Alle reden über Trauer 2017

Wie sag ich das mit meinen Eltern?

Ich bin ein schrecklich höflicher Mensch und ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Und so kam es, dass die Zeit nach dem Tod meines Vaters vieles war. Schrecklich, schmerzhaft, hektisch. Und manchmal auch ziemlich absurd.

Ich war damals 17. Im Freundeskreis waren gerade der erste Freund, das erste Auto, das erste Festival aktuell. Der erste verstorbene Elternteil? Nicht wirklich. Ohne mir viele Gedanken gemacht zu haben, wollte ich möglichst wenigen Menschen mit diesem Thema zur Last fallen. Betont schnell war ich wieder betont ausgelassen. Ich wollte nicht auch noch anderen die Stimmung versauen. Und Außenstehende wollte ich – um Himmels willen – vor diesem unangenehmen Fettnäpfchen bewahren.

Sobald in einer Unterhaltung also auch nur ansatzweise mein Vater oder meine Eltern zur Sprache kamen, sprangen in meinem Kopf die Alarmglocken an. Ich sagte nichts oder log schlichtweg (und das auch noch richtig schlecht).

„Na“, fragt der alte Fahrlehrer, „kauft dir dein Vater denn ein Auto, wenn du die Prüfung bestehst?“ „Ähm, weiß nicht. Vielleicht …“

„Hat dein Vater oder deine Mutter auch so dicke Haare? Oder von wem hast du die?“, will der Frisör wissen. „Äh, meine Mutter?“

„Fahren am Wochenende alle wieder zu ihren schönen, heilen Familien nach Hause?“ fragt im Praktikum die geschiedene Chefin an einem Freitag bissig in die Runde. Einige Kollegen lachen und ersparen mir eine Antwort.

In all diesen Momenten hatte ich Angst vor dem betretenen Schweigen, den hilflosen Phrasen. Vielleicht auch Angst davor, losheulen zu müssen.

Wie gesagt war dieses Verhalten keine bewusste Entscheidung. Sonst hätte ich geahnt, dass ich ab sofort das noch unangenehmere Problem hatte, jemand könnte von meinen kleinen Lügen erfahren. Das war jedoch nie der Fall.

Heute, 15 Jahre später, kann ich über dieses absurde Verhalten lachen. Aber ich kann auch noch verstehen, warum ich so reagiert habe. Der Tod hat keinen Platz im Alltag. Wir können mit Trauer nicht umgehen. Nicht mit der eigenen, nicht mit der anderer. Es ist verlockend, sie zu ignorieren.

Aber natürlich wird sie dich irgendwann einholen. Und natürlich werden wir so nie lernen, weniger betreten zu Schweigen und weniger hilflos zu antworten.

Dieser verkrampfte Umgang mit dem Tod hat nichts mit Höflichkeit zu tun. Er ist ziemlich absurd, sinnlos und – manchmal im wahrsten Sinne – lächerlich.

Johanna Bowman von immer & endlich

   

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