Alle reden über Trauer 2019

Du bist jetzt eben unsichtbar

Fünf Gedanken zur lebendigen Liebe Nach dem Tod. Von Barbara Pachl-Eberhart.

Nein, ich hätte es mir nicht so gewünscht. Wäre ich gefragt worden, hätte ich mich bestimmt gewehrt. Einen Toten zu lieben, ja: nicht nur einen – sondern sogar drei? Eine Beziehung aufzubauen und zu pflegen, zu einem unsichtbaren Mann, einem Sohn und einer Tochter mit Flügeln?

Trauern. So lautet der landläufige Name für das, was ich tun musste, nachdem mein Mann und meine Kinder im Jahr 2008 bei einem Unfall ums Leben kamen. Trauern – für mich heißt das: auf neue Weise lieben lernen. Eine Liebe, die Toten gilt, folgt anderen Gesetzen als die Liebe im Leben. Manchmal ist sie leichter. Sie stößt sich nicht an offenen Zahnpastatuben oder an der Frage, wer die Wäsche macht. Und doch gibt es, wie in jeder Liebe, Probleme die man lösen muss. Spezifische Probleme. Wie liebt man einen Toten? Und wie geht man mit Problemen um, wenn man sie nicht ausdiskutieren kann? Ich habe meiner Liebe fünf Worte geschenkt. Ich werde sie verwenden, um zu erzählen, worin die besondere Herausforderung einer Patchworkfamilie zwischen Himmel und Erde besteht.

L wie Lebendigkeit

Bestimmt kennen Sie das alte Sprichwort, nach dem Ehepartner einander im Lauf der Jahre immer ähnlicher werden. Die moderne Hirnforschung bestätigt uns: wir sind darauf angelegt, uns aufeinander einzustellen. Unsere Spiegelneuronen bilden andere in uns selbst ab. Wenn wir lieben und viel Zeit miteinander verbringen, werden wir ein bisschen wie der andere. Wir werden ihm ähnlich, das geht ganz von selbst.

Was aber, wenn der geliebte andere tot ist? Wenn sein Körper reglos im Bett liegt, mit schweren Gliedern und leerem Blick? Wenn er schließlich, nach ein paar Tagen, im Grab versinkt? Sterben dann auch wir? Ja, ungefähr so habe ich es tatsächlich erlebt. Ich bin mitgestorben. Meine Spiegelneuronen haben mich ins Bett gesteckt, haben jede Lebenskraft aus meinen Muskeln gezogen. Am liebsten hätte ich mich gleich selbst in den Sarg gelegt.

Es hat lange gedauert, bis ich daran glauben konnte, dass ich meine geliebten Toten nicht verlasse und nicht verrate, wenn ich wieder lebendig werde. Die Seele tanzt, die Seele ist frei und lebendig. Das gilt im Himmel und auch hier. Wenn ich lache, lachen die Seelen meiner Liebsten mit. Heute sage ich mir: Es gibt beides – den schweren Körper und den leichten, puren Seelentanz. Ich darf entscheiden, womit ich mich identifiziere. Beides ist richtig und gut, zu seiner Zeit. Doch heute weiß ich: Im Lachen, in der freudigen Lebendigkeit, spüre ich die stärkste Verbindung zu meiner Familie.

I wie Idealisierung

De mortui nihil nisi bene. Nichts Schlechtes darf über die Toten kommen, dazu haben uns die alten Lateiner gemahnt. Ich bin diesem Rat gerne gefolgt, ja, es kam für mich gar nichts anderes in Frage. Natürlich war Heli der beste Mann der Welt, alles an ihm war wunderbar. Oh Gott, wie ich ihn vermisste! Die Trauer um meine Familie färbte meine Erinnerung rosarot. Thimo, Valentina, Heli, sie waren perfekt. Und ich? Ich verging vor Scham und Schuld. Warum hatte ich nur so oft mit meinen Kindern geschimpft? Warum hatte ich diesem besten aller Ehemänner nicht viel öfter gesagt, wie sehr ich ihn liebte? Warum hatte ich nur so vieles falsch gemacht?

„Stell dir vor, Heli sitzt auf diesem Sessel, und du kannst ihm alles sagen, was du willst“, forderte mich eines Tages mein Therapeut auf. Ich weinte und weinte, und brachte nichts anderes hervor als „Entschuldige, es tut mir so leid“. Heli auf seiner Wolke kratzte sich bestimmt am Kopf. Vielleicht war er es, der meinem Therapeuten die Worte eingeflüstert hat. „Heli war auch nur ein Mensch. Wenn du ihn idealisierst, tust du ihm unrecht. Du schaust an ihm vorbei, du siehst nicht, wer er wirklich war.“

Kurz darauf, in derselben Stunde, war ich so weit. Ich schimpfte mit Heli, während ich auf ein großes Kissen trommelte. „Du sitzt auf deiner weißen Wolke und lässt die Beine baumeln. Und ich? Ich kann hier herunten viel Geld dafür bezahlen, dass ich auf ein blödes Kissen einschlage“. Ein erstes Fünkchen Wut. Sie holte mich aus der Erstarrung, sie brachte mich sogar zum Lachen. Sie stellte Heli und mich wieder auf Augenhöhe. Eine wichtige Voraussetzung, um in Beziehung zu sein.

E wie Entfernung

Wo bist du? Bist du überhaupt noch da? Wie oft habe ich das in den Himmel geschrien. Seltsam: Ich habe diese Worte immer nur an Heli gerichtet, nie an meine Kinder. Meine Kinder sind in mir, sie leben mit mir, in jeder Faser meines Seins. Daran habe ich nie gezweifelt. Vielleicht ist das logisch, ich habe sie immerhin jeweils neun Monate in meinem Bauch getragen, und in den ersten Monaten der Schwangerschaft konnte ich sie ebenso wenig sehen wie spüren. Das fühlt sich jetzt ganz ähnlich an. Ich sehe sie nicht, ich spüre sie nicht, und doch sind sie da.

Heli war nie in meinem Bauch. Wo ist er jetzt? „Er hat sich auf die Reise gemacht“, diese Worte sind lange in meinem Kopf herumgegeistert, und sie machten mich fast wahnsinnig. Denn meine irdische Logik sagte mir: Wenn einer unterwegs ist, dann geht er jeden Tag ein Stückchen weiter. Weiter weg. Weiter fort von mir.

Ich brauchte viel Phantasie, um andere Bilder zu entwickeln, mit denen ich mein Erdenhirn beruhigen konnte. Die Reise, die unsere Toten machen, führt nicht von A nach B. Ich denke, sie führt immer mehr in Richtung Leichtigkeit und Durchlässigkeit. Je länger Helis Reise dauert, umso feiner wird der Stoff, aus dem er gewoben ist. Mittlerweile ist er bestimmt so durchlässig, dass er ohne Probleme in meinen Bauch schlüpfen kann, wenn er will. Dann wieder kann er sich über den Himmel legen, als Netz, das sich über mich spannt. Er kann fortfliegen und zurückkommen. So wie er es will.

B wie Bedauern

„Hättiwari“. So nennen meine steirischen Freunde das Bedauern über etwas, das nicht mehr zu ändern ist. Ein „Hättirwari“ sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Lieber in die Zukunft schauen, so lautet die Devise. Wenn man Tote liebt, kommt man um das Bedauern und Betrauern nicht immer so leicht herum. Denn eine gemeinsame Zukunft hat man nicht mehr. Man hat nur noch das, was war. Und das, was leider nicht gewesen ist.

Ich habe meine „Hättiwaris“ lieb gewonnen. Sie sind zur Inspirationsquelle geworden. Was hätte ich gerne noch erlebt, gemeinsam mit meinem Mann und meinen Kindern? Einen Schneemann bauen. Eine Reise ans Meer. Als irdische Vertreterin meiner Familie darf ich heute unsere gemeinsamen Träume verwirklichen. Ich darf das, was uns wichtig war, wofür wir gekämpft haben und worauf wir uns freuten, weiterführen. Manchmal tut das weh. Es brennt, alleine zu sein, sich alleine zu freuen. Doch ich nehme den Schmerz gerne in Kauf. Das Brennen geht vorbei. Zurück bleibt die Erinnerung an einen wunderschönen Tag am Meer.

E wie Erfahrung.

Auch in der Liebe zu den Toten gibt es Beziehungskrisen. Man spürt sich nicht mehr, man fühlt sich einsam und allein gelassen. Man hat das dringende Bedürfnis, etwas zu verändern, damit es wieder besser wird. In der Partnerschaft zwischen zwei Lebenden sieht das oft so aus: „Liebling, ich muss mit dir reden“. Der Partner seufzt und schweigt. Die Frau färbt sich die Haare rot und meldet sich zum HipHop-Kurs an. Der Partner kauft ein neues Auto. Nicht alles, was wir tun, um frischen Wind in eine Beziehung zu bringen, ist klug oder zielführend. Manches stellt sich hinterher als Spleen heraus.

Auch in der Liebe zu Toten müssen wir mit Versuch und Irrtum arbeiten. Der Nachteil: Wir können nicht miteinander reden. Wir sind auf uns selbst gestellt, es gibt kein Sicherheitsnetz. Der Vorteil: Wir können Unsinn machen, so viel wir möchten. Wir ernten kein Kopfschütteln, es gibt keinen Krach. Wir dürfen – im Ernstfall – jahrelang das Falsche tun, ohne geschimpft zu werden. Die Toten sind geduldig. Wir dürfen lernen, üben und probieren. Sie stehen und bei, so lange wir leben.

   
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