Alle reden über Trauer 2019

Lichtvoll trauern – Wie ich den Tod meiner Tochter als Geschenk und Heilung sehen darf

Von Padma Ellen Hochrein

Ich las den Aufruf: Alle reden über Trauer 2019, von Silke Szymura, die den Blog: „In lauter Trauer“ verfasst.
Natürlich bin ich dabei. Denn das Thema Tod und Sterben hat für mich mit Trauer zu tun. Und Mysterien wie Geburt, Tod, Leben sind meine „Special-Themen“, schon lange vor dem Tod meiner Tochter, die mit ihrem Mann und einem gemeinsamen Kletterfreund in den Schweizer Bergen vor 18 Monaten in die Geistige Welt ging.
Seit dieser Zeit schreibe ich meine Texte LICHTVOLL TRAUERN.
Ob ich „ungewöhnlich“ mit der Nachricht dieses Todes, der „plötzlich und unerwartet“ in unser Leben kam, umging, weiß ich nicht. Ich weiß, dass ich jedesmal, wenn eines meiner vier Kinder wegfuhr, gebetet und gesegnet habe, weil nichts selbstverständlich ist.
Auch an diesem letzten Montag als sie abfuhren zu ihrer letzten Bergtour vor ihrer langen Weltreise. Sie kamen von ihrer fünftägigen Arbeit auf dem ältesten Hippifestival am Herzberg, wir aßen und naschten, wir haben Wäsche gewaschen und sie alberten, ruhten sich aus, wir redeten, sie packten für ihre Hochalpintour zum Biz Bernina. Bevor sie aufbrachen gab es diese besondere Umarmung. Und bevor ich meinen Satz sagen konnte, dass ich, wenn ich sie nicht mehr lebend sehen würde, sie über Zeit und Raum liebe und ihren Weg segne, sagte Leonie mit ihrer engen Umarmung an meiner linken Seite: „Mama, wir passen schon auf!“ Ja, das wusste ich doch. Simon kam nochmals aus dem Bus gesprungen und umarmte mich auf der anderen Seite. Hier spürte ich ganz deutlich ihre beiden Herzschläge. Im Gleichklang, völlig einheitlich spürte und hörte ich ihre beiden Herzen. Ich dachte: Sie SIND ein Herz und eine Seele. Wir winkten zum Abschied bis der Bus um die Ecke auf die Straße fuhr. Wie immer.
Dann ging ich auf meinen Segnungs-Spaziergang, ein Gebet im Gehen, meine Bitten um großartiges Gelingen all ihrer Vorhaben, den Segen der Großen Göttin und dass ich, falls etwas geschehen sollte, gütig und voller Liebe damit umgehen könne. „Lass mich wissen WIE, wenn so etwas in mein Leben kommen sollte“ betete ich. Und immer bete ich für meine Kinder, meinen Mann, wenn sie in die Welt gehen, ob für den Arbeitstag, einen Urlaub oder zu ihrem zu Hause. Seit über 20 Jahren bete ich für mich selbst und in dieser Weise, seit unser jüngster Sohn so krank war und wir nichts in der Hand hatten, außer im jeweiligen Moment präsent zu sein; eineinhalb Jahre, in denen wir nicht wussten, ob er den Tag oder die Nacht überleben würde. „Dein Wille geschehe“ war mein Mantra.
Nun, als wir an dem Freitagabend die Botschaft erhielten, dass unsere drei jungen Bergsteiger am Tag zuvor zu Sonnenaufgang am Biancograt abgestürzt seien, die Bergung erst an diesem Freitag mit Schwierigkeiten vor sich gehen konnte, war dieser Moment.
Die Polizei war wirklich behutsam mit der Überbringung dieser Nachricht. Da hüllte mich eine so enorm starke Liebeswolke ein, dass ich mich getragen, geborgengehalten und unermesslich geliebt fühlte. Trotzdem ich sofort darüber nachsann, dass dieses Empfinden wohl meine Art von Vermeidungsstrategie in so einer traumatischen Angelegenheit sein könnte, um mich dem Schock dieser Verkündigung zu entziehen, hüllte mich diese Liebeswolke ein und durchdrang mich spürbar.
Ich hörte mich kaum später den Satz sagen: „Wir wissen jetzt noch nicht was für Geschenke ihr Tod für unser Leben bedeutet.“ Der Polizist schüttelte mit dem Kopf und sagte: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Ich fühlte mich sogar schlecht und beschämt, weil ich dachte, so was hätte ich nicht sagen dürfen! Nicht als Mama, die gerade erfährt, dass ihre Kinder in den Bergen tödlich verunglückt sind.
Das war der Beginn meines Trauerjahres. Die ersten vier Wochen waren wir als Familie sehr eng beisammen, alle Jungs, ihre Freundinnen, mit meinem Mann machte ich an jedem Morgen zu Sonnenaufgang einen Spaziergang, wir entzündeten Abends draußen ein Feuer, opferten Salbei, Weihrauchholz, duftende Kräuter, Balsame in Fülle, um der Erde unsere Ehrerbietung zu erweisen, den Toten nah zu sein, ihnen eine gute Reise zu wünschen und uns selbst gut zu tun. Am Feuer war es still in uns, es gab auch leise Gespräche, es gab Zeichen über die wir uns alle einig waren. Wenn mein Mann und ich alleine waren, trommelten wir manchmal spontan und erfuhren somit eine heilsame Verbindung miteinander und mit Leonie und Simon und der Geistigen Welt.
Diese Wochen zusammen waren eine kreative Zeit, es wurde gemalt, gebastelt, die Anzeige komplett selbst gestaltet und alle Vorbereitungen auf die Abschiedszeremonien für Leonie und Simon, die Abschiedsfeier für und mit Freunden beider Familien etc.
Wir hatten Zeit, mehr als uns lieb war, da sich die Kremation wegen fehlender Unterlagen über drei Wochen hinzog. Doch im Nachhinein war alles von Göttinnen-Hand geführt und zutiefst gesegnet.
Danach begann für jeden von uns in der Familie das Leben ohne sie. Ohne die beiden, ohne Leonie, ohne die einzige Schwester, ohne die Tochter zum Vater und mein eigenes Leben ohne die beiden im Irdischen.
Trauer ist für mich ein vereinnahmt werden von Gefühlen, ebenso kann es ein überrollt werden von Emotionen sein.
Gefühle, die durch etwas aus dem Moment heraus geboren werden und den ganzen Körper, das Gehirn und alle Sinne erfassen und Erinnerungen an das Leben mit den Verstorbenen verknüpfen. Das kann kommen durch den Blick auf ein Bild, beim Kerze anzünden, ein Duft, ein Ort, eine Wolkenformation, selbst eine Feder, die vor mir aus blanken Himmel in Zeitlupe auf meine Schulter gleitet oder die gigantischen Sternschnuppen, die viel heller, länger sichtbar und größer schienen als je zuvor. Und ich erfuhr wirkliche Wunder, Erscheinungen und viele wundervolle Träume, die durch sie in meine Nächte gewoben wurden.
Und dann sind da die Emotionen, diese alten, eingefrorenen, lange verschollenen Trümmerhaufen von Gefühlen, die immer wieder, jahrzehntelang zurückgedrängt, runtergewürgt und missachtet wurden. Die mit einer gewaltigen Vehemenz mein Leben in Beschlag nehmen können und mir in manchen Augenblicken den Atem nehmen, mich auf die Knie sinken lassen, um dann ganz bewusst dort zu bleiben um ALLES zu fühlen. Den Schmerz, die Tiefe, das Endgültige und Unbeschreibbare, das Große, Gewaltige und endlos scheinende, mein Selbstmitleid.
Doch erstaunlich ist, dass dieses Fühlen selten lange anhielt, es 4 oder 10 Minuten dauerte, das Weinen, der Schmerz, das Heftige. Dann war es durch mich durchgerauscht, wie ein wilder Sturm, eine gigantische Welle und ebbte ab, es wurde still, es war fast heilig, leicht, hell und ich war befreit von Enge, Schwere, Bedrückendem und dem, was mich durchwoben und geschüttelt hatte.
Es war immer wieder ein „Trauer überwinden und Neubeginn“! Oh, was für ungezählte Male habe ich meine „Essenz der Göttin“ gesprüht, die ich vor einigen Jahren in die Welt gebar, eines der Aura- und Raumsprays mit verschiedenen Lebens-Themen. Ich sprühte dieses und jenes Fläschchen leer, über mich, vor mich, in Räume, über mein Bett, auch draußen im Wald, am Wasser oder bevor ich in ein Gebäude trat, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Sogar nachts, weil ich ziemlich schnell wieder einschlafen konnte, nach einem Traum oder nach meinen Aufzeichnungen. Es entspannte, beruhigte mich immer wieder, hüllte mich ein und salbte mich, dieser Duft nach dem besten omanischen Weihrauch, nach Narde, Tonka, Rose, Iriswurzel, Wachholder, Ceder, Salbei und vielen anderen heilsamen hochreinen Extrakten.
Trauer ist eventuell ein lebenslanger Prozess. Und es kann sein, dass dieses durch die Trauer gehen an manchen Tagen im Jahr stärker und unangenehmer sein wird, wie an ihren und unseren Geburtstagen, an Feiertagen, wenn wir alle zusammen gekommen wären, an ihrem Todestag. Manchmal ist es auch der Donnerstag, wenn ich genau zu der Zeit, als sie in den Bergen diesen langen Eisgrat runterstürzten, dasitze und still bin und mir die Tränen laufen und ich atme und spüre, dass ich wegen mir weine, nicht wegen ihnen. Oder am 3. des Monats, an dem ich spüre, oh, heute vor … Monaten ist es geschehen.
Für mich ist Trost und Heilung mein waches Erleben und meine Gewissheit, dass sie immer hier sind. Hier & Jetzt & Allgegenwärtig. Nur, dass sie keine Körper mehr haben, dass ich sie nicht mehr umarmen, riechen, hören kann, nur in Träumen und in besonderen Momenten, wenn ich das Gefühl habe, sie könnten sich jetzt am Feuer unter diesem irrsinnig schönen, klaren Sternenhimmel manifestieren. Doch das wäre vermutlich ziemlich anstrengend für sie als pure Seelen, jedoch möglich. Ich brauche das nicht.
Ich weiß sie bei mir, in mir, neben mir und als Heiler und Antwortgeber in meinem Leben.
Und was ich ebenso weiß, dass es allen Verstorbenen eine große Freude und Erleichterung ist, wenn ich und wir als Hinterbliebene glücklich sind. Dass wir unser Leben in vollen Zügen leben, genießen, lieben, unsere Gaben verschwenderisch in die Welt bringen und geben und nochmals geben. Alles wird in vielfältigster Weise zu uns zurückkommen. Wir sind dienende Wesen, wir bekommen täglich reichhaltige Geschenke von Mutter Erde. Wir sind gesegnet über alle Maßen.
Manchmal gebe ich in Gesprächen zu, dass ich den Tod von Leonie und Simon als anmutig und beruhigend sehen kann, doch das ich als entsetzlich ansehe, dass Krieg herrscht an so vielen Stellen unserer Erde, Menschen verhungern, Frauen unterdrückt, Kinder getötet und misshandelt werden, dass Kinder leiden, weil sie in die Schule „müssen“ oder Suizid begehen, das sie sich außer Stande sehen, all den Anforderungen zu genügen, dass Tiere, Pflanzen und Gletscher sterben, weil wir die Erde weiter vergiften und immer noch nicht genügend dafür tun, damit die Erde heilen kann.
Es gibt so vieles auf der Erde, was ich grausam und tatsächlich furchterregend finde, doch Tod und Sterben, selbst der Gedanke an meinen eigenen Tod, gehören nicht dazu. Ich erhoffe, erbitte und bete dafür, dass mich der Tod als mein letzter Geliebter zärtlich in die Arme nimmt und ich mich entspannt und bewusst diesem hingeben und meinen Körper und die Erde in Frieden verlassen kann.

Ich wünsche mir und der Menschheit einen gütigen, wachen, liebenden Blick auf diese grundlegenden Mensch-SEIN-Themen wie Tod, Trauer und WeiterLEBEN.
Padma Ellen Hochrein

 

Gedenkplatz für Leonie vom 19. Januar 2019; ihr 25. Geburtstag

 

   
Spendenbox Helfen dir meine Texte?
Ich freue mich, wenn du etwas zurück geben magst. Das geht via Paypal: https://www.paypal.me/InlauterTrauer
Oder ganz einfach direkt auf mein Konto:
IBAN: DE77 4306 0967 6025 3915 00

Ich danke dir von Herzen für die Wertschätzung meiner Arbeit, Zeit und Liebe, die ich in all das hier fließen lasse ❤

   
Teile diesen Beitrag:
Unterstütze meine Arbeit auf Patreon:
Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply