Alle reden über Trauer 2017

Ein Abschied in Würde

D. berichtet von der Arbeit bei einer ehrenamtlichen Initiative, die sich um „ordnungsamtlich bestattete“ Tote kümmert: 


Sein Briefkasten ist mit Malerkrepp zugeklebt, „Verstorben!“ steht in ungelenken Buchstaben darauf. Ich studiere die Klingelschilder an der Haustür, entscheide mich dann für das neben seinem. „Ja?“, ertönt eine weibliche Stimme aus der Gegensprechanlage. „Hallo, ich bin… und komme wegen Herrn…“ – „Der ist tot.“ – „Ich weiß. Deswegen bin ich hier.“ Ein kurzes Zögern. „Moment, ich mache Ihnen auf.“

Rund 130 Menschen versterben pro Jahr in der Großstadt, in der ich lebe, ohne dass es bestattungspflichtige Angehörige gibt – Tendenz steigend. Sie stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Es sind sehr alte Menschen, Menschen mittleren Alters, seltener auch jüngere. Die meisten sind männlich.

Diese Verstorbenen werden „ordnungsamtlich bestattet.“, in einem anonymen Urnenfeld auf dem hiesigen Friedhof. Ohne Todesanzeige, ohne Trauerfeier, ohne Grabtafel. Manchmal waren sie vollkommen vereinsamt, aber nicht immer. Deshalb bin ich hier, in diesem Haus, in dem Herr S. zuletzt gewohnt hat.

„Sie haben Herrn S. gekannt?“ frage ich die Nachbarin, eine Frau, etwa in seinem Alter. 58 Jahre war Herr S. alt, als er starb. Ich kenne seinen Namen, sein Geburtsdatum, seine letzte Adresse. Seinen Sterbetag und seinen Sterbeort, ein Krankenhaus in der Nähe. Ich kenne weder sein Gesicht, noch habe ich eine Vorstellung davon, wie er gelebt hat. „Was heißt kennen, man hat sich gegrüßt, mal kurz übers Wetter gesprochen…“, sagt die Nachbarin. Sie sieht mich misstrauisch an. “Warum fragen sie danach?“

Ich erkläre es ihr. Dass ich ehrenamtlich für eine Initiative tätig bin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Toten angemessen zu würdigen, damit ihr Name nicht einfach verschwindet, als hätte es sie nie gegeben. Den Hinterbliebenen, den Wegbegleitern Gelegenheit zu geben, Abschied zu nehmen. Einen bezeichneten Ort zu haben, an dem sie trauern können.

Die Nachbarin sieht mich nachdenklich an. „Er sah immer schlechter aus, da dachte ich noch, hoffentlich geht der zum Arzt. Eines Tages war er weg, dann wurde die Wohnung ausgeräumt, ganz furchtbar, alles so schnell… er war im Krankenhaus sagen Sie? Woran ist er denn gestorben?“ Ich kann es ihr nicht sagen. „Der hatte niemanden…das ist traurig, oder? Warten Sie…er hat mir mal erzählt, dass er Schach gespielt hat, richtig im Verein, Turniere und so.“ Langsam kommen die Erinnerungen, und Herr S. gewinnt auch für mich Gestalt. Ich gebe der Nachbarin unsere Einladung für die Trauerfeier, spreche mit weiteren Nachbarn, frage nach Menschen, die ihn gekannt haben und verteile weitere Einladungen in den Briefkästen im Haus.

Die Trauerfeiern finden vierteljährlich in der Kapelle des Friedhofs statt, einem der größten Friedhöfe in Deutschland. Unsere Initiative richtet die Feiern aus; es gibt Lesungen und Musik. Die Namen und Daten der Verstorbenen werden laut verlesen, für jeden Toten wird eine Kerze angezündet. 32 Tote sind es diesmal, die im vergangenen Quartal verstorben sind. 32 Menschen, die oft allein starben, gewollt oder ungewollt, deren letzter Begleiter der Bestatter war.

Auf der Trauerfeier treffe ich die Nachbarin und zwei Männer aus dem Schachclub von Herrn S., die aus der Zeitung von seinem Tod erfahren haben.

Bei Kaffee & Kuchen im Vorraum der Kapelle gibt es Zeit für Gespräche, manchmal sehen sich dort Menschen wieder, die seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zueinander hatten. In den Gesprächen wird der jeweilige Verstorbene noch einmal präsent mit dem Anteil, den er im Leben anderer hatte.

Später, am Gräberfeld legen viele Blumen ab und suchen auf den schlichten, durch Spenden finanzierten Granittafeln nach dem Namen des Menschen, dessentwegen sie hier sind.

Zu den Feiern kommen viele Menschen, frühere Wegbegleiter, Bekannte, Kollegen, Nachbarn, aber auch Freunde oder Lebensgefährten. Oft sind diese Menschen erschüttert, wenn sie durch uns vom Tod erfahren.

Unsere Initiative erweist den Toten einen letzten Dienst. Doch letztlich kümmern wir uns um die Lebenden.

D. | 25.02.2017

   

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