Alle reden über Trauer 2017

Vor dem Tod

Susanne Konrad erzählt in ihrem Text vom Altwerden und wie es ist, wenn der Tod immer näher kommt:


Mit fünfzehn waren ihm dreißig Jahre alt vorgekommen und er konnte sich noch genau daran erinnern, wie gern er vorhersah, wie es ihm in einem späteren Alter gehen würde. Dann aber war er wirklich dreißig, plötzlich sogar 40 und schließlich 50 Jahre alt. Er führte ein erfülltes Leben. Seine Studenten liebten die temperamentvollen Veranstaltungen ihres Professors. Er veröffentlichte viel und seine Bücher liefen gut. Mit seiner Ehe war er mehr als zufrieden und seine Kinder liebte er sehr. Er wollte nicht alt werden und sterben. Er hing am Leben, aß gern gut und rauchte anschließend seine Pfeife. Um sich fit zu halten, joggte er täglich. Als seine Beine etwas müder wurden, verlegte er sich aufs Schwimmen.

Mit siebzig lachte er darüber, dass er nun wirklich siebzig war. Er konnte es kaum glauben. Er saß an seinem Schreibtisch, legte die Füße darauf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Noch besaß er Kraft, aber kleine Einschränkungen begannen sich bereits bemerkbar zu machen. Die Spaziergänge wurden kürzer und oft ärgerte er sich darüber, dass er die Namen von wichtigen Personen vergaß. Denn auch bei Siebzig blieb die Zeit nicht stehen. Die Jahreszeiten kamen und gingen. Im Garten gab es viel zu tun, aber das meiste erledigte seine Frau. Sie sprudelte vor Tatkraft, während er ruhiger wurde. Einmal wöchentlich fegte er die Terrasse und besorgte frische Getränke, aber irgendwann kam der Tag, an dem es ihm nicht mehr auffiel, wenn die Sprudelflaschen zur Neige gingen. Nun musste seine Frau auch daran noch denken.

Sie sprachen mit ihren erwachsenen Kindern oft darüber, was sein würde, wenn sie nicht mehr wären, aber noch waren sie da und Ereignisse, die vielleicht nur ein-zwei Jahre bevorstanden, erschienen noch weit fern. Das Haus hatten sie nur unter großen Entbehrungen bauen können. Das Geld war knapp gewesen, die Kinder klein, das Bauunternehmen hatte kurz vor der Pleite gestanden. Nun aber wohnten Tochter und Söhne weit entfernt und niemand zeigte sich wirklich interessiert daran, das Haus zu bewohnen. Was also sollte werden?

Er, der Vater, spazierte zur Apotheke, um seine Medikamente zu holen. Zweimal die Woche fuhr er noch immer ins nahegelegene Hallenbad. Aber das Auto wurde zum Problem. Seine Fahrtüchtigkeit ließ nach. Er beschränkte sich auf die Fahrten zum Schwimmbad und verzichtete auf den Weg vom Vorort in die Innenstadt, wo er sich früher seine Kleidung gekauft oder zu Sitzungen gefahren war. Auch die Sitzungen strengten ihn immer mehr an. Er hatte den Vorsitz in mehreren Arbeitskreisen gehabt, nun gab er seine Ämter nach und nach auf. Es strengte ihn an, vor anderen zu reden, vor allem, ihnen zuzuhören. So blieb er meistens zu Hause. Gegen 9 Uhr aufstehen, frühstücken, sich aufs Sofa legen, wieder aufstehen, einen kleinen Spaziergang unternehmen, das Mittagessen verzehren, das seine Frau gekocht hatte, dann Mittagsschlaf…

So sah der Tageslauf des 75-Jährigen aus und er verabscheute es. Warum war die Lebensuhr so unerbittlich und entzog ihm alle Kraft, alle Jugend? Er betrachtete eine Schnitzarbeit seines Vaters, die im Wohnzimmerregal stand. Sie zeigte eine Uhr, deren Zeiger auf fünf vor zwölf standen und die von zwei Händen – es sollten Gottes Hände sein – gehalten wurde. Auf der linken Seite kletterte ein munterer Jüngling die Uhr hinauf, auf der rechten ließ sich ein schlaffer Greis in die geöffnete Gotteshand fallen. Sein Vater hatte die Holzuhr geschnitzt, als er noch ein junger Mann war, verstorben war er mit 75. Den Vater überleben, vielleicht nur um wenige Jahre…

Erst kommt das Älterwerden, dann kommen die Krankheiten und schließlich der Tod. Mit 77 musste er zweimal ins Krankenhaus. Ein Bypass war zugewachsen und musste geweitet werden. Einige Monate später wurde eine Verdickung an der Prostata diagnostiziert. Wieder eine Operation. Der geschwächte Körper genas nicht mehr und die Nachblutungen hörten nicht auf. Aber der alte Mann wollte nicht länger als nötig im Krankenhaus bleiben und seine Frau holte ihn nach Hause. Er schaffte die Treppe kaum, von den Schmerzen im Unterleib und von dem schwachen Kreislauf.

Ab diesem Zeitpunkt lag er im Bett und wurde von seiner Frau versorgt. Was fühlte er? Was nahm er wahr? Die pürierten Speisen auf seiner Zunge? Das Kissen unter seinem Rücken? Eine geliebte Hand? Die Blicke seiner Kinder, wenn diese mal da waren? Er lebte doch so gern, aber sein Körper wurde immer schwächer. Er merkte es, wollte dem Leben nachjagen und konnte kaum die Arme heben –

Da liegt er jetzt, abgemagert und dürr. Ein geknickter Strohhalm, durch den kein Atem mehr fließt.

   
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