Langsamkeit
Weiterleben

Zu langsam für die Welt – Ich funktioniere nicht mehr wie ich soll

Die Welt, in der wir heute leben, ist ganz schön schnell. Viel wird in dieser Zeit von uns verlangt. Möglichst schnell Karriere machen, dabei ganz flexibel sein was Wohnort, Arbeitszeiten oder Geld angeht, spannende Dinge in der Freizeit erleben, uns stetig weiterbilden, gesund ernähren, ausreichend Sport, auf Reisen gehen wäre auch gut – das erweitert schließlich den Horizont und verbessert wieder die Karrierechancen. Belastbar sollen wir sein und selbstständig, aber auch teamfähig und am besten wäre es, wenn nichts uns aus der Ruhe bringen würde. Familie ist natürlich wichtig und darf bei all dem nicht zu kurz kommen. Achja, und Zeit für Freunde muss selbstverständlich auch sein. Und wer den „normalen“ Karrierepfad verlassen will, der sollte möglichst schnell wissen, was genau seine Bestimmung ist und diese am besten auch schnell erfüllen. Denn wenn es nicht bald zum Erfolg und zu großem Glück führt, dann befinden wir uns wohl offensichtlich auf dem falschen Weg. Alles in einem hohen Tempo, schließlich leben wir ja (womöglich) nur einmal und wollen doch auch nichts verpassen. Und wenn uns ein Schicksalsschlag ereilt, dann sollten wir den genau aus diesem Grund auch möglichst schnell bewältigen. Das Leben geht doch schließlich weiter und wartet nicht auf uns, bis wir fertig getrauert haben. Und überhaupt, wer will schon seine Lebenszeit mit trauern verschwenden, dafür ist einfach keine Zeit.

Allein wenn ich das hier so schreibe, stresst es mich schon und ich merke wie sich mein Körper anspannt. Ich möchte so nicht leben. Nein, es ist mehr als das: Ich kann es gar nicht mehr. Bin ich deshalb falsch? Wie passe ich in die Welt, wenn ich es nicht schaffe, mit den anderen mit zu rennen?

Womöglich bin ich nicht alleine damit. Denn es gibt immer mehr Angebote für einen besseren, anderen Umgang mit Stress. Immer mehr Menschen suchen nach Möglichkeiten, wie sie mit all den Anforderungen dieser schnellen Welt klarkommen können. Ich denke da zum Beispiel an „Mindful Based Stress Reduction“ (MBSR), ein Kurs über acht Wochen, in dem es darum geht, durch Achtsamkeit anders mit dem alltäglichen Stress umgehen zu lernen. Ich selbst habe so einen Kurs vor einigen Jahren besucht und daraufhin häufiger weiterempfohlen. Dabei ist mir aufgefallen, wie Menschen reagieren, wenn ich sage, dass es dazu gehört, sich in diesen acht Wochen jeden Tag eine Stunde Zeit für die Übungen zu nehmen. Viele sind ganz ungläubig, dass das echt wahr sein kann. Eine ganze Stunde? Jeden Tag? Nur für mich? Wie soll das gehen, wie kann das irgendwer verlangen? Und schon macht allein der Gedanke an diesen Kurs noch mehr Stress. Aber wie verrückt ist das denn, wenn wir von 24 verfügbaren Stunden pro Tag nicht einmal eine einzige wirklich ganz für uns haben können? Die müssen wir ja gar nicht mit irgendwelchen Übungen verbringen, sondern vielleicht einfach mit genau dem, was uns gut tut. Mit einem Innehalten. Einem Innehalten, aus dem heraus es überhaupt nur möglich wird, zu erkennen, was ist und dieses Leben ein kleines bisschen bewusster zu leben.

Denn worum geht es hier eigentlich? Darum, möglichst viele Erfahrungen, Ziele, Dinge in unsere Lebenszeit hier zu packen, damit wir am Ende so wenig wie möglich verpasst haben? Oder geht es nicht viel eher darum, das, was wir erleben, bewusst zu erleben? Selbst wenn es so etwas schmerzhaftes ist wie die Trauer. Wie sollte es hier überhaupt ein „richtig“ oder „falsch“ geben, darf nicht eigentlich jeder und jede für sich den ganz individuellen Lebensweg mit dem ganz eigenen Tempo gehen?

Jeder Mensch ist anders. Jeder hat sein eigenes Tempo, jeder bringt die Energie und die Möglichkeiten mit, die er nun einmal hat. Und niemand ist deswegen ein besserer oder schlechterer Mensch. Das gilt für die Zeit der Trauer und darüber hinaus. Es gilt einfach immer. Du bist genau richtig so, wie du bist. Du bist jederzeit genug, du musst nicht versuchen, jemand anderes zu sein. Du darfst langsam sein. Oder auch schnell. Du darfst einfach sein, so wie du bist. Und ja, das schreibe ich dir und gleichzeitig auch mir selbst an dieser Stelle, denn auch ich muss mich immer wieder daran erinnern.

Und doch, die Frage bleibt: Wie passt die Langsamkeit dann in diese Welt? Ich weiß nur, dass niemand im Außen kommen und uns erlauben wird, so zu sein wie wir sind. Das können nur wir selbst. Und es ist kein leichter Weg, aber er muss auch nicht zwingend schwer sein. Julians Tod hat mich damals dazu gezwungen, aus dem schnellen Leben, das ich bis dahin noch halbwegs funktionierend geführt habe, auszusteigen. Lange war mein Energielevel so niedrig, dass ich kaum am Leben teilnehmen konnte. Das durfte sich über die Zeit verändern, auch wenn ich nicht daran geglaubt habe. Ich durfte aber auch lernen, dass ich einen anderen Lebensrhythmus habe. Dass ich mehr Zeit für mich brauche als vielleicht andere, dass ich viel Ruhe und Innehalten brauche, um gut sein zu können. Es geht mir besser, wenn ich mir das erlaube, anstatt dagegen anzukämpfen. Wenn ich mich sogar dafür wertschätze, weil ich genau diese Qualitäten eben mitbringe in diese Welt. Ich bin nicht zu langsam und die Welt ist nicht zu schnell. Alles ist einfach nur wie es ist und ich darf lernen, immer wieder ganz zu mir zu finden, anstatt zu versuchen, etwas zu erfüllen, was ich nicht erfüllen kann.

 

Wie geht es dir damit? Wie geht es dir mit deiner Suche nach deinem Platz in der Welt? Kennst du das auch? Kennst du das Gefühl, auf die ein oder andere Art falsch zu sein, vielleicht besonders in der Trauer? Vielleicht aber auch unabhängig davon? Ich freue mich wie immer auf deine Kommentare.

   
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1 Comment

  • Reply Annette 19. Januar 2018 at 13:05

    Liebe Silke, natürlich erkenne ich mich in vielen Zeilen wieder, einiges passt zu 100 wenn nicht gar zu 300 %. Auch ich habe das Gefühl der Zeit oft hinterherzuhinken, wobei ich eigentlich die Zeit als solche nicht mehr wirklich wahrnehme. Sie ist für mich keine „Belastung“ mehr… früher habe ich zu Anfang des Jahres schon mal gedacht… „ach in 6 Monaten ist Sommer und „Urlaubszeit“ oder „ach noch 12 Monate und dann ist wieder Weihnachten“ oder „ich muss noch … arbeiten … bis…“ Diese Gedanken sind wie weggeblasen, ich denke einfach nicht mehr so über Zeit nach wie früher. Vielleicht weil mein Zeitgefüge sich verschoben hat, aus der Welt gefallen zu sein scheint, vielleicht auch, weil meine Prioritäten sich verschoben haben. So genau kann ich das nicht sagen. Aber ich funktioniere so gut ich eben kann, ich arbeite und leiste, was mir durchaus auch selbst wichtig ist, weil es mir das Gefühl gibt, gebraucht zu werden und Stuktur in meinen Alltag bringt… aber vieles, was mir früher so wichtig erschien, hat die Bedeutung verloren…. Ich sehe vieles mit anderen Augen und da wo früher Freude war, ist einfach NICHTS…. nur Leere … kein Echo in meinem Inneren, so wie früher, wenn wir Urlaub geplant haben und ich mich darauf hinfreuen konnte… mein Umfeld (jedenfalls meine Vorgesetzten und mein direktes Umfeld) ist verständnisvoll und sie haben durchaus Empathie… darüber kann ich froh sein, das ist nicht selbstverständlich… aber ich habe auch andere Begegnungen, die mir zeigen, nicht jedem ist Fingerspitzengefühl mitgegeben und nicht jeder kann nachvollziehen, warum ich eben nicht mehr so bin, wie ich mal war und keiner kann sich vorstellen, dass ich vielleicht auch nie mehr so werde, wie ich mal war, dass der Verlust und die Trauer ihre Spuren bei mir hinterlassen und sich eingebrannt haben in meine Seele, dass mich vieles hindert, „einfach“ zu leben… ich gebe mir die Zeit… es wird sicher noch eine Weile dauern, bis es mir wieder gut geht…. aber ich bleibe dran… und wer weiß, eines Tages werde ich vielleicht wieder den Mut finden, im Leben Halt zu finden und das Vertrauen zurückgewinnen, dass mehr möglich ist, als einen Fuß vor den anderen zu setzen und zu überleben… dass auch ein Leben wieder möglich ist.

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