Alle reden über Trauer 2017

Trauern, aber richtig!

Die Scheiße an der Trauer ist, sie kommt völlig unerwartet. (Text von Vanessa Heibel)

Klar, wenn ein geliebtes Wesen plötzlich durch einen Unfall stirbt, haben wir keine Chance uns auf den Tod vor zu bereiten. Aber auch, wenn jemand nach langer Krankheit stirbt, wie meine Mutter, kommt die Trauer so plötzlich und unerwartet. Ja, ich hatte ihren Tod kommen sehen und trotzdem traf es mich völlig unerwartet.

Wir können auch nicht voraussehen wie die Trauer sich zeigt. Was sie mit uns macht.

Sie kommt wie eine riesige Welle mit ungeahnter Kraft ganz plötzlich auf uns zu und reißt uns mit sich. Und alles was wir tun können ist, uns diesem Sog einfach hinzugeben. Denn je mehr wir uns wehren, desto länger sind wir in dem Strudel gefangen und desto länger dauert der Schmerz.

Und genau das ist die Trauer, ungeahnter Schmerz, Trennungsschmerz. Seelisch und körperlich. Schlimmer als alles, was wir zu kennen glauben.

Biologisch gesehen brauchen wir die Trauer, um Beziehungen führen zu können. Würden wir keinen Trennungsschmerz fühlen, wären wir nicht in der Lage Beziehungen zu führen oder eine Familie zu gründen. Es wäre ja egal, ob wir beieinander bleiben oder nicht, wenn´s nicht wehtut. Klingt logisch.
Aber muss das sooo wehtun?

Ja! Wenn’s ne starke Bindung war, tut’s auch richtig weh.

Und dann? Dann gehen wir also durch die Trauer, mit allem was dazu gehört. Schock, Wut, Traurigkeit und was es da sonst noch für Phasen gibt. Und ja, da müssen wir durch, müssen all das fühlen, was wir nicht fühlen wollen und alle Schmerzen annehmen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir in einer dieser Phasen hängen bleiben. Ich schreibe aus Erfahrung, das ist nicht so angenehm und schwierig, da ohne Hilfe wieder raus zu kommen.

Dann geht’s ans Loslassen (nicht zu verwechseln mit Vergessen) und das geschieht durch Annahme und Weitermachen im Leben. Und wenn ihr denkt, das ist schwer, dann wartet mal ab. Die Kür ist nämlich dann, den Sinn dahinter zu erkennen. Was lerne ich daraus? Frei nach dem Motto, alles was mir im Leben passiert, ist gut für mich. Das ist zumindest mein Motto. Das heißt, für mich hat alles was passiert einen tieferen Sinn und ist letztendlich gut für mich.

Das klingt hart und wenn man mitten in der Trauer steckt, sollte man sich darüber keine Gedanken machen. Vor allem sollte man nie einer trauernden Person sagen, dass alles was Ihr passiert, gut für sie ist. Das kann unter Umständen Freundschaften zerstören.
Das kann man erst nach einer Weile ansprechen (wenn überhaupt) und auch nur, wenn eine gewisse Offenheit dafür vorhanden ist. Noch besser ist, man kommt selber drauf.

Bei mir war der Tod meiner Mutter für mich wichtig, da ich mich zu Ihren Lebzeiten nicht von ihr lösen konnte. Wir hatten eine sehr enge Beziehung. Im Nachhinein hätte ich das gerne anders gelernt, da es durch ihren Tod ein sehr schmerzvolles Loslösen war. Aber so war es nun mal.
Ich habe durch Ihren Tod unendlich viel gelernt und meine persönliche Entwicklung hat danach exponentiell zugenommen. Das Leben geht halt eigenartige Wege uns etwas zu lehren.

Seid offen und dankbar für den Sinn oder die Lektion hinter dem Tod, wenn die Zeit dafür reif ist.

Trauer ist etwas sehr individuelles. Jedes Wesen trauert anders und unterschiedlich lang und es ist ganz wichtig, dass zu respektieren.
Ja, man kann steckenbleiben und ja, man kann verdrängen und beides ist nicht besonders optimal. Aber jeder auf seine Weise und in seiner Geschwindigkeit. Da kann und soll sich niemand anders einmischen und sagen, wie es zu gehen hat oder wie lange es dauern darf.

Wir können uns zwar nicht vorbereiten auf die nächste Welle, die uns vielleicht mal ereilt, aber es gibt auch für unser alltägliches Leben eine gute Übung. Und zwar in jedem Moment unsere Gefühle bewusst wahr zu nehmen. Ich bin ein bisschen traurig, wie fühlt sich das in meinem Körper an. Ich bin wütend, wie fühlt sich das an? Wie fühlt sich die Freude an, der Stress? Je bewusster ich alles in meinem Körper fühle und da lasse, desto besser kann ich es annehmen und damit umgehen.
Mit der Trauer ist es genau so, wenn auch um ein vielfaches heftiger.

Früher wurden Tote drei Tage lang im Haus aufgebahrt und jeder, der wollte, konnte sich verabschieden. Das hatte einen Sinn!
Trauer ist ein Prozess und wir müssen die Möglichkeit haben, uns von den Toten zu verabschieden. Nicht nur in Gedanken, sondern auch körperlich, von der Materie, sonst dauert es noch länger bis wir erst mal begreifen, dass das geliebte Wesen weg ist.

Und jeder darf unsere Trauer sehen! Wir müssen für niemanden stark sein. Das ist unecht, denn wir sind in dem Moment nun mal nicht stark. Wie sollen unsere Kinder lernen mit Trauer um zu gehen, wenn wir es ihnen nicht zeigen.

Lasst uns die Trauer wieder Gesellschaftsfähig machen. Sie gehört zu unserem Leben und wir brauchen sie zum Verarbeiten. Wir brauchen sie auf unserem Weg zurück ins Leben. Wie unterschiedlich Trauer sich auch ausdrückt, sie sollte sichtbar sein als ein natürlicher Teil von uns.

Tod ist schließlich wie Geburt ein Ereignis, dass uns alle ereilt, ohne Ausnahme. Die Geburt feiern wir, sogar jedes Jahr. Je lauter und wilder, desto besser. Den Tod feiern wir durch die Trauer, je stiller und leiser und unbemerkter, desto besser. Warum nicht mal andersrum.

In lauter Trauer!

Von Vanessa Heibel

   

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