Alle reden über Trauer 2017

Der demente Abschied – Trauer als Ratenzahlung

Über die unstete Trauer, wenn der geliebte Mensch an Demenz leidet und der Sensenmann permanenter Zaungast ist


Beitrag von Teresa Czok

Traurigkeit hat viele Facetten. Man ist traurig, wenn die Lieblingsserie endet oder man sich den Zeh angestoßen hat, wenn eine Freundschaft zerbricht oder gar jemand gestorben ist. Das alles sind sehr unmittelbare Anlässe zum Traurigsein: etwas ist geschehen, man weint und verarbeitet nach und nach mehr oder weniger schnell den Kummer. Doch was, wenn dieser genaue Startpunkt zum Zusammenbruch und damit auch zur Heilung ausbleibt? Wenn der Tod geraume Zeit nur grinsend auf der Türschwelle sitzt, zwar ohne ganz einzutreten, aber leider auch ohne fortzugehen? Dann hat man vermutlich eine unabwendbare Todesdiagnose ohne exakten Termin erhalten. Dann heißt der übermächtige Gegner vielleicht Krebs, Aids oder, wie im Fall meiner (Groß-)Mutter: Demenz.

Ich wuchs bei meinen Großeltern auf seit ich 17 Tage alt war. Dieser glorreiche Tag wurde von uns fast wie ein zweiter Geburtstag geehrt, denn alle waren glücklich, dass es so kam: meine leibliche Mutter konnte ihr ungebundenes Leben fortsetzen, ich hörte auf zu schreien, begann zu essen und zu lächeln und meine (Groß-)Eltern dankten Gott für ihren zweiten Frühling mit mir so unverhofft geschenktem Sonnenschein. Mit meiner geliebten (Groß-)Mutti hatte ich ca. 25 unbekümmerte Jahre des Glücks. Und damit meine ich wirklich Glück. Konnte ich doch nie begreifen wovon meine Klassenkameraden sprachen, wenn sie sich über ihre Eltern beklagten, denn ich war stets rundum zufrieden mit unseren familiären Rechten und Pflichten. Ich himmelte meine Vormünder regelrecht an, es war, wie man immer mal wieder hört: Vati ist die erste Liebe eines Mädchens und Mutti bleibt ewig ihre Königin.

Wenn dann anfangs hier und da mal ein paar Verabredungen vergessen oder Namen von Bekannten durcheinander gebracht werden, dann ist man mit einer über 70-jährigen Mutter nicht sofort in höchstem Maße alarmiert und rennt zum Arzt. Man schiebt es wohlwollend auf das Alter und führt sich die eigene, ab und an vorkommende Schusseligkeit lebhaft vor Augen. Vor allem, wenn einem die sonst rüstige Frau Mama wie in einem endlosen Andrea-Berg-„Sorg dich nicht um mich“-Jingle mehrfach überzeugend klarmachen kann, dass es ihr mehr als gut gehe, solange nur ich, die ich doch „noch so jung“ sei, „mein Leben lebe“ ohne mich wegen ihrer vermeintlichen Wehwehchen zu sorgen. Ich nahm sie ernst, nahm sie beim Wort und ich befand mich ja schließlich in meinen Zwanzigern – es geschah so vieles um mich herum. Erst vor ein paar Jahren hatte ich ihr die Liebe meines Lebens vorgestellt, waren wir zusammengezogen, hatte ich mein Wunschstudium begonnen und wurde unsere Familie von zwei zuckersüßen Katzen komplettiert.

Rückblickend wollte ich es ab einem gewissen Moment sicher einfach nicht wahrhaben, dass meine wundervolle Mutti nicht auf normale Weise altert, sondern schwer erkrankt war. Ich kann nur inständig hoffen, dass ihr das, trotz manchem Unverständnis zuweilen, oftmals selbst eine hilfreiche, unbeschwerte Distanz dazu verschafft hat. Heute, 10 Jahre später, kann man sich an ihrem Zustand wenig noch schönreden. Jene blitzgescheite Person, die mir das Rechnen zugleich behände, wie liebevoll anhand von imaginären Zahlenleitern auf unseren mintfarbenen Badfliesen beibrachte, hat nun Mühe sich an irgendeine Ziffer ihres Geburtsdatums zu erinnern oder die Uhr abzulesen. Dieselbe wortgewandte Ikone, die mich die Schönheit der Sprache lehrte, indem sie mit mir zusammen Schönschrift übte, Gedichte aufsagte und für Theaterstücke schwärmte, kennt inzwischen ihren eigenen Namen nicht mehr, vermag keine sinnvoll zusammenhängenden Silben mehr zu sprechen, geschweige denn zu schreiben und ist somit wirklicher Artikulation beraubt. Von dem eleganten, aufgeweckten, lebenslustigen Menschen von einst ist nunmehr ein schwacher Schatten seiner selbst übrig, eine fade Hülle, die ihrerseits zusehends zerfällt und mir auf dergestalt brutale Weise meinen letzten, so langen Lebenszeugen sukzessive raubt. Vergleichbar einem Erpresserbrief, dem ein abgeschnittener Finger o. ä. des Opfers beigelegt ist um denjenigen, der für die Freilassung des Entführten zahlen soll, qualvoll allmählich zu zermürben und zu martern.

Du weißt nicht mehr wann du deinen so vertrauten Spitznamen aus Kindertagen das letzte Mal gehört hast, du realisiert eines Tages lediglich, dass dich niemand je wieder so nennen wird. Du heulst wie ein Schlosshund bei Filmen wie „Honig im Kopf“, weil du bitterlich selber erfahren musstest wie niederschmetternd real zutreffend sie sind. Du verabscheust zunehmend die gut gemeinte Allerweltsfrage wie es deiner Mutter denn gehe, weil du niemals etwas erquicklich Positives darauf wirst antworten können. Dein Blick auf die Welt ändert sich frappierend; er wird schutz- und trostloser, nachgerade ungeborgen. Sobald du andere Mütter mit ihren Töchtern siehst, befällt dich eine sonderbare Gefühlsmischung aus Neid, Freude, Nostalgie, Wut, Dankbarkeit, Ohnmacht und Trauer. Trauer um jene gemeinsamen Augenblicke, die nie mehr wiederkehren, um solche, die nie kommen werden und ebenso um Momente, die so befremdlich anders verliefen, als sie es ohne diese elende Demenz wären.

Niemand heutzutage scheint meine einzigartige Mutti noch ansatzweise so zu kennen wie ich, bzw. einfach von früher, d. h. ihr wahres Wesen, schlicht die phänomenale, inspirierende Frau, die sie tatsächlich ist. Jeder sieht in ihr nur noch die zerbrechliche, unselbständige Greisin, der man gegebenenfalls den Löffel zum Mund führen muss, der man den Unterarm als Laufstütze anbietet, damit sie nicht hinfällt oder die man nachts im 24h-Pflegeheim an ihr Bett schnallen muss um sie vor gefährdenden, nächtlichen Ausflügen auf wackeligen Beinen zu bewahren. Doch wo Dunkel ist, da herrscht auch Licht. Besuchen mein Gatte und ich sie, dann gibt es bei all den beklemmenden Situationen, die einem der quälend schleichende Abbau des eigenen Elternteils, durch den man nie weiß, was er diesmal verlernt hat oder wie emotional instabil selbiger momentan aufgestellt ist, abnötigt, dennoch immer wieder frohe Begebenheiten. Etwa wenn sich Muttis gesamtes Antlitz erhellt als sie unser drittes Katzenfamilienmitglied zumindest als Handyfoto erblickt und sie es hingebungsvoll streichelt, da sie es nie live erleben kann, weil ihr längst keine Autofahrten mehr gestattet sind. Oder wenn wir mit Mutti spazieren gehen. Einer links, einer rechts, Mutti mit wiedererlangtem kindlichen Gemüt in unserer Mitte. Und sie auf einmal stehenbleibt um mit einem pastoral sanften Mamilächeln die Hände meines Ehemannes und mir fürsorglich zueinander zu führen. Natürlich auch wenn mir bewusst wird, als wie herzlich und unersetzlich sie selbst im derzeitigen Zustand alle Pfleger und Mitbewohner zu Recht wahrnehmen. Mir ist klar, dass das nicht selbstverständlich ist, so manch Demenzerkrankter wird aggressiv und mürrisch. Daher sind es auch beim langsamen Verabschieden die kleinen Dinge, die zählen.

Ja, an Demenz leidende Menschen sind zwar noch physisch da im Hier und Jetzt und dafür ist man unendlich dankbar, aber sie werden dieser Sphäre mental unaufhaltsam stärker entrückt. Das ist zweifelsohne ein perfider Fluch, manchmal leiten die unschuldigen, aspektivischen, neuen Einblicke aber auch zu etwas Segensreichem, das einem sonst verborgen geblieben wäre. Ich hüte Muttis Andenken daher zum Einen wie einen Schatz, wie unser gemeinsames, kleines Geheimnis, in meinem Innersten. Zum Anderen spreche ich gerne über sie und versuche mit liebevollen Detailgeschichten, meinem Umfeld auch nur den Hauch einer Ahnung von ihrer ehemaligen Größe, ihrem Glanz und ihrer Besonderheit zu vermitteln. Vor allem aber arbeite ich daran die bestmögliche Version meiner selbst zu werden, um meinet- und ihretwillen, denn meine (demente) Mutti hat meinen Lebensweg in jeder Form bereitet, begleitet und beflügelt. Und sollte sie eines Tages nicht mehr wissen, wer ich bin, so wüsste ich doch immer noch haargenau wer sie ist. Am treffendsten beschreibt dies vielleicht Heintjes inbrünstiger Klassiker:
Mutti im Altenheim

„Mama,

einst wird das Schicksal wieder uns vereinen.
Ich werd es nie vergessen,
was ich an dir hab besessen.
Dass es auf Erden nur Eine gibt,
die mich so heiß hat geliebt:
Mama“

 

 

 

 

 

 

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1 Comment

  • Reply EvHe 22. August 2019 at 9:34

    Ein wunderbarer Artikel. Man spürt die Liebe. Danke!

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