Alle reden über Trauer 2019

Gedanken zum kleinen Tag

Von Sabine Jakob

Wie ich den „Kleinen Tag“ kennenlernte und er mir half, meinen Blick auf meine Trauer zu verändern.

Hallo Kleiner Tag!

Von Herzen Danke, dass es dich in meinem Leben gibt. Ich spreche häufig von dir und wünsche anderen gerne zum Abschluss von Gesprächen, Briefen oder Textnachrichten, dass sie ihren „Kleinen Tag“ genießen mögen. Manche Menschen fragen dann nach, was ich denn damit meine. Ob es nicht „großer Tag“ oder besser noch „grandioser Tag“ heißen müsse? Dann erzähle ich ihnen von dir. Wie ich dich kennengelernt habe, und warum du mir so ans Herz gewachsen bist.

Im September 1996 las ich zum ersten Mal das Märchen über dich, hatte dich aber recht bald wieder vergessen. Du hast dich erst wieder in meinem Leben gezeigt, als ich sehr traurig war. Alles erschien sinnlos, meine Welt war von einem Moment auf den nächsten auf den Kopf gestellt. Ich fühlte mich verloren, verlassen, verraten. In dieser Zeit fand ich beim Ausmisten das kleine dünne Büchlein wieder, in dem Wolfram Eicke deine Geschichte mit der Welt geteilt hatte. Und so habe ich mich wieder daran erinnert, wie einmalig und einzigartig du bist.

Lieber „Kleiner Tag“, du lässt dich nicht auf morgen verschieben oder auf in drei Monaten. Wenn ich bereit bin für dich, mir Zeit nehme für die Geschenke, die du mir mitbringst, bist du schon nicht mehr da. Ein anderer Kleiner Tag, sicher. Aber nicht du, der heutige „Kleine Tag“. Du bringst deine Einmaligkeit heute und nur heute ins Leben. Punkt. Jedes einzelne Ereignis gehört zu mir, zusammen formen sie meine Erfahrungen und begleiten mich Stück für Stück durch mein Leben.

Es gibt die Sorte von Tagen, an die ich mich besonders erinnere. Tage stiller und lauter Trauer, aber auch voller lauter und stiller Freude. Für sein Buch „The Big Five for Life“ hat John Strelecky ausgerechnet, dass uns Menschen durchschnittlich 78.900 „Kleine Tage“ zur Verfügung stehen. In mir schreit gerade alles auf, denn meine kleine Schwester erlebte deutlich, deutlich weniger als 78.900. Nachdem sie ging, schritt ich durch so viele Stunden voller Trauer, Wut und Fassungslosigkeit. Sind Todestage unserer Lieblingsmenschen auch „Kleine Tage“, bei denen wir uns am Abend dafür bedanken sollten, dass wir sie erleben durften? Mir wäre ein stinknormaler, ereignisloser Tag damals im Mai vor über zehn Jahren lieber gewesen. Verdammt noch mal „Kleiner Tag“, was hast du dir nur dabei gedacht?

Ich weiß nicht, wie sich mein Leben weiterentwickelt hätte, könnte ich mit meiner Schwester noch von Angesicht zu Angesicht sprechen, sie anrufen oder besuchen. Wir hätten Meinungsverschiedenheiten, wären sauer aufeinander, und wir würden miteinander lachen. Manches wäre anders verlaufen. Wäre es besser geworden? Möglich, aber nicht garantiert. Viele, viele Monate und Jahre war ich damit beschäftigt, mir meine Traurigkeit nicht einzugestehen. Stets war ich bemüht, mir nichts anmerken zu lassen. Heute bin ich für diese Erfahrung sehr dankbar. Der „Kleine Tag“ damals im Mai war so unschuldig wie meine Wut und meine Tränen.

Ich kann nicht verändern, was passiert ist, nichts lässt sich rückgängig machen. Aber ich kann in jedem Augenblick, an jedem „Kleinen Tag“ selber entscheiden, an welchen Überzeugungen ich festhalten und welchen Gedanken ich glauben möchte. Würde ich nur diese Tage als lebenswert erachten, an denen das Pendel meiner Gefühle Richtung Freude ausschlägt, käme ich am Ende möglicherweise nicht einmal auf ein Alter als Teenager, geschweige denn, dass ich die Volljährigkeit erreichen würde. Ziemlich uncool! Will ich wirklich den Rest meiner 78.900 Tage damit verbringen, zu hadern, unglücklich und betrübt zu sein? Nein!

Rückblickend sehe ich den ganzen Schmerz, den der Tod meiner kleinen Schwester in mein Leben und das meiner Familie brachte. Und ich bin unendlich dankbar für alle Tage, die danach kamen, weil sie mich geduldig dahin geführt haben, mich meiner Trauer zu stellen und zu lernen, das Leben zu feiern. Ohne diese Erfahrungen hätte ich vielleicht die Weichen meiner beruflichen Karriere nicht neu gestellt. Werde ich heute gefragt, was ich denn so mache, lautet die Antwort ohne zu zögern: Ich begleite Menschen in Verlustsituationen und unterstütze sie dabei, ihren ganz persönlichen Weg zu finden, der sie durch ihre Trauer führt hin zu einem Leben voller Kraft, Zuversicht und innerer Balance.

Danke, Kleiner Tag, dass es dich HEUTE gibt und ich von Dir erzählen darf. Mögen die Menschen (also Sie, liebe Leser!) ihren eigenen, unwiederbringlichen „Kleinen Tag“ willkommen heißen und sich an ihm erfreuen!

In Verbundenheit
Deine Sabine

Liebe Leser,
ich habe viele „Kleine Tage“ gegrübelt über die perfekte Form für meinen Beitrag zu Silke Szymuras Aufruf „Alle reden über Trauer“. Die Aktion am 25. März 2019, dem 6. Todestag ihres Partners, habe ich zum Anlass genommen, meinen eigenen Blog zu starten.

Ich habe mich für die Briefform entschieden, denn Briefe sind etwas sehr Persönliches, ebenso wie die Art und Weise mit Verlusten, Veränderungen und Trauer umzugehen. Und weil ich Ihnen noch nicht begegnet bin, schreibe ich an den „Kleinen Tag“, der uns miteinander verbindet wie ein magischer Lebensfaden. Sie erleben Ihren und ich meinen „Kleinen Tag“, an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Facetten. Mir gefällt diese Vorstellung und ich freue mich, wenn Sie sich vom „Kleinen Tag“ weiterhin inspirieren lassen.

Auf meiner Webseite VerlustVertrauen haben Sie die Möglichkeit, sich für meinen Newsletter „Vitamine für mehr VerlustVertrauen“ einzutragen. Es erwarten Sie monatliche Impulse, durch eine andere Brille auf Ihre Trauer zu schauen und zu spüren, wie sehr Sie vom Leben geliebt werden.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Kommentare hinterlassen, wie Ihnen mein Brief gefallen hat, und wir vielleicht auch ins Gespräch kommen, was der „Kleine Tag“ für Sie bedeutet.

 

   
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