Alle reden über Trauer 2017

Schreiben als Therapie?

Wie ein nie abgeschickter Brief trotzdem sein Ziel erreichen kann – Julia Große und Rahel Hoffmann von Online-Trauertherapie schreiben über das Schreiben als Therapie: 


Sprechen über die Trauer ist schwierig – diese Erfahrung machen viele. In einer Zeit in der sich alles ändert, tauchen viele belastende Gefühle und Gedanken auf, die einander abwechseln oder gleichzeitig da sein können. Oft ist dies ein komplizierter Prozess, der schwer zu erklären oder zu beschreiben ist – für andere ebenso wie für einen selbst. Viele machen in der Trauer nicht nur die Erfahrung, dass es schwierig ist, andere am eigenen Gefühlsleben und den eigenen Gedanken teilhaben zu lassen, sondern dass es auch manchmal kaum gelingt, dieses innere Chaos für sich selbst zu ordnen.

Nicht umsonst gibt es auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Blogs und Communities, die sich mit dem Thema Trauer beschäftigen. Das eigene Erleben aufzuschreiben ist ein Weg, sowohl Gleichgesinnte zu erreichen, als auch solche, die sich noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Es ist aber auch ein Weg, Ordnung in das innere Chaos zu bringen: Indem wir „auf Papier bringen“, was in uns geschieht, machen wir es konkret und geben ihm eine Form. Dazu muss man sich bemühen, Gefühle und Gedanken klar auszusprechen, die im Alltag nur selten benannt werden: Traurigkeit und Verzweiflung, Schuld und Scham, der Blick zurück und der nach vorn.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Psychotherapieforschern, die sich mit der Frage beschäftigen, ob diese Kraft des Aufschreibens vielleicht auch ganz gezielt genutzt werden kann – Für Menschen, die in ihrer Trauer feststecken und sich Hilfe bei deren Bewältigung wünschen. Was geschieht also, wenn das Aufschreiben nicht „frei“ und in Eigenregie passiert, sondern wenn jemand im Rahmen einer sogenannten Trauertherapie dazu angeleitet wird, Texte zu ganz bestimmten Themen zu schreiben? Hilft das wirklich?

Die Bühne zurückerobern?

Eine zentrale Sicht der „Akzeptanz- und Commitmenttherapie“ (Harris 2009) ist die, dass wir nicht unsere Gefühle sind – wir sind genauso wenig Trauer, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, wie wir Glück, Freude und Überraschung sind. Vielmehr sei unser Kopf wie eine Bühne, auf der all diese Gefühle ihren Auftritt haben. Und wie der Regisseur eines eigenwilligen Schauspielensembles können wir nicht alles kontrollieren, was auf dieser Bühne geschieht. Wir sind aber der Überzeugung, dass gezieltes Aufschreiben helfen kann, das Geschehen im Kopf etwas zu ordnen.

Schon in den 90er Jahren beschrieben Forscher (Lange 1996), dass das Niederschreiben besonders schmerzhafter Erinnerungen und innerer Bilder als eine Art „Konfrontation“ zu sehen ist. Dahinter steht die Erfahrung, dass schmerzhafte und verängstigende Bilder ihren Schrecken verlieren, wenn man sie nicht vermeidet, sondern sich ganz gezielt mit ihnen beschäftigt und die dazugehörigen Gefühle zulässt. In der Psychotherapie nennt man diesen Effekt auch „Habituation“, also Gewöhnung. Das Ergebnis einer solchen Gewöhnung ist, dass besonders belastende Erinnerungen erträglicher werden – Bilder und Gedanken, die auftauchen, wenn einen etwas an die verstorbene Person erinnert, sind zwar noch da, aber nicht mehr so erschütternd. Wer diesen gefürchteten und oft vermiedenen Gefühlen einmal Raum auf seiner inneren Bühne gibt, stellt oft fest, dass diese nach einiger Zeit an Intensität verlieren. Sie sind dann nicht mehr überlebensgroß und bedrohlich, sondern lassen sich als ein Teil des eigenen Erlebens integrieren.

Durch das Schreiben können sich jedoch nicht nur die zu einer Erinnerung gehörigen Gefühle ändern, auch innere Bewertungen und belastende Grübelschleifen kann man so beeinflussen. Einige können an dieser Stelle vielleicht an Zeiten des Tagebuch-Schreibens zurückdenken: Das Papier (oder der Bildschirm) kann manchmal eine Art Bühne sein, auf der man alternative Sichtweisen einer Situation probt. Wie könnte ich das Gesehene, das Gehörte, das Gesagte noch interpretieren? Ist meine Bewertung der Dinge, wie sie geschehen sind, die einzig mögliche? Oder gibt es noch andere Perspektiven? Besonders in der Trauer wechseln sich verschiedene Perspektiven häufig ab. Viele schwanken zwischen Momenten, in denen Erinnerungen an früher und Gedanken an das Verlorene überwiegen, und Momenten, in denen der Blick nach vorne gerichtet ist und man sich fragt, wie es weitergehen soll und kann. Beide Perspektiven haben gemeinsam, dass es positive und negative Aspekte gibt. Eine Erinnerung an die verlorene Person kann große Freude auslösen, aber auch Wehmut und Verzweiflung – manchmal sogar alles gleichzeitig. Ebenso kann der Blick in die Zukunft düster und verhangen wirken, aber auch Mut machen und hoffnungsvoll sein. Das Schreiben stellt hier einen „Proberaum“ dar, in dem man vorsichtig ausprobieren kann, was geschieht, wenn man sich mit dem Verlust auseinandersetzt und gleichzeitig ganz bewusst auch auf die positiven Aspekte fokussiert.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Sich-mitteilen-Können. Häufig erleben es Betroffene als schwierig, anderen verständlich zu machen, was in ihnen vorgeht. Wir sind nicht geübt darin, über unangenehme Gefühle und Gedanken zu sprechen, über Situationen, die man nicht mehr ändern kann, sondern mit denen man lernen muss umzugehen. In vielen Schreibtherapien gibt es Abschnitte, in denen ein Brief verfasst werden soll – nicht immer, um ihn dann auch abzusenden. Vielmehr ist das Ziel, das Sich-Mitteilen einmal zu üben. Dies führt dazu, dass einem die Worte leichter von der Zunge gehen, wenn man dann in einer Situation ist, in der man sich tatsächlich öffnen möchte – ganz wie bei einer Generalprobe im Theater.

Wir sehen das Schreiben als einen Weg, sich zunächst für kurze Zeit die Kontrolle über die Bühne zurückzuholen, und ganz verschiedene Dinge zu proben: Was geschieht, wenn ich der Angst, der Verzweiflung, Schuld und Scham Platz auf der Bühne gebe? Kann ich sie vielleicht doch ertragen? Werden sie ruhiger, wenn sie sich ausgetobt haben? Wie fühlt es sich an, trotz der schrecklichen Dinge, die passiert sind, wieder Platz zu machen für das Positive?

Und wie fühle ich mich im Umgang mit anderen, wenn ich geprobt habe, was und wie ich gerne anderen von meinen Erfahrungen erzählen möchte?

Ganz besonders gefällt uns an diesem Ansatz, dass es nicht darum geht, schnellstmöglich wieder zu „funktionieren“, oder alle negativen Aspekte wegzuschieben. Das Ziel ist, wieder ein Gefühl der Kontrolle zu erlangen, nachdem das Unkontrollierbare geschehen ist – und einen Umgang zu finden mit allem Guten und Schlechten, das in dieser Lebenssituation vorhanden ist.

Hier finden sich mehr Informationen dazu, was Schreibtherapie bei uns bedeutet: Online-Trauertherapie

Und hier kann man mehr von anderen Forschern nachlesen (wenn auch leider nur auf Englisch):

Harris, Russ. 2009. ACT Made Simple: An Easy-To-Read Primer on Acceptance and Commitment Therapy. New Harbinger Publications.

Lange, Alfred. 1996. “Using Writing Assignments with Families Managing Legacies of Extreme Traumas.” Journal of Family Therapy 18 (4): 375–388.

 

 

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