Alle reden über Trauer 2019

Das letzte Einhorn – Mein Weg in eine lebendige Zukunft mit einer toten Vergangenheit

Von Teresa Czok

Zum ersten Mal brach der Tod mitten in der Pubertät über mein Leben herein. Zwischen Boybandposter, Klassenarbeiten und Gummibärchen. Ich war 16, hatte bei einer Schulkameradin übernachtet und wurde geweckt vom Anruf einer Nachbarin. In unbekümmert schwäbischem Dialekt, mit demselben Tonfall als ende eine Rabattaktion beim Krämerladen um die Ecke, flötete sie hölzern durch den Hörer, dass mein (Groß- und Zieh-)Vater nachts einen Herzstillstand erlitten hatte und die Sanitäter ihm morgens eben einfach nicht mehr helfen konnten. In den USA markiert die „sweet sixteen“-Party einen Meilenstein beim Erwachsenwerden, bei mir war es der Leichenschmaus und Grabstein meines Vatis. Da ist urplötzlich nicht mehr viel Kind in einem, wenn man ein Elternteil verliert, zumal wenn es 50% der gesamten Familie ausmacht.

Als 20 Jahre später meine 10 Jahre lang an Demenz leidende (Groß- und Zieh-)Mutter verstarb, war ich beruflich in Afrika und musste dementsprechend erstmal ausgeflogen werden. Raus aus Artefakten, Abenteuer und Sonnenschein. Zuvor durchlebte ich eine meiner schlimmsten Nächte überhaupt, in der ich kaum Schlaf fand, von diffuser Traurigkeit überflutet wurde und mich rastlos hin- und herwälzte. Morgens, nachdem auf meine geäußerten Bedenken hin zunächst noch zwei Mitarbeiterinnen unbeholfen abwiegelten und mich scherzhaft trösten wollten, erhielt ich die Todesnachricht. Sie suchten unbedarft einen Schmerz zu lindern und auszuschalten, der jedoch ausgehalten und durchwandert werden muss – für so etwas existiert keine Abkürzung. Leise krochen im Hintergrund die zerbrechlichen Töne der Filmmusik Evitas aus meinem MP3-Player: “The truth is, I shall not leave you, though it may get harder for you to see me”. Ich erinnere mich an die ungeheuer empathische Reaktion einer Kollegin, die mich mit der schwesterlichen Schwermut einer Leidensgenossin in ihre Arme schloss und flüsterte, dass nun wohl gerade ihre Mutter meiner den Himmel zeigen wird. An den britischen Brauch des mitfühlenden Austauschs beim Tee. An achtsame Gesten, die der ohnmächtigen Leere den Raum gaben, den sie benötigte. An einfühlsame Worte, die meine sprachlose Taubheit an die Hand nahmen. Gewiss, tot bleibt tot, der beschwerliche Weg ändert sich nicht, wenn man ihn zum Teil gemeinsam geht, doch es erblühen vielleicht beiderseitig Blumen am Wegesrand.

So hatte ich zunächst um die halbe Welt zu reisen, damit ich, statt archäologisch Scherben zu zeichnen, nun plötzlich die metaphorischen Scherben meiner Kindheit einsammeln konnte. In nagelneuen Sicherheitsschuhen, deren Besitz mir nun ironisch und deren Effizienz mir mehr als nichtig vorkam. Von antiken, sagenumwobenen Sarkophagen zur schmucklosen, stummen Urne meiner eigenen Mutter. Aus der weiten Wüste Ägyptens in die wüste Weite meines Herzens …

Ich bin diejenige, deren Passbild in keinem Geldbeutel außer dem ihres Ehemannes mehr umhergetragen wird und die selbst mehr Abbilder von Toten als Lebenden im Portemonnaie verwahrt. Diejenige, der Grußkarten zu Feiertagen unsagbar viel bedeuten, weil doch jedes Jahr immer wieder eine fehlen wird. Diejenige, deren Geburtstag ihrer Mutti im Küchenkalender der Schwiegereltern seit diesem Jahr nur noch ein blasser, ausgestrichener Name sein wird. Die sich für ihre Trauer in 98% der Fälle rechtfertigen muss („nanana, es sind ja gar nicht die leiblichen Eltern“), obwohl ein Teil von ihr stets mit ihren sozialen und wahren Eltern tot sein wird und das Ableben ihrer biologischen, aber fremden Erzeuger weniger Bedeutung als der sprichwörtlich umfallende Reissack in China hätte. Diejenige, die erfahren musste, dass sich keiner am 1.1. weder auf der Intensivstation, noch in der Tiernotfallpraxis das sonst übliche „Frohe Neue“ wünscht. Aber auch diejenige, die sich in dunklen Gassen und menschenleeren Gegenden nicht ängstigt, weil ihr klar ist, dass sie nirgendwo jemals wirklich unbeschützt oder allein sein könnte mit einem Himmelszelt voller Familie über ihr. Diejenige, die begreift, wieso sich manch vermeintliche Gemeinschaft schal und unvertraut, Friedhöfe jedoch durchaus heimelig anfühlen können. Diejenige, die wertvolle Situationen gern fotografisch einfängt, weil man ein Bild noch in Händen halten kann, lange nachdem der Körper vergangen ist. Diejenige, die es angestrengt unkommentiert lässt, wenn jemand dafür bemitleidet werden möchte, dass es ihn bei all der vielen Arbeit stresst Familienzeit einzuplanen, in deren Kopf jedoch alles „Ach ja? Dann stell dir mal vor du hättest die Option erst gar nicht!“ schreit. Diejenige, die unsagbar froh darüber ist, auch die angeblich kommerziellsten Feste unbeschwert feiern zu können, wie sie fallen, weil sie an einem Valentinstag in einem Krematorium ihrer Mutter die letzte Ehre erwies. Diejenige, in deren Innern etwas nostalgisch widerhallt, wenn sie für einen Freund Rauchwaren kaufen soll, die ihr Vater schließlich ebenfalls gern genoss. Diejenige, die gerne zu bunter Kleidung greift, weil Trauerschwarz oft und lange genug die Garderobe dominierte. Diejenige, die es wehmütig vorzieht die vom Pflegeheim mit Namen und Nummer etikettierte, abgenutzte Kleidung ihrer Mutter aufzutragen, statt der neuesten Mode nachzujagen. Diejenige, die niemals wieder auf ein ebenso sorg- wie belanglos geäußertes „Alles okay und wie geht’s der Familie?“, das sich jedoch unvermeidlich zu einem inneren Spießrutenlauf aufschwingt, unbeschwert guten Gewissens wird eingehen können. Diejenige, die zuweilen ohne Schirm durch den Regen läuft, damit sich die Mischung aus Tränen und Tropfen auf ihren Wangen anfühlt als weine das ganze Universum um ihre Verblichenen. Diejenige, die kein Flugzeug betritt, keinen Berg oder Wolkenkratzer erklimmt ohne sich dabei spontan auch ein bisschen heimisch zu fühlen, da man dort dem Himmel ein Stück näher scheint als sonst. Diejenige, die verstanden hat, dass wahre Stärke nicht in Muskeln oder Resolutheit zu suchen ist, sondern in der unaufdringlichen Authentizität von jemandem, dessen Dasein jede Minute von einem unaufhörlichen Leid beeinträchtigt ist und der sein Schicksal trotzdem weniger wie eine Bürde und mehr wie eine Rüstung trägt.

Ich habe keine Zeit an „Höher, schneller, weiter“-Gedanken und keine Nerven an bloßem Schein zu verschwenden. Denn ich habe das Leben von seinen beiden Enden her aufgezeigt bekommen. Daher mag ich Menschen, die es wagen auch mal einen Job vor allem deshalb anzunehmen, einfach weil sie die Gesellschaft der Kollegen so genießen. Ich mag all jene, die nach dem Musikgeschmack fragen, nicht weil sie wissen wollen, wie angesagt man ist, sondern weil sie verstehen wollen, was einen bewegt. Ich mag jeden, der sich traut hinter Fassaden zu blicken, jeden, dem die unbewussten Gesprächspausen genauso viel sagen wie die tatsächlich artikulierten Inhalte, jeden, der aufrichtig in einen Dialog mit seiner Umwelt geht. Kurzum diejenigen mit dem detailverliebten Blick für die kleinen Dinge des Lebens, die öfters mal innehalten um mit gleichermaßen offenem Herz wie Auge in die Sterne zu schauen.

Der Pool meiner Herkunft ist mit dem Tod meiner Mutti mehr als nur genetisch erschöpft. Keine Geschwister, Cousinen, Onkel, Tanten, keine Freunde, die man seit der Wiege kennt. Entweder hat es sie nie gegeben, es gibt keinen Kontakt oder sie sind bereits tot, was für meine eigene Identität immer wieder aufs Neue eine Herausforderung bedeutet. In 36 Erdenjahren bin ich noch niemandem begegnet, dem es genauso ginge. Ich bin der Vertreter einer ausgestorbenen Art, die einzelne Socke in der Waschmaschine, die Klarinette auf dem Flötenkonzert. Ein Zustand, den meine Seele teilweise unleugbar durch meinen Körper artikuliert. Während der letzten kaum mit anzusehenden Monate meiner Mutter schwoll meine gerötet schuppende Augenpartie beinahe zu. Pünktlich zum schwer zu ertragenden Jahrestag der Beerdigung setzten Rückenschmerzen ein. Parallel zum endgültigen Lossagen vom Elternhaus löst sich partiell ein Fingernagel ab. So musste ich hinsehen, wo es wehtat, das Unerträgliche schultern und dem Stillstand entwachsen.

Daher halte ich es wie der Comiccharakter Calvin mit seinem Stofftiger Hobbes: Zufriedenheit ist nicht genug, ich verlange Euphorie! Mein Ehemann und ich gönnen uns die Reise, auch wenn sie andere für unnötig halten. Auch nach 16 Jahren halten wir Händchen und küssen uns ungeniert, wann immer uns danach ist, ungeachtet der züchtigenden Augenbrauenlüpfer ringsum. Wir gehen aus, selbst wenn daheimbleiben gratis wäre. Sehr zum Ärgernis derer, die daran festhalten, dass Glück bezahlbar sei, habe ich meine Profession nach meiner Berufung ausgewählt, nicht nach Lohnschecks. Ich kaufe das Souvenir, das mein Herz aufschließt, obschon es kitschig ist. Ich scherze ausgelassen wo immer sich die Gelegenheit bietet, wenngleich all jene, die meinen, dass man die Dinge nur mit einem griesgrämigen Gesicht ernst nehme, mir deswegen grollen. Und ich habe gelernt, dass Familie nicht bei schnöden Chromosomen endet, sondern in echten Freunden, sogar Tieren und vor allem auch darin, wie man das immaterielle Erbe fortführt, ihre unabdingbare Fortsetzung findet. Mein halbes Leben habe ich dem Tod abgetrotzt. Man ist nicht zufällig überglücklich verheiratet, kennt Schwestern im Geiste und steht einmal öfter auf als man umgeworfen wurde – man entscheidet sich in jeder einzelnen Sekunde dafür.

So sagt man mit Hesse zwar, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, doch nicht selten liegt dieser zuvor eben bereits in einem magischen Ende begründet. Denn beständig bewahrheitet sich das  Ringelnatz-Zitat, welches mich in den frühen Trauertagen um meine Mutti fand, ein ums andere Mal:

„Wenn ich tot bin, sollst Du gar nicht trauern,

meine Liebe wird mich überdauern,

und in fremden Kleidern dir begegnen

und Dich segnen.

Lebe, lache gut!

Mache Deine Sache gut!“


   
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1 Comment

  • Reply Padma Ellen Hochein 27. März 2019 at 14:25

    Du machst Deine Sache gut!!
    Sehr berührt von vielen Sätzen, die mich inspirieren.
    Danke und ….Die Wahrheit ist, sie werden dich immer begleiten und das Himmelszelt voller Familie über DIR.
    Wie poetisch und tief.
    Sei gesegnet

    Padma Ellen Hochrein

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