzw. habe mich so doof verhalten, was mir aber erst viel später aufging. Nicht mit Absicht, einfach weil es so weit außerhalb meiner Erfahrung lag, dass ich keine Ahnung hatte, wie der andere sich tatsächlich fühlt.
    Diese innere Gelassenheit, von der du schreibst, ist – glaube ich – wichtig für jeden. Denn nur so bin ich doch mit mir selbst im Reinen und das macht den Umgang mit anderen viel einfacher. Weil ich Probleme nicht unbedingt auf mich persönlich beziehen muss. Und vielleicht auch erkenne, dass Einsamkeit auch in mir liegt. Ich will jetzt nicht „die Schuld“ auf die Menschen schieben, die einsam sind. Aber man kann sich auch in einer Partnerschaft einsam fühlen, in einer Familie, in Gesellschaft. Ungesehen, unverstanden, allein gelassen. Und doch kann mir niemand ohne mein Zutun die Einsamkeit nehmen. Denn wenn ich gesehen, verstanden werden möchte, muss auch ich etwas tun. Mich öffnen, kommunizieren, dem anderen die Chance geben, mich wirklich zu sehen. Und ja, ich weiß, dass das schwer ist. Und ja, ich weiß, dass man mich total falsch verstehen kann und hoffe einfach mal, dass das nicht passiert.

    Von mir bekommen Silvester übrigens alle nur kurze Grüße (meist eher gar keine), zu mehr hab ich gar keine Zeit. Persönliche Nachrichten gibt es dann den Rest des Jahres.

    Habt alle ein tolles 2018 mit vielen schönen Erlebnissen!

    • Reply Silke 1. Januar 2018 at 17:50

      Danke dir für deine Worte, liebe Janina! Ich finde es so schön, dass du eine andere Sichtweise einbringst hier. Genau dafür ist es immer wieder so wichtig, auszusprechen was ist, in Kommunikation zu gehen und zu sein. Es kann oft so schwer sein, sich in andere reinzuversetzen.
      Es ist total schön, dass du da keinen Unterschied machst zwischen Singles und Paaren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob jemand wirklich bewusst so einen Unterschied machen würde, ehrlich gesagt.
      Und ja, es ist verrückt, als Alleinstehender kommt das Gefühl auf, die Gesellschaft sei irgendwie nicht für einen gemacht. Und mit Kindern ist es dann wieder auf andere Art ähnlich. Vielleicht geht es ganz allgemein darum, dass es etwas menschlicher werden darf, dass insgesamt neue Werte benötigt werden. Und dann ist es sowieso immer so ein Ding, über „die Gesellschaft“ zu sprechen. Denn das sind ja immer wir. Und jeder erlebt es natürlich anders.
      Es ist beides wahr, finde ich. In mir selbst schauen. dass ich weniger einsam bin, ist die eine Seite und wirklich sehr wichtig. Und achtsam miteinander umgehen gehört dann eben auch dazu. Es darf ja auch ein gemeinsamer Prozess sein. Denn in manchen Situationen ist es wirklich sehr schwer, von sich aus auf andere zuzugehen – und seien es noch so gute Freunde.
      Dir ebenfalls ein ganz wundervolles 2018!

    • Reply Tina 2. Januar 2018 at 17:51

      Liebe Janina, ich bin eine 45jährige single-Frau ohne Familie. Das wurde durch einen Schicksalsschlag verunmöglicht den ich an dieser Stelle nicht beschreiben möchte.
      Die Sache ist die: Wenn frau so etwas erlebt hat, setzt frau sich sehr lange mit der eigenen Situation und Trauer auseinander. Und ein hilfreicher Gedanke ist: Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. Die Familien haben auch Stress, ein Teil davon bleibt mir erspart. Frau fängt an hin zu schauen wie aufreibend das Familienleben sein kann. Kinder nehmen die Eltern oft total in Beschlag. Wenn ich also meine FreundInnen behalten will, bleibt mir nur eins: Verständnis, Verständnis und nochmal Verständnis haben für ihre Situation. Ich passe meine Kontakte mit ihnen, meine Geschenke an sie, meine Erwartungen an die Freundschaft, rund um die Familiensituation her an. Oft sind sie nur noch als Familie ansprechbar.
      Dieses Familienleben haben sich die meisten ausgesucht. Sie haben mit einer Belastung zu tun, das ist klar. Aber es wird auch gratuliert, gelobt und gefeiert. Und natürlich wird Rücksicht genommen und dies auch erwartet. Aber ich habe mir meine SItuation nicht ausgesucht.
      Und dann stehe ich irgendwann da und merke, dass meine Beziehung zu meinen Freunden nur noch in IHREM Rhythmus stattfindet. Dass es nur noch um IHRE Themen geht. Und dass ich als Alleinstehende Freundin willkommen bin, aber nur wenig Respekt für MEINE Bedürfnisse und Wünsche erhalte. Und zwar noch weniger als kinderlose Paare die mit Familien befreundet sind.
      Die Eltern meines Patenkindes sind sehr enge Freunde von mir. Aber genau das erlebe ich zur Zeit mit ihnen. Termin mit mir für ein Treffen? Kann man kurzfristig drei Mal hintereinander verschieben. Kommt der andere Pate zu Besuch mit seiner Partnerin, wird der rote Teppich ausgerollt und ein 5-Gang-Menu gekocht. Komme ich zu Besuch? Heisst es zur Begrüssung „ach du bist schon da“ und es wird Spaghetti gekocht. Anregende Gespräche? Denkste, denn die Kinder toben und um 21h fallen die Eltern ins Koma. Bei ihrem letzten Besuch hier legte sich die Mutter meines Patensohns auf mein Sofa und schlief ne Runde (die Kinder sind 6 und 8, also geht es hier nicht mehr um unausgeschlafene Baby-Eltern). Würde ich das jemals tun wenn ich bei irgendwem zu Besuch bin? Ich finde es ehrlich gesagt unmöglich. Aber das Familie-Sein entschuldigt irgendwie alles.
      Als Freundin erwarte ich aber, dass ich gleichwertig behandelt werde. Freundschaft bedeutet doch eine respektvolle, gleichgestellte Beziehung, oder etwa nicht? Dass mich zu treffen heisst, mir Aufmerksamkeit zu schenken. Dass wenn ich ihre Bedürfnisse beachte, auch meine Bedürfnisse beachtet werden. Das vermisse ich leider oft in der Freundschaft mit Eltern.
      Das Gras ist grüner auf der anderen Seite. Die Probleme scheinen immer grösser auf der eigenen. Du schreibst, als Eltern, hat man oft den Eindruck, man wäre als Familie nicht willkommen. Als Alleinstehende, habe ich sehr oft den Eindruck, nicht erwünscht und respektiert zu sein.
      Du fragst, was du tun kannst. Du kannst dir überlegen oder auch nachfragen bei deinen alleinstehenden FreundInnen, was sie sich denn wünschen von einem gemeinsamen Silvesterabend. Wie sie den gestalten wollen. Ich vermute, sie möchten etwas anderes erleben, als einen Silvester, der ausschliesslich von den Bedürfnissen einer Familie bzw. mehrere Familien und Paare geprägt wird, und sich dann an dieses Programm anpassen zu müssen, um nicht alleine zu sein. Sie möchten als ebenbürtige FreundInnen eingeladen sein, die ebenfalls Vorstellungen haben von diesem Abend. Und sicher auch gerne mithelfen, Kompromisse zu finden und dies entsprechend gemeinsam zu gestalten. Frag doch mal nach.

  • Reply Sabine 1. Januar 2018 at 20:42

    Liebe Silke,
    wieder ein sehr guter Beitrag von dir.
    Zwei Dinge fallen mir spontan dazu ein …
    Ich bin nicht gern allein (oder noch nicht), auch wenn ich es inzwischen ganz gut kann. Damit meine ich nicht das stundenweise Alleinsein an sich, mir fehlt ganz klar die Partnerschaft. Das Miteinander, die Gespräche, die ich so nur mit ihm führen konnte, die Zweisamkeit, das gegenseitige Verstehen. Das Nachhause kommen, in den Arm genommen werden und das Gefühl haben – ALLES ist gut – ganz egal, wie der Tag auch war.
    Zum anderen habe ich schon das Gefühl, dass ich für mein paarträchtiges Umfeld nun nicht mehr so gut kompatibel bin. Über den Jahreswechsel hatte ich eine Kurzreise geplant, die ich absagen musste, weil ich krank geworden bin. Gestern war ich wieder fit und letzten Endes allein, habe nirgendwo dazu gepasst. Ganz sicher hätte ich mich selbst irgendwo einladen können, das wollte ich aber nicht. Einige haben mich bedauert, es aber vermieden, sich noch einmal zu melden. Erst nach Mitternacht kamen dann die Nachrichten mit bunten Bildern und unpersönlichen Floskeln. Damit war dann die „Pflicht“ erfüllt.
    Natürlich bin ich noch sehr empfindlich und sensibel, trotzdem glaube ich nicht, dass mich mein Gefühl täuscht. Das offene Miteinander geht unserer Gesellschaft immer mehr verloren. Trauer ist ein Tabuthema, genau wie Anderssein. Und dass ich nun anders bin, ist ganz deutlich spürbar.
    Alles Liebe für dich. Ich wünsche dir ein gutes und gesundes neues Jahr.
    Sabine

    • Reply Silke 1. Januar 2018 at 22:24

      Danke dir, liebe Sabine, für deine Gedanken zu meinem Beitrag.
      Ich kann gut nachempfinden, was du schreibst. Es ist etwas ganz Wundervolles in so einer Partnerschaft zu sein und das fehlt natürlich. Es ist sehr traurig, in eine so leere Wohnung nach Hause zu kommen.
      Trauer, Anderssein, auf welche Art auch immer rausfallen aus dem, was „normal“ zu sein scheint. Ja, das ist schwer. Und doch bin ich mir auch sicher, dass niemand dich mit Absicht verletzt. Es lohnt sich, Menschen zu suchen, die auf ihre ganz eigene Art auch anders sind, die vielleicht nun besser, anders zu deiner neuen Lebenssituation passen. Wir können nach so einem Schicksalsschlag nicht mehr einfach so die Alten werden, genauso wenig können unsere Freunde und Bekannte aber auch plötzlich anders werden. Sie haben es ja nicht so erlebt. Ich habe dazu schon vor einer Weile etwas geschrieben, was mir persönlich an der Stelle noch mal ganz viel Frieden gebracht hat: http://in-lauter-trauer.de/freundin-verloren
      Ich verstehe aber auch gut, wenn du momentan sehr sensibel reagierst und wenn es einfach schwer für dich ist, damit umzugehen. Ich habe wirklich sehr lange mit diesem Thema gehadert. Und ich denke auch, ein offenes Miteinander und vor allem die Fähigkeit zu fühlen, mich selbst und andere, das ändert so viel. Es mag vielleicht nicht überall zu finden sein, aber es gibt diese Orte, diese Menschen, wo das so ist. Ich wünsche dir von Herzen, dass dir in diesem Jahr mehr davon begegnen werden.
      Silke

  • Reply Esther 3. Januar 2018 at 16:24

    Liebe Silke,
    mit deinem Beitrag sprichst du ein Thema an, das mich gerade sehr beschäftigt. Mein Partner ist vor 10 Monaten gestorben, und während der Feiertage ist mir zum ersten Mal seit seinem Tod die Decke auf den Kopf gefallen. Alle ziehen sich während dieser Zeit mehr oder weniger in den familiären Kokon zurück – vollkommen normal, das habe ich ja bisher nicht anders gemacht. Aber für mich hieß das nun: „Greifbare“ Freunde waren irgendwann aufgebraucht, und meine Eltern kann ich – bei aller Liebe und Zuneigung – mit meinen Anfang 40 auch nur eine begrenzte Zeit um mich haben.
    Für mich ist nun die Frage, was ich aus dieser Erfahrung mache. Mir bewusst und aktiv mein vorhandenes soziales Netzwerk (um mehr Alleinstehende) erweitern? Meine bestehenden Freunde in solchen „extremen“ Zeiträumen mehr fordern? Strategien entwickeln, um längeres „Alleinsein“ nicht als beängstigend/belastend zu empfinden? Wahrscheinlich von allem ein bisschen.
    Außerdem glaube ich, dass „Alleinsein“ gesellschaftlich nach wie vor verpönt ist und deswegen von vielen als Schmach empfunden wird. Ich z.B. gehe noch immer sehr ungerne alleine ins Kino o.ä. Ich habe dann das Gefühl, dass mich alle blöd anschauen und denken: Die muss ja komisch sein, wenn keiner mitkommt. Selbst wenn dem so ist: Who f… cares?
    In diesem Sinne wünsche ich allen immer dann Menschen in der Nähe, wenn ihr sie braucht, Ruhe, wenn ihr das Bedürfnis nach Zeit nur für euch habt sowie Gelassenheit und ein dickes Fell, wenn jeweils genau das Gegenteil der Fall ist.
    Esther

  • Reply Jod 11. Januar 2018 at 5:47

    Niemand da, der auf mich wartet
    Ich geh heim, wann es mir gefällt
    Endlich mal in meinem Leben
    Niemand, der mir Fragen stellt

    Und ich wart auf keine Antwort
    Sitz auch abends kaum zu Haus
    Ich nehm mir Zeit für meine Freunde
    Und geh jetzt auch viel öfter aus

    Nur wenn ich lache, tut’s noch weh
    Oder wenn ich was Schönes seh
    Nur dann fühl ich
    Mich manchmal sehr allein
    Die Freude wird zur Traurigkeit
    Weil niemand mehr sich mit mir freut
    Ja, wenn ich lache
    Tut es weh

    Niemand in der großen Wohnung
    Mein Gott, man gewöhnt sich dran
    Will ich jemand reden hören
    Mach ich mir das Radio an

    Und ich wart nicht auf ein Wunder
    Nehm mir eine Menge vor
    Ich hab noch etwas zu gewinnen
    Auch wenn ich ziemlich viel verlor

    Nur wenn ich lache, tut’s noch weh
    Oder wenn ich was Schönes seh
    Nur dann fühl ich
    Mich manchmal sehr allein
    Die Freude wird zur Traurigkeit
    Weil niemand mehr sich mit mir freut
    Ja, wenn ich lache
    Tut es weh

    Natürlich gibt es auch Momente
    In denen man sich hängen lässt
    Doch die geh’n rasch vorüber
    Ich halt mich nicht an Träumen fest

    Nur wenn ich lache, tut’s noch weh
    Oder wenn ich was Schönes seh
    Nur dann fühl ich
    Mich manchmal sehr allein
    Die Freude wird zur Traurigkeit
    Weil niemand mehr sich mit mir freut
    Ja, wenn ich lache
    Tut es weh
    Ja, wenn ich lache, tut es so weh

    Von meiner im letzten Jahr verstorbenen „Landsmännin“

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