Alle reden über Trauer 2019

Für Rosa, meine Herrin, meine Zofe, meine Frau, meine Freundin, meine Liebste

27.04.1959 – 12.08.2018

Von Tua Herbst

In unserer Gesellschaft wird schon der Tod und das Sprechen darüber sehr tabuisiert. Niemand will da so recht ran. Das kann ich gut nachvollziehen, ging es mir doch weitgehend ebenso bis zu dem Moment, in dem ich ein Überlebender war und anfing, mich massiv mit Tod und Trauer zu befassen. Gerade, weil in Zeiten der Trauer über alles Mögliche, aber wenig über Sexualität gesprochen wird, ist es mir ein Anliegen, auf diesen Aspekt einzugehen und dann ist da ja nicht nur die Sexualität, sondern auch die spezielle sadomasochistische Sexualität, über die ja entweder gar nicht oder sehr klischeehaft berichtet wird, die mir abhanden gekommen ist. All dies Verlorene lässt sich nicht ersetzen, das ist mir vollkommen klar. Jetzt, wo meine Trauer schon ein halbes Jahr währt, spüre ich unglaublich intensiv, wie gravierend mein Verlust ist. Mir ist wichtig, von unserer außergewöhnlichen Art zu lieben zu erzählen und so habe ich auch in meiner Trauergruppe davon berichtet, wie sehr mir unsere Sexualität fehlt und auch, wie stark ich unsere sadomasochistische Liebesbeziehung vermisse. Ich hatte mir sehr genau überlegt, ob ich das anderen Trauernden überhaupt zumuten könnte und bin zu dem Entschluss gekommen, es zu wagen. Denn unsere Aufgabe für diesen Gruppenabend war es, zu erzählen, wer das war, den wir verloren haben, was genau ihn ausmachte. Ich hätte es als einen Verrat empfunden, wenn ich das Wichtigste, den Urgrund unserer Liebe ausgespart hätte. Es wäre ihr nicht gerecht geworden und auch unserer gemeinsamen wunderbaren Zeit nicht, diesen so wesentlichen Teil ihres Seins zu verleugnen.

Da wir in den letzten Jahren immer offener und freier mit diesen Anteilen unserer Liebe umgegangen sind, ist es mir ein wirkliches Anliegen, zu zeigen, dass es das geben kann, eine gelungene, liebevolle SM-Beziehung.

In gewisser Weise war es auch gut für uns, schon Jahre vorher das Sterben sozusagen geübt zu haben, geht es doch bei SM um Hingabe, Kontrollverlust, Loslassen und Vergehen. Doch im Gegensatz zum SM ist der Prozess des Sterbens an Krebs nicht durch ein Safeword zu stoppen, auch braucht es den Mut, wirklich all seine Kraft in die Hingabe zu leiten und sich dem zu überlassen, was geschehen will. Das Fürchterlichste war für mich, ihr nicht wirklich helfen, sie nicht heilen zu können, sondern lediglich für sie da zu sein, um ihr bei diesem schlimmen Prozess beizustehen. Noch Schlimmer allerdings ist es, ohne sie sein zu müssen, es verlangt mir viel ab und wenn sie mir nicht als meine Gebieterin aufgetragen hätte, wieder glücklich zu werden, wüsste ich nicht so recht, wozu ich noch hier bin. Wenn ich gewusst hätte, wie das geht, hätte ich sie gern im Augenblick ihres Todes, bei dem ich dabei sein durfte, begleitet.

Wer Rosa gekannt hat, weiß, was ich alles verloren habe. Mit ihr ist nicht nur das Licht meines Lebens, meine über alles geliebte Frau, gegangen. Wir haben über 22 Jahre eine sehr intensive sadomasochistische Beziehung geführt, die von großer Liebe und Achtsamkeit geprägt war. Ich habe also auch meine schöne Gebieterin verloren, nach der ich so lange gesucht hatte. Sie hat mich so liebevoll streng erzogen, wie es niemand außer ihr vermocht hätte. Gleichzeitig muss ich durch Rosas Tod nun auch noch auf meine Zofe verzichten, die mir so ergeben war und mich so hingebungsvoll bedient hat. Ich hatte das seltene Glück, mit Rosa einen Menschen zu finden, der all meine dunklen Facetten und mein Verlangen nach Dominanz, Unterwerfung, Demut, Schmerz, Hingabe und Lust in all seiner Widersprüchlichkeit nicht nur toleriert, sondern freudig begrüßt hat. Sie hat all das sowohl in der dominanten, als auch in der submissiven Rolle in unzähligen Sessions zelebriert, zu zweit oder dritt, bei uns zu Hause, aber auch in aller Offenheit und mit Humor und Vergnügen auf Partys und bei Workshops auf vielen öffentlichen Veranstaltungen wie z.B. mehreren Xplores (Sexpositive Festivals in Berlin, Barcelona und Rom), so dass jeder sehen konnte, dass Liebe und BDSM wirklich zusammen gelebt werden können.

Mir ist bewusst, wie kostbar und selten so etwas ist. Eine solche SM-Liebe ist ein großartiges Geschenk und ich schätze mich glücklich, dass ich so etwas Großes erleben konnte. Ich durfte Rosa 22 Jahre lang dienen, gleichzeitig war ich ihr Herr und habe mit ihr ein glückliches Leben geführt.

Meine Seele fühlt sich an, wie eine Auster, in die etwas eingedrungen ist, das ununterbrochen reibt und schmerzt. Meine einzige Hoffnung ist, dass aus dieser Qual eines Tages vielleicht eine Perle entsteht, die mit ihrem mattschimmernden dunklen Glanz mir und anderen Freude und Glück beschert und hilft, ein leichteres, glücklicheres Leben zu leben.

Wohin auch immer Rosa gegangen ist, ich wünsche ihr einen leichten Weg. Möge sie immer einen treuen Gefährten und einen willigen Diener an ihrer Seite haben oder einen liebevoll strengen Herrn.

   
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1 Comment

  • Reply Sonja 26. März 2019 at 12:52

    Lieber Tua! Zuerst möchte ich mein aufrichtigstes Beileid aussprechen! Ich kann den Schmerz dieses Verlustes nachvollziehen, da ich eine ungefähre Ahnung habe, was so eine Beziehung/Liebe bedeutet. Alles Gute für dich, Sonja

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