Alle reden über Trauer 2017

„Darf ich bitte trotzdem Witwe sein? …ist man ohne Trauschein unsichtbar?“

Wịt·we     І      Substantiv [die]      І      Frau, deren Ehemann gestorben ist.

von Anja Pawlowski

„War der Verstorbene verheiratet?“
„Nein.“

„Hatte er Kinder?“
„Nein.“

„Hatte der Verstorbene Geschwister?“
„Nein.“

„Leben seine Eltern noch?“
„Ja, ich bin seine Mutter. Sein Vater ist kürzlich verstorben.“

…so oder so ähnlich saß ich neben der Frau, die ich immer als meine Schwiegermutter bezeichnet habe, beim Amtsgericht, um einen Erbschein zu beantragen. Einen Erbschein für sie. Als Alleinerbin. Und bin irgendwie sprachlos…

Ich tauche in den Formularen gar nicht auf… Es gibt keine Kategorie für mich… Ich fühle mich unsichtbar… Hä?!? Heeeh, ich sitze doch hier!!! Hallo!!! Hier!!!

Diese Situation ist schon über 2 Jahre her. Mir laufen trotzdem die Tränen. Ich spüre den Schmerz, den ich damals spürte. Es tut so weh…

Mein Mann ist gestorben… Mein Mann? Ja, so habe ich ihn immer genannt. Nein, wir waren nicht verheiratet. Wir haben uns einfach so die Treue gehalten und sind auch so durch gute und schlechte Zeiten gegangen… Bis dass der Tod uns geschieden hat. Er hatte eine Frau!

Wir haben ein Kind gemeinsam aufwachsen sehen. Ja, zugegeben, es war nicht sein leibliches Kind. Aber weder er noch das Kind haben in Frage gestellt, ob man denn zusammengehören kann, wenn man nicht die gleichen Gene in sich trägt. Liebe stellt solche Fragen nicht. Er hatte ein Kind!

Das Gesetz sieht das aber nicht… Ich bin fassungslos, dass es in Deutschland keine Regelung zu geben scheint, dass Lebenspartner eine rechtliche Berechtigung haben können. Heirat ist die einzige Option. Eingetragene Lebenspartnerschaft? Nur für gleichgeschlechtliche Paare (bitte nicht falsch verstehen: ich bin froh, dass es diese eingetragenen Partnerschaften gibt! Aber warum ist der Kreis der „Berechtigten“ eingeschränkt?)…

Schauen wir mal auf die finanzielle Seite der Medaille: Eine Ehefrau hätte vom Arbeitgeber des Verstorbenen eine finanzielle Unterstützung erhalten. Tja, wenn… Eine Ehefrau hätte Anspruch auf ein Erbteil gehabt. Tja, wenn… Eine Ehefrau hätte Rentenansprüche geltend machen können. Tja, wenn…

Ja, richtig. Hier geht es mal nur ums Geld und um materielle Dinge. Aber wenn es einem schon so dermaßen den Boden unter den Füßen wegzieht, dass die Welt wackelt, kann bitteschön wenigstens sicher sein, dass die nächste Miete gezahlt werden kann, oder? Da gibt es vielleicht noch mehr Leistungen, die ich vergessen habe – aber ehrlich, mir reicht es jetzt schon! Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich alleine mein Auskommen habe. Aber was ist mit denen, die weniger abgesichert sind? Und auch ich könnte es viel leichter gehabt haben nach dem Tod meines Mannes. Ein wenig finanzielle Unterstützung, die das Leben erleichtert, das doch so schon schwer genug ist: ohne ihn…

Viel schlimmer empfinde ich aber die emotionale Seite dieser Medaille (oha, die hat wohl mehr als zwei – aber vielleicht merkt das ja keiner ;O): Mit Worten werde ich ausgegrenzt aus dem Leben meines Mannes. Seine Verwandten sprechen von mir als „die Freundin von…“ statt von „seiner Frau“ oder gar „seiner Witwe“. Ich werde nicht mehr informiert, wenn irgendwas mit meiner Schwiegermutter ist (sie ist mittlerweile dement im Seniorenheim und gesundheitlich nicht gut unterwegs): „Anja gehört ja gar nicht zur Familie.“ Für seine Eltern hat es nie eine Rolle gespielt, dass wir nicht verheiratet waren – ihnen war nur wichtig, dass wir glücklich sind. Sein Vater ist tot… Seine Mutter kann mich nicht mehr verteidigen…

Mir fehlt der Rückhalt… Habe ich nicht nur meinen Mann verloren, sondern auch meine Rolle während einer nicht unerheblichen Zeit meines Lebens?!? Es bleibt ein Gefühl, dass mein Leben mit ihm nicht erwähnenswert ist… nichts wert war… Bin ich vielleicht doch unsichtbar und nur ich habe es nicht gemerkt?!?

So’n Quatsch… Wisst ihr was? Ich lasse nicht zu, dass sich das so anfühlt! Diese Zeit mit ihm ist tief in meinem Herzen eingeschlossen. Sie ist wie ein Schatz für immer dort verwahrt. Ich weiß, was wir füreinander waren!

Auch wenn nirgendwo geschrieben steht, dass wir wie Mann und Frau zusammengelebt haben. Auch wenn es nicht beurkundet ist. Ich weiß es – und nur das zählt!

Auch ihr, die ihr mir mit euren unbedachten Worten und Taten weh tut, könnt mir nicht nehmen, was wir gemeinsam hatten!

…aber wenn ich mir was wünschen dürfte… wenn ich was ändern könnte in dieser Gesellschaft… wenn ich nicht die Einzige bin, die sich so fühlt (ach egal, selbst wenn)…: Ich würde die Gesetze ändern. Jeder sollte die Möglichkeit haben, seine Partnerschaft rechtlich fest zu halten, wenn er es möchte, ohne gleich heiraten zu müssen! Eingetragene Lebenspartnerschaften für alle!!!

Aber bis es so weit ist, stelle ich mich stolz hin und sage:

„Hier bin ich! Schaut mich an! ICH BIN WITWE!!!“

Wịt·we     І     Substantiv [die]     І     Frau, deren Lebenspartner gestorben ist.

 

   

 

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3 Comments

  • Reply Andrea 3. März 2017 at 21:34

    Liebe Anja,
    vielen Dank für deinen Text. Die Empörung und Verletzung, aber vor allem deine Liebe und Lebendigkeit sprühen so durch ihn hindurch und aus ihm raus.
    Deine Situation musste ich nicht erleben, weder solch einen Verlust, noch die „Unsichtbarkeit“. Trotzdem hat mich dein Text sehr berührt und ich finde ihn wunderbar! 🙂
    Viele liebe Grüße an Dich!
    Andrea

    • Reply Anja 5. März 2017 at 20:47

      Liebe Andrea,
      herzlichen Dank für dein Feedback! Ich freue mich sehr, dass dich meine Zeilen berührt haben. Das ist schön!
      …und vielen Dank fürs „Horizonterweitern“. Ich war beim Schreiben sehr auf Wut und Schmerz fokussiert – die Lebendigkeit war nicht so präsent, dabei helfen diese Gefühle doch so sehr die eigene Lebendigkeit zu spüren ;O)
      Danke!
      Viele liebe Grüße zurück an dich!
      Anja

  • Reply Interview: Anja (44) aus Lübeck | Dein Tod und ich 21. März 2017 at 11:02

    […] Anja hat sich ebenfalls mit einem Beitrag bei der Aktion „Alle reden über Trauer“ am 27. Februar 2017 auf In lauter Trauer beteiligt: „Darf ich bitte trotzdem Witwe sein?“ […]

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