Alle reden über Trauer 2017

Trauern

Die Trauer wohnt bei mir in den Lungen. Fühlt sich an manchen Tagen an wie ein abgrundtiefer Teich. Nistete sich schon früh ein mit dem Verlust eines wesenhaften Teils von mir, einer kindlichen Unschuld, dem reinen liebenden Herzen, das ich mir in vielen Jahren des reifer Werdens am zurück erobern bin. Damals, als ich Kind war, habe ich mein authentisches Sein, wenn es nicht gewollt war, ab einem gewissen Zeitpunkt eingetauscht gegen Zuwendung und Akzeptanz durch die „Großen“, die mit Lob und Tadel meinen Gehorsam trainierten, was mich von meiner Essenz entfernte. Ich war ja abhängig von ihnen.

So trainiert, erwartet das aufwachsende Kind alles Wünschenswerte im Außen zu finden und verliert den Zugang zur eigenen Quelle. Ein Verliebt Sein lässt das Ursprüngliche aufleuchten. Glücklich, dass es nicht verloren ist, nur dummerweise verknüpft mit dem Gedanken, es bräuchte den anderen, um an das Erleben der innewohnenden Lebensfreude zu kommen. Die Quelle der Liebe wird so mental ausgelagert. Und obwohl es nur ein Gedanke ist, macht er uns, sobald er sich zum Glauben verdichtet hat, unfrei, abhängig. Wenn dann der oder das andere verloren geht, sind wir untröstlich.

So war es immer wieder bei mir. So ist es nicht mehr. Ich habe durch Lehrer und Bücher, und auch in der Hingabe an den Selbstliebe Prozess, gelernt, zu fühlen. Atmend anwesend sein im Fühlen, im Körper, ohne inneren Kommentar oder Bewertung, einfach da sein mit dem Gefühl als Vibration So gelingt es immer mehr, dass das Gefühl seine Funktion erfüllen und seine Kraft entfalten kann. Bei der Trauer ist es die Kraft der Annahme.

Die Trauer hilft mir auch – und das ist einer ihrer wichtigsten Aspekte – die heilige Essenz, die ich durch den anderen verloren glaubte, wieder zu mir zurück zu holen – Freude, Liebesfähigkeit, Humor oder welche Eigenschaften auch immer ich im Zusammen Sein mit dem anderen bei mir (wieder) entdeckt habe. Beim Verlust eines geliebten Menschen hilft mir das Trauern, um wieder zu mir zurückzukehren, nachhause… die Tränen, die Schwingung der Trauer, helfen mir, in die Annahme des Unabänderlichen zu schmelzen, zu akzeptieren, dass alles Materielle vergänglich ist.

Hilft mir auch, zu würdigen, was an Wertvollem geteilt wurde, zu bedauern, was nicht geteilt werden, was nicht zur Blüte kommen konnte; zu bereuen, wo ich unbewusst gehandelt, wo ich etwas verpasst oder übergangen habe. Bei großem Schmerz – auch dem Schmerz über das viele Leiden von Menschen und Tieren auf unserer Erde und dem Leiden der Erde selbst – hilft es auch (dies am leichtesten im Rahmen von Trauerritualen, in Gemeinschaft), den Schmerz hinaus zu schreien, hinaus zu klagen, damit er nicht stecken bleibt, damit das Leben weiter gelebt werden kann.

Es braucht Räume dafür. Eben auch Räume, wo kollektiv das Leid in der Welt betrauert werden kann, um aus Apathie und Handlungsunfähigkeit heraus zu finden. Es braucht Erlaubnis, ein frei werden davon, Trauer als Schwäche zu bewerten, es braucht Mitgefühl und Verständnis für uns selbst, wenn wir trauern, wie auch für andere Trauernde. Wenn dafür kein Raum ist, können sich Melancholie, Passivität und Depressionen entwickeln.

Mein eigener Trauerprozess (40-tägiges Abschieds-Ritual) in Ablösung von einer 10-jährigen Partnerschaft: Immer wieder half mir das Trauern – auch schon während der Partnerschaft – zu akzeptieren, dass dieser andere Mensch nicht so war/ist, wie ich ihn gerne gehabt hätte, und dass auch ich mich nicht so hinbiegen kann, wie es von ihm manchmal gewünscht wurde. Mit jedem Trauern öffnete sich ein Raum zu mehr Freiheit, Glaubensmuster konnten sich lösen – es war ein Hineinwachsen in eine größere Intimität und gleichzeitig Klarheit darüber, was zwischen uns möglich war und was nicht. So dass letztendlich die Ablösung friedvoll war, ich meinen Partner als das Wesen anerkennen kann, das er ist, ich ihm das Beste für seinen weiteren Weg wünschen kann, und mir meine Energie nun zur Verfügung steht, dem zu folgen, was das Leben als Nächstes für mich bereithält.

Susanne BRIAN

   

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