Alle reden über Trauer 2019

Dunkelheit und Licht – oder: „Wofür bist du heute dankbar?“

Von Sandra Kötter, Trauerbegleiterin und Resilienztrainerin

 „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ (Evangelisches Gesangbuch nach Paul Gerhardt, aus dem Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“)

Immer wieder gehen mir diese Zeilen durch den Kopf, während ich staunend an der Reling stehe. Ich bin mit einer Gruppe von knapp dreißig Hospizmitarbeitenden aus ganz Deutschland auf der Hurtigrute in Norwegen unterwegs.

„Dunkelheit und Licht“, das Thema der Reise, hat eine besondere Symbolik. Zu dieser Jahreszeit, wo nördlich des Polarkreises keine Sonne zu sehen ist, ist es spürbar, dass sie fehlt. Es ist keineswegs immer stockfinster, jedoch bleibt es wie in der Dämmerung, es wird nicht richtig hell. Mit stürmischem Wetter und grauem Himmel könnte da schnell ein bedrückender Eindruck entstehen.

Dennoch: Der Schnee reflektiert Lichter, helle Momente können erlebt werden und spenden Kraft – besonders, wenn ich es gar nicht erwarte. Da ist das Licht eines Leuchtturms am Horizont, ein entgegenkommendes Schiff, der nächste sichere Hafen. Selbst nachts öffnet Gottes Schöpfung das Herz, Nordlicht lässt mich erneut „anbetend stehen“.

Ich entdecke Parallelen zu dem Weg eines trauernden Menschen. Da ist zunächst viel Dunkelheit, eine bedrückende Situation. Dennoch: Es ist niemals dauerhaft stockfinster, es sind kleine Dankbarkeitsmomente spürbar z.B. durch begleitende Menschen, liebevolle Begegnungen, tröstende Erinnerungen.

Auf dieser Reise, inzwischen südgehend, werden nun die Tage wieder heller, die Sonne zeigt sich, ist sicht- und spürbar. Auch die Trauer verändert sich. Der Verlust bleibt, aber der Schmerz wandelt sich, steht nicht mehr täglich im Mittelpunkt.

Seit vielen Jahren begleitet mich die Idee eines Dankbarkeitstagebuchs: „Wofür bist du heute dankbar?“ Es lohnt sich, täglich einen Blick auf diese Frage zu werfen. Zugegeben: Mitten im Urlaub in dieser fantastischen Landschaft ist es keine Schwierigkeit, eine lange Liste zu verfassen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es auch mitten in einer schweren Krise möglich ist, etwas zu finden, jeden Tag! Das ändert den Blick, weg von Selbstverständlichkeiten, hin zur Dankbarkeit.

Ich wünsche Ihnen, dass sie Dankbarkeit spüren können. Dass nicht jeder Tag ein Tag der Trauer ist, jeder Tag auch Momente der Dankbarkeit und des Lichts enthält.

 

 

 

 

 

   
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