Alle reden über Trauer 2019

Es wird Zeit

von Katrin R.

„Es wird Zeit.“, wurde mir gesagt. „Reiß dich zusammen. Das Leben geht weiter.“

Das war nach ein paar Monaten, nachdem sich mein Leben komplett verändert hatte. Nachdem mein Ehemann nach langer, schwerer Krankheit für immer von uns gegangen ist. Und was habe ich zu mir gesagt? Es wird Zeit. Zeit zu trauern. Sich bewusst mit dieser Trauer auseinanderzusetzen. Und genau das habe ich auch getan. Und tue es immer noch. Und es hat mir gut getan. Es fühlt sich immer noch richtig an, diesen schweren Weg gegangen zu sein. Es war für mich die richtige Entscheidung. Denn irgendwann hätte mich die Trauer sowieso wieder eingeholt. Selbst wenn ich sie noch so sehr verdrängt hätte, käme die Trauer wieder zum Vorschein. Denn die Trauer ist wichtig. Sie gehört zum Leben dazu. Genau wie der Tod. Wir können nicht davor weglaufen. Es ist ein Bestandteil unseres Lebens.
Um das zu begreifen, musste ich erst dem Tod ganz nahe kommen. Einem geliebten Menschen beim Sterben zusehen zu müssen, ohne ihm wirklich helfen zu können, das verändert einen. Das berührt einen ganz tief im Inneren. Ich musste loslassen und nahm doch etwas sehr Wertvolles mit. Eine Erfahrung, die das spätere Leben prägen wird. Man kann nicht mehr so weiter machen, wie man es bis dahin gewohnt war. Ich konnte es nicht. Ich wollte begreifen, was da geschehen ist. Was mit meinem Mann geschehen ist. Was mit mir geschehen ist. Ich konnte nicht einfach die Augen vor allem verschließen und so tun, als wäre nichts gewesen.
Es war mutig von meinem Mann, diesen allerletzten Schritt zu gehen. Und es war auch mutig von mir, den nächsten Schritt zu machen. Einen bewussten Schritt zurück ins Leben. Aber das war ein schwieriger Schritt. Ein ganz langer Weg lag vor mir, auf dem ich mich immer noch befinde und von dem ich nicht weiß, wohin er mich führen wird. Und das macht mir Angst. Große Angst. Aber Schritt für Schritt begab ich mich in dieses neue unbekannte Leben, das ich nie haben wollte. Aber nun ist es da.
„Das Leben geht weiter.“, meinten die anderen. Ja, stimmt, das Leben geht auch weiter. Aber die Frage ist, wie es weiter geht. Wie kann es weiter gehen, wenn man etwas ganz Wichtiges in seinem Leben für immer verloren hat?
Diese Frage stelle ich mir jeden Tag und sie macht mir Angst. Ich habe Angst vor diesem neuen Leben. Aber ich stelle mich dieser Angst. Versuche diese Herausforderung irgendwie anzunehmen. Lange Zeit habe ich damit gekämpft, Veränderungen zuzulassen. Ich wollte, dass alles so bleibt, wie es war. Aber die unausweichlichen Veränderungen traten trotzdem in mein Leben und ich habe sie irgendwann angenommen. Immer alles in kleinen Schritten. Ich befinde mich erst am Anfang meiner Trauerarbeit und mein Weg ist noch lang. Aber wenn ich in ruhigen Momenten zurückblicke, dann sehe ich, was ich bis jetzt schon alles geschafft habe. Ich bin froh, dass ich schon so weit gekommen bin.

Was hat mir auf meinen Trauerweg bisher geholfen?

Anfangs konnte ich einfach nur weiter atmen, es war nur ein reines Überleben. Und wenn die Trauer an die Oberfläche kam, dann habe ich sie einfach zugelassen. Ich bin auf diese Trauerwelle aufgesprungen, habe mich mit ihr treiben lassen und gewartet, bis sie wieder abklang. Mittendrin in diesem unglaublichen Schmerz konnte ich noch etwas anderes fühlen. Es fühlte sich gut an. Ich spürte die Liebe zu meinem Mann auf einer ganz besonderen Art und Weise. Danach ging es mir meistens etwas besser. Wenn man weiß, dass dieser scheinbar unerträgliche Schmerz auch wieder vorbei gehen wird, dann ist die Angst davor nicht mehr ganz so groß. Es ist heilsam.

Im ersten Trauerjahr habe ich mich vor allem mit der Vergangenheit beschäftigt. Ständig fragte ich mich: „Warum musste das alles passieren? Hätte ich etwas ändern können? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? War es meine Schuld?“ Ich war sehr wütend, auf mich selbst, aber auch auf andere. Ich habe versucht, einen Schuldigen zu finden.
Diese ständige Grübelei kostete mich jede Menge Zeit und Nerven. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es keine zufriedenstellende Antwort auf diese belastenden Fragen geben wird. Es ist einfach passiert, das Schicksal ist einfach passiert. Aber bis ich zu dieser befreienden Erkenntnis gekommen bin, vergingen viele schmerzhafte Monate. Das passiert nicht von heute auf morgen. Es ist ein langer Prozess. Man braucht viel Geduld; vor allem mit sich selbst. Das musste ich aber auch erst lernen. Geduld ist etwas Wichtiges im Trauerprozess, für die Trauernden sowie für ihre Angehörigen. Leider wird dieser Aspekt sehr oft vergessen beziehungsweise für nicht so wichtig empfunden. In unserer Leistungsgesellschaft geht es nur um das Funktionieren, ohne Rücksicht auf Verluste in jeglicher Hinsicht. Aber mit dieser Lebenseinstellung schaden wir uns nur selbst. Es ist wichtig in unserer schnell lebenden Zeit, wieder mehr zur Ruhe zu kommen. Geduld zu haben, sich Zeit zu nehmen und auch achtsam zu sein. Das Leben bewusst wahrzunehmen. Vor allem die kleinen Dinge im Leben schätzen zu lernen.
Am Anfang meiner Trauer war ich oft hin und her gerissen zwischen dem alten und dem neuen Leben. Ich setze mich mit dem Gedanken auseinander, was einmal war und nie wieder sein wird. Dinge, die man zum letzten Mal gemeinsam getan hat. Dinge, die man zum ersten Mal alleine tun wird. Auch das war sehr schmerzhaft. Aber mit jeder Aufgabe, die ich gezwungenermaßen alleine bewältigt habe, wuchs mein Selbstvertrauen. Ich bin stolz darauf, was ich schon alles erreicht habe. Auch wenn das nur kleine Dinge sind. Leider musste ich feststellen, dass ich diesen „Erfolg“ nur mit mir selbst teilen konnte. In meinem Umfeld sind Trauer und Tod Tabuthemen. Aber glücklicherweise gibt es immer mehr Menschen, die offen mit diesem Thema umgehen können und das ermutigte mich, meinen Trauerweg fortzusetzen. Vor allem hatte mein Bauchgefühl ein großes Mitspracherecht in meinen Entscheidungen. Rückblickend betrachtet konnte ich mich gut auf meine innere Stimme verlassen. Ich lernte mit der Zeit, offener zu werden. Mich anderen Menschen anzuvertrauen. Hilfe anzunehmen; auch professionelle Hilfe.
Nun befinde ich mich mitten im dritten Trauerjahr. Meine Trauerarbeit ist noch lange nicht beendet. Da sind noch viele Dinge, denen ich mich stellen muss. Aber ich blicke etwas zuversichtlicher in die Zukunft. Die Angst vor dem Neuanfang ist etwas weniger geworden und ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich neugierig auf das neue Leben bin.

Es gibt verschiedene Wege, den Verlust und die Trauer zu verarbeiten. Dabei gibt es kein Richtig und kein Falsch. Alles ist erlaubt, wenn es einem gut tut und Trost spendet in dieser schweren Zeit. Es ist nur wichtig, dass man seinen eigenen Weg geht und sich nicht von anderen vorschreiben lässt, wie man zu trauern hat. Man muss einen für sich passenden Weg finden; mit allen Höhen und Tiefen. Und das kann dauern. Und das ist auch gut so. Mit der Zeit wird es besser. Und NEIN, die Zeit heilt nicht alle Wunden. Man lernt nur mit diesem Schmerz umzugehen, ihn anzunehmen und die Trauer als ein Teil von einem zu akzeptieren. Sie gehört dazu. Durch die Trauer konnte ich mich weiter entwickeln. Sie hat mir geholfen, Veränderungen in meinem Leben zuzulassen.

Ich versuche zwar im Hier und Jetzt zu leben, aber die Vergangenheit ist keineswegs vergessen. Mein verstorbener Ehemann wird immer bei mir sein, nur auf einer anderen Art. Ich vermisse ihn täglich und wünsche mir oft mein altes Leben zurück. Aber da ich weiß, dass das nicht passieren wird, versuche ich nach vorn zu schauen. Auch wenn es schwer fällt.
Ein Lichtblick in dieser schweren Zeit sind für mich die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich habe das Gefühl, dass nichts ohne Grund geschieht. Auch wenn es furchtbar grausam klingen sollte, ohne den Tod meines Mannes wäre ich nicht die Person geworden, die ich jetzt bin. Ich hätte nie gedacht, dass diese Verlusterfahrung auch etwas Positives hat, in welcher Hinsicht auch immer. Die Erfahrungen, die ich mit dem Tod machen durfte und alle weiteren „Zeichen“ oder besser gesagt Empfindungen, die ich wahrgenommen habe, bewahre ich wie einen kleinen Schatz in mir auf. Das hilft mir, besonders in schweren Momenten.

Abschließend möchte ich nochmal darauf eingehen, dass es wichtig ist, dass wir dem Tod und der Trauer einen Raum in unserem Leben geben. Einen Raum, wo man all diese Trauergefühle ausleben kann und auch darf. Dass wir uns nicht weiter davor verstecken müssen.

Es wird Zeit, Trauer in unserer Gesellschaft zuzulassen. Ihr den Raum und die Zeit zu geben, die sie so sehr braucht.

   
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Ich danke dir von Herzen für die Wertschätzung meiner Arbeit, Zeit und Liebe, die ich in all das hier fließen lasse ❤

   
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2 Comments

  • Reply Locke 25. März 2019 at 23:42

    Liebe Katrin R.,

    ich hätte große Lust, den ganzen Text an ALLE weiterzuleiten.
    Nur wer es selber erlebt hat, kann hier stumm zunicken.
    Gut geschrieben – wahre Worte – ich kann allem nur zustimmen, auch wenn ich bei uns noch nicht mal 1 1/2 Jahre sind und ja, wir vermissen unsere Männer immer noch…
    Vielen Dank für die Zeilen, von Herzen alles Gute
    Andrea Leibfritz aus Sonnenbühl

  • Reply Padma Ellen Hochein 27. März 2019 at 15:07

    Liebe Katrin
    Ganz wunderbar, wie Du die Zeichen, das Positive wie einen kleinen Schatz in Dir bewahrst und ja, es ist so erheblich wichtig, Trauer-Räume zu schaffen, denn es ist Heilung nicht nur für einzeln Betroffene, sondern für unsere Gesellschaft und das Kollektiv.
    Das WIE und wie bald ist das möglich, ist für mich eine große und wichtige Frage!!! Und dies ist extrem politisch!

    Alle Liebe zu Dir
    Padma Ellen Hochrein

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