Alle reden über Trauer 2017

Trauer um die körperliche Unversehrtheit – oder wie wichtig eine Diagnose ist

Eine junge Mutter* trauert um all die Dinge, die sie in ihrem Leben aufgrund ihrer Diagnose nicht mehr machen kann: 


Als ich begann mit Silke über Julians Tod und Trauer zu reden, dachte ich immer, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass alle meine Lieben noch da sind. Das ist so ein Geschenk, was lange nicht jeder hat und dafür bin ich sehr dankbar.

Allerdings machte es mir das „schwerer“, die Trauer nachzuempfinden. Natürlich stelle ich es mir entsetzlich vor, unglaublich grausam und schrecklich, seinen Lebenspartner zu verlieren. Aber wie es wirklich ist zu trauern, wusste ich nicht. Dachte ich.

Bis ich auf einmal merkte, dass ich an ganz anderer Stelle mitten in einem Trauerprozess bin. Ich habe seit vielen Jahren ungeklärte Schmerzen im Nacken, Rücken, Armen und Händen. Diese wurden über die letzten Jahre immer schlimmer und schränkten nach und nach mein Leben immer mehr ein. Zusätzlich kommt eine Erschöpfung, die mich zwingt, mich jeden Mittag schlafen zu legen. Das erfordert ein sehr strukturiertes, gut geplantes Leben und ein Umfeld, das das akzeptiert.

Früher hatte ich das Gefühl, dass alles möglich ist. Ich habe schon seit frühster Kindheit Musik gemacht. Auch wenn ich wahrscheinlich nie eine Musikkarriere gestartet hätte, nie eine Weltreise gemacht hätte, nie auf einen Berg geklettert wäre …grundsätzlich wäre das alles möglich gewesen. Mit diesem Gefühl wächst man auf – man hat ja die Zeit und vielleicht irgendwann Geld und die Möglichkeit, all die Dinge zu tun, die man möchte. Mit der Diagnose, die ich endlich nach 15 Jahren erhielt, wurde mir schlagartig klar – die Krankheit wird nicht besser werden. Viele Dinge werden einfach nicht mehr gehen. Hierzu gehört vor allem das Musik machen, denn das Gitarrespielen tut mir furchtbar in den Armen und Händen weh. Das tägliche Spielen, die Zeiten mit meiner Band und die Auftritte sind vorbei, da ich höchsten 10 Minuten am Tag spielen kann. Oft geht es auch wochenlang gar nicht während eines Krankheitsschubs.

Als ich das realisierte, war das sehr hart und es ging mir lange sehr schlecht. Aber ich konnte auch endlich anfangen zu trauern. Jahrelang hatte ich immer gehofft und gewartet, gewartet, gewartet, bis ich endlich wieder spielen kann. Jetzt musste ich meine Träume begraben aber habe jetzt die Chance, damit leben zu lernen und irgendwann einen neuen Sinn zu finden. Denn das ist es, was mir mit der Musik abhanden gekommen ist. Der Sinn im Leben, meine Berufung, das, was mich ausmachte.

Ich sehe auf einmal so viele Parallelen zu Silkes Gefühlen. Sie macht es wütend, wenn jemand sagt, „du bist ja noch jung genug, jemand Neuen zu finden“. Mich macht es wütend, wenn jemand sagt „naja wenn´s weh tut spiel halt nicht. Such Dir doch ein anderes Hobby“ oder „dann sing halt nur“. Ich will ihren Verlust nicht vergleichen, das ist ein großer Unterschied. Aber ihr Lebenspartner und meine Musik sind nicht einfach ersetzbar! Das heißt nicht, dass man nicht wieder glücklich werden kann. Aber eben in anderer Form und der Weg dahin ist alles andere als leicht.

Silke hat ihren Julian inzwischen auf andere Art bei sich. Auch ich lerne langsam, mich mit einem guten Gefühl an schöne Erlebnisse bei Auftritten oder an den Spaß, mit anderen zu spielen zu erinnern und nicht nur Leere und Traurigkeit zu fühlen. Dazu war aber ein Ende des Hoffens nötig – was mit der Diagnose kam. Ich kann nun erahnen wie es Hinterbliebenen gehen muss, deren Angehörige vermisst werden, die also nie einen richtigen Abschluss machen können.

Es ist nicht nur das Musik machen. Es sind viele Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie nie mehr tun kann, und sei es einfach nur ein bisschen Sport. Ich werde keine Fahrradtouren mit meinem Kind machen können, so wie das meine Eltern mit mir gemacht haben. Außerdem tut mein Körper einfach ständig weh. Das ist einfach richtig scheiße. Ich hatte für diese Trauer lange keinen Namen, bis mir der Begriff „Trauer um die körperliche Unversehrtheit“ über den Weg lief. Das trifft es sehr gut.

Es ist eine Trauer um die Selbständigkeit. Ich muss Hilfe annehmen und kann das inzwischen auch. Und ich bin so dankbar, dass ich viel Hilfe habe. Es fühlt sich trotzdem oft scheiße an, so abhängig zu sein.

Es ist eine Trauer um die verschwendete Lebenszeit. Die Zeit, wenn ich mich um meine Krankheit kümmern muss (Schlafen, Schmerzen aushalten und warten, dass es besser wird, Therapien, Sitzen im Wartezimmer etc.).

Ich bin momentan sehr glücklich. Ich habe ein Baby, das ist der Hammer, eine tolle Familie und tolle Freunde. Mein Leben ist schön. Aber manchmal tut es einfach unheimlich weh und ein Teil von mir ist unwiderruflich fort. Gestorben.

 

* Die Autorin möchte anonym bleiben. 

 

 

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