Alle reden über Trauer 2019

Ich möchte unsere Liebe bewahren

Von eva.

Nach einer Therapiestunde gab mit meine Körpertherapeutin den Tipp, mit Silke Kontakt aufzunehmen, sie meinte, sie kenne eine Frau, von der sie sich sehr gut vorstellen könne, dass mir diese gut täte.

Es geht mir so wie Silke, ich möchte nicht abschließen, ich möchte unsere Liebe bewahren, die uns durch so viele Jahre getragen hat. Ich spüre, dass mein Mann da ist, ganz oft, wenn ich es nicht spüren kann, verstricke ich mich in meinen verzweifelten Gedanken, fessle mich damit, werde ganz steif oder gerate so in Panik, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich hab mich schließlich in den Verteiler von Silkes Homepage aufnehmen lassen und dann erreichte mich kurze Zeit später die Email von Silke, mit der Frage, wer Lust hätte, etwas über seine Trauer zu schreiben. Ich will es wenigstens versuchen.

Fast genau ein Jahr zuvor ging mein Mann zum Arzt, weil er sich krank fühlte, meinte, er habe eine Grippe oder eine Bronchitis.

Und schnell war klar, dass er wohl einen Tumor hatte, es folgten viele Untersuchungen, die den Verdacht schließlich bestätigten und sechs Wochen später starb er. Zu Hause, von mir und von unseren Kindern gut begleitet.

Ich funktionierte, wie ich immer funktioniert habe, die Trauerfeier und Beerdigung haben wir zusammen geplant, zum Teil auch mit meinem Mann zusammen. Eine würdige, schöne Feier, wenn man dieses Wort in diesem Zusammenhang verwenden möchte. Ich tu es, weil sogar für mich spürbar, körperlich spürbar war, dass es ein genau passender Rahmen war, sich zu verabschieden. Ich schreibe davon, was spürbar war, weil ich sonst keine genaueren Erinnerungen mehr habe. Ich habe gespürt, dass er da war. An meiner Seite. Bis sein Sarg in der Erde versenkt wurde.

Wieder ein Zeitsprung. Für mich war es und ist nicht fassbar, dass ich nun alleine bin, tatsächlich alleine. Nach 42 Jahren alleine!! Dass unsere wunderbare Zeit miteinander zu Ende sein soll??? Es fühlt sich so falsch an, und ich falle in eine heftige Depression, bin zu Hause und mag einfach auch nicht mehr, frage mich nach dem Wozu, finde oft einzig die Kinder und Enkelkinder als Grund. Ich für mich mag nimmer. Aber ich fühle mich in der Verpflichtung, meinen Kindern gegenüber (es gab schon mehrere Selbstmorde in der Familie). Ein Freund überzeugt mich, mir professionelle Hilfe zu suchen und zwar schnell. Dann:

Akutaufnahme in der Klinik am 3.Januar. Hier bin ich nun mit meiner Not gut gelandet. Die Therapiesitzungen sind unfassbar anstrengend, bringen mich aber näher zu mir, zu meiner Trauer. Die Verzweiflung ist ein sehr häufiger Gast, lässt keine Trauer zu und ich hab keine Ahnung, wie ich in meinem Zuhause, je alleine damit klarkommen kann. Die Verzweiflung schneidet mich von meiner Trauer ab, und ich merke, dass ich im Moment, gerade jetzt, einfach nur schreckliche Angst habe vor meinem Geburtstag. Der 25.März ist mein Geburtstag und ich habe ihn in den letzten 42 Jahren immer mit meinem Mann zusammen gefeiert, oft mit einem Haus voller Gäste, der ganzen Familie. Es war immer ein ganz besonders schöner Feiertag. Mein Leben konnte ich feiern. Aus tiefstem Herzen konnte ich mein Leben annehmen. Ich hatte einen wunderbaren Mann an meiner Seite, drei herrliche Söhne, meine Arbeit, die mir immer auch eine wichtige Kraftquelle war, unser gemeinsame Arbeit, unsere Diskussionen, es gab immer wieder neue Themen, es gab so vieles was wir gemeinsam erlebt haben, und so viele Pläne hatten wir, wir hatten wieder unser Leben zu zweit entdeckt, nach der langen Kinderurlaub-Zeit, Reisen, Naturerleben, neue Landschaften entdecken, wieder Radtouren und Wanderungen machen. Er fehlt mir so. Und es fühlt sich einfach nur falsch an, zu feiern ohne ihn.

Ich weiß, dass er will, dass es mir gut geht. Einmal hat er zu mir gesagt: „Eva, ich werde vor Dir sterben, weil ich ohne Dich nicht leben kann. Du bist viel stärker als ich, Du schaffst das wohl.“ Und jetzt? Mit der ersten Aussage hatte er recht, mit der zweiten wohl auch, aber sein „Du schaffst das wohl!“ ? Es fühlt sich die meiste Zeit nicht so an. Da ist Leere, vorher war da Begegnung, Fülle, Bilder, Töne und so unendliche Verlässlichkeit, sich fallen lassen können, Lachen und unerschöpfliche, immer noch wachsende Liebe. Ich bin nun hier…..

In einer Therapiesitzung habe ich ihm geschrieben:

„………Ich werde ein Buch kaufen, für Dich, für uns, alles, was mich erinnert, an uns erinnert, soll da einen guten Platz finden.

Ich möchte, dass es Dir an meiner Seite gut geht!

Ich möchte, dass es mir an meiner Seite gut geht, und dass es mir an Deiner Seite gut geht!

Ich möchte, dass es nicht so bleibt, wenn es mir schlecht geht. Ich möchte Dich spüren. Ich merke, dass ich das noch nicht schaffe, dass es mir ohne Dich an real an meiner Seite gut geht. Ich vermisse Dich sosehr und an meiner Seite taucht stattdessen so oft noch die Verzweiflung auf. Deine Berührung fehlt mir so sehr, dass es weh tut. Ich war so sicher, wenn Du mich gehalten hast und diese Sicherheit kann ich mir noch nicht aus mir selbst holen. Ob mir das jemals gelingt? Ob ich jemals wieder meine Lebenslust finde, die Lust, mein Leben zu feiern?…..“

Meine Körpertherapeutin sagt mir, sie wisse ein sehr passendes Geburtstagslied für mich: „Wie schön, dass Du geboren bist…“, weil, so meint sie, sie wisse, dass es sehr viele Menschen gäbe, die mich vermisst hätten, die mich vermissen würden, die mich brauchten und brauchen. Dagegen kann ich nichts sagen, es stimmt einfach und es zeigt mir einige starke Facetten von mir. Und, sie meint, ich solle doch auf jeden Fall noch jemanden mitnehmen, wenn ich meinen geplanten Ausflug mache, an diesem Tag, und sie wisse auch, wer da vielleicht mitkommen könnte.

Ich hatte zuerst die Idee, nur meinen Mann mitzunehmen, weil er mich schon in die Bergwelt von Gran Canaria begleitet hat, eine Woche nach der Beerdigung. Und auch da war eine Freundin mit, für die erste Zeit dort, ich habe das Gefühl, dass ich besonders in der Natur oft guten Kontakt zu ihm bekomme. Dann kann ich schöne Momente sammeln, die mir Kraft geben, neugierig zu bleiben, es ist noch keine Lebenslust, aber sie blitzt doch dann und wann hinter der Neugierde hervor, und das gibt mir Hoffnung, meinen Weg zu finden.

Den Geburtstag werde ich jetzt tatsächlich mit meiner Freundin, die in der Klinik arbeitet, verbringen, draußen, in der Natur und in der Eisdiele. Mein Mann ist mit dabei, ich möchte ihm den schönen Schaugarten im Städtchen zeigen. Das wird mir gelingen und es wird ihm gefallen, mit uns Weibern.

 

   
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1 Comment

  • Reply Andrea 26. März 2019 at 3:22

    Liebe Eva,
    Danke für deinen berührenden Text!! <3
    Andrea

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