Alle reden über Trauer 2019

Nein, das Leben geht nicht weiter!

Von Dominique Ahn

„Das Leben geht weiter!“. Wie oft ich diesen Satz von den Leuten um mich herum gehört habe. Wie oft er genau mitten in mein bereits blutendes Herz gestochen hat. „Du musst dein Studium weiterführen!“ „Sei nicht traurig, geh raus und lenk‘ dich ab!“ „Schließ‘ damit ab und schau nach vorne!“ Ich habe diese Sätze gehört, während ich nur daliegen konnte. Mich nicht mehr bewegen konnte. Nichts mehr aß. Weinte. In Fotos von meinem verstorbenen Lebenspartner versank. Weiter weinte. Ihm Briefe schrieb. Und wieder weinte. Immer wieder kamen Kräfte in mir auf, die mich schreien ließen. Nach meinem geliebten Partner, nach Gott, ich weiß es nicht mal. Ich schrie, kämpfte gegen das Leben. Kämpfte gegen den Tod. Bis ich jedes Mal wieder kraftlos in mir zusammensackte und dachte: ‚Wieder geschrien. Wieder hat es nichts gebracht‘. Dann lag ich wieder bewegungslos da.

Und immer wieder dieser Satz von außen, von den Menschen um mich herum – „Das Leben geht doch weiter!“ Alles, was ich dabei innerlich nur denken konnte, war: Nein. Nein, das Leben geht nicht weiter! Es scheint nicht weiterzugehen, die Welt steht still, hier ist irgendetwas passiert, was ich nicht begreife und was alles zerstört hat. Alles um mich herum steht in Flammen, es gibt keinen Weg, der weiterführt. Ich fragte mich: Was passiert hier? Was ist mit meinem Lebensgefährten passiert? Wo ist er jetzt? Was ist der „Tod“? Wo ist mein Leben? Meine Welt war erschüttert, kaputt. Und mein äußeres Umfeld zerrte mit aller Kraft an mir. Es war, als sei ich umgekippt – ich sah mich selbst daliegen, am Rand meines Weges, den ich in diesem Leben bisher gegangen war, meine Beine gebrochen und unfähig, weiterzugehen. Selbst wenn ich gewollt hätte, meine Beine hätten mich nicht gehalten. Und unzählige Menschen, die mir eigentlich vorher vertraut waren, versuchten mit aller Vehemenz, mich zum Aufstehen und Weitergehen zu bewegen – völlig verständnislos, dass es nicht funktionierte.

Meine Welt war völlig zerbrochen und hatte mich Lichtjahre weit hinaus fallen lassen. Und doch schien ich physisch noch dort zu sein, wo ich auch vorher war. Wie konnte das sein? Zwischen mir und den anderen Menschen um mich herum war eine ganz dicke, unsichtbare Mauer, die es unmöglich machte, dass wir uns verstehen. Als würden wir eine andere Sprachen sprechen. Wir waren in zwei unterschiedlichen Welten, nur dass man die Grenze dazwischen mit den Augen nicht sehen konnte.

Ich saß also da, am Wegesrand mit meinen schmerzenden, gebrochenen Beinen und schrie immer wieder um Hilfe – doch die Menschen zogen mit verständnislosen Blicken nur an mir vorbei und begriffen nicht, warum ich nicht einfach aufstehe und weitergehe.
Eine sehr lange Zeit saß ich dort. Meistens allein. Ich musste die Menschen an mir vorbei ziehen lassen. Und doch manchmal, dann und wann, kam tatsächlich jemand vorbei, der sich zu mir setzte und eine Zeit lang bei mir verweilte. Um meine Hand zu halten, oder einfach nur da zu sein. Die meisten davon kannte ich vorher nicht, und andere wenige kannte ich, ohne dass sie mir vorher nah gewesen waren. Ich konnte nicht aufstehen, und trotzdem waren es kleine Lichtblicke, die mir verdeutlichten: Es gibt Menschen, die mich hören und sehen. Menschen, die sich auf meiner Seite dieser dicken, unsichtbaren Mauer befinden.

Ein paar von diesen Menschen sind bei mir geblieben, oder ich sehe sie auf meinem Weg immer mal wieder. Andere sind irgendwann ohne mich weitergezogen. Ich bin dankbar für jeden einzelnen von ihnen.

Heute weiß ich, dass es wichtig und ein Teil von Heilung war, dass ich dort so lange am Wegesrand gesessen habe. Dass sich mein Umfeld völlig verändert hat. Ich weiß, dass das Leben zu diesem Zeitpunkt nicht „weiterging“ – wenn es keinen Weg gibt, kann man auch nicht weitergehen.
Nein, das Leben geht nicht weiter. Und das muss es auch nicht. Wenn wir unausweichlich so nah den Tod kennenlernen, muss es nicht weitergehen. Wenn die Welt anhält, das Leben in tausend Stücke zerbricht und es nur noch diesen unaushaltbaren Schmerz gibt, der das Herz und den Körper lähmt und schmerzt, muss es gerade nicht weitergehen. Es gibt keinen Weg. Nichts ist „gut“ und nichts ist „richtig“. Wir dürfen uns an den Rand des Lebensweges setzen.

Es muss nicht jetzt sofort weitergehen. Denn das Leben wird uns irgendwann, wenn die Flammen herunter gebrannt sind und unsere Beine ein bisschen geheilt sind, ganz langsam, Schritt für Schritt und von ganz allein einen neuen Weg zeigen. Es wird ein neuer Weg sein, den wir jetzt noch nicht kennen. Einen, den wir vielleicht in einem anderen Tempo und auf eine andere Weise weitergehen. Und alles, was wir bis dahin tun müssen, ist atmen. Atmen und Vertrauen, uns selbst und dem Leben.

   
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2 Comments

  • Reply Güler 25. März 2019 at 11:47

    So schön und mir aus der Seele geschrieben, so dass gerade die Tränen fließen.
    Dieses „Das Leben geht weiter!“ war wie Gewalt für meine Seele! Die meisten Menschen sind es gewohnt Lösungen anzubieten und sind nicht in der Lage zu erkennen, dass es in gewissen Situationen keine Lösung gibt.
    Die einzige Lösung ist einfach nur da zu sein und diesen Raum zu halten, wo alles – die Trauer, der Schmerz, die Ohnmacht usw. – da sein darf, ohne sie gleich wieder wegmachen zu wollen. Jedoch sind viele Menschen nicht dazu in der Lage diesen Raum zu halten und anstatt dessen hauen sie eine oberflächliche Floskel nach der anderen raus, wo es doch viel sinnvoller wäre, dann einfach nur zu schweigen. Manchmal und gerade in der Trauer ist eben doch Schweigen Gold wert, als etwas Unpassendes oder Überflüssiges zu sagen.

    Vielen Dank für diese Gedanken, die mich in meiner Trauer tief berührt haben. Danke und von Herzen alles, alles Gute!

  • Reply Padma Ellen Hochein 25. März 2019 at 14:31

    Sehr tief, anschaulich und nachspürbar geschrieben!! Danke, ich sehe DICH, liebe Domenique

    In Liebe mit allen Segnungen

    Padma Ellen Hochrein

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