Was wäre wenn ich morgen sterbe?
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Wenn ich morgen nicht mehr da wäre – Wie würdest du mir dann heute begegnen wollen?

Es kann so schnell gehen. Ein Wimpernschlag und plötzlich ist ein Mensch nicht mehr da, dessen Existenz für uns eben noch selbstverständlich war. Eben noch war er ein Gegenüber, ein Gesprächspartner und, ja, vielleicht auch jemand, auf den wir gerade sauer waren. Jemand, mit dem wir gestritten und uns vielleicht sogar schon lange gegenseitig das Leben schwer gemacht haben. Plötzlich gibt es keine Möglichkeit mehr*, sich zu entschuldigen, etwas zu klären oder einfach nur zu sagen, wie wichtig uns der andere eigentlich ist.

Beziehungen zwischen Menschen können manchmal ganz schön herausfordernd sein. Wir alle haben unsere Bedürfnisse und wünschen uns von unseren Mitmenschen, besonders von denen, mit denen wir zusammen leben, dass diese erfüllt werden. Gerade in Paarbeziehungen geschieht es häufig, dass unbewusst der Partner für das eigene Glück verantwortlich gemacht wird. Aus dieser Erwartung heraus kommt es dann fast unvermeidlich zum Streit, weil der andere das nicht erfüllen kann. Auch Stress und Druck im Alltag haben oft negative Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Ohne es zu merken lassen wir unsere schlechte Laune, unsere Überforderung oder unsere Enttäuschung an Menschen aus, die gar nicht Auslöser für unsere Gefühle sind. Ohne es zu merken entfernen wir uns von Menschen, die uns eigentlich so wichtig sind.

Am Tag vor seinem Tod hatten Julian und ich einen kleinen Streit. Nichts schlimmes, sauer war jeder von uns am Ende eigentlich mehr auf sich selbst als auf den anderen. Normalerweise hätte ich diese Kleinigkeit längst vergessen. Wenn er nicht am Tag danach gestorben wäre. So habe ich mich lange damit gequält, warum ich mich in dieser einen Situation so verhalten habe, warum ich nicht mehr auf ihn eingegangen bin, warum ich meinen Kopf durchsetzen musste. Es war schrecklich für mich, dass es diese Situation zwischen uns gegeben hatte, obwohl sie bereits geklärt war als er starb. Ich kann daher nur erahnen wie es wohl sein mag, wenn ein Streit nicht mehr geklärt werden kann. Wenn ein Mensch stirbt und wir feststellen müssen: Ich habe ihm gar nicht gesagt, dass ich ihn liebe. Stattdessen habe ich die ganze Zeit versucht, ihn zu ändern, ihm Vorwürfe gemacht oder gar nicht mehr mit ihm geredet. Oder ihn von mir ferngehalten, aus Angst verletzt zu werden.

Für mich ist es seitdem schwer zu ertragen, wenn Paare sich streiten. Man könnte meinen, dass mich der Anblick von glücklichen Paaren schmerzt, weil sie mich doch daran erinnern, was ich mit ihm haben könnte, wäre er nicht gestorben. Doch es sind die streitenden, die Paare, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, die ich seitdem nur schwer ertragen kann.

Dabei möchte ich realistisch bleiben: Es geht nicht darum, nie zu streiten oder immer einer Meinung zu sein. Es geht auch nicht darum, so zu tun als wäre alles gut, wenn es gar nicht so ist. Und doch geht es darum, wie wir einander begegnen, wie wir grundsätzlich miteinander umgehen. Begegnen wir uns respektvoll, wahrhaftig und auf Augenhöhe oder versuchen wir uns gegenseitig zu verbiegen, den anderen so zu formen wie wir uns einen idealen Partner vorstellen? Wenn wir wirklich unser Leben miteinander teilen wollen, wie wollen wir es dann gemeinsam gestalten? Und wie wollen wir, dass der andere uns in Erinnerung behält, sollten wir diejenigen sein, die zuerst sterben?

Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen dessen bewusst werden: Der andere könnte am nächsten Tag nicht mehr da sein. Was ändert das an meinem heutigen Verhalten? Wie wichtig ist mein Standpunkt, wie sehr geht es wirklich darum, daran festzuhalten? Und was möchte ich dem anderen unbedingt gesagt haben, sollte es heute die letzte Gelegenheit sein?

 

Wie ist es bei dir? Was verändert das Wissen um den Tod in dir und in deinen Beziehungen zu anderen Menschen? Gibt es jemandem, bei dem du dich entschuldigen möchtest oder dem du schon lange sagen willst, was er dir bedeutet? Ich weiß wie schwer das sein kann und zögere selbst oft genug, verstricke mich im Alltag, verstecke mich hinter Ausreden und Ängsten. Doch vielleicht sollten wir nicht zu lange zögern. Dieses Leben ist zu kostbar, um es im Streit oder auf Distanz zu verbringen. Wirst du es ab heute mit mir versuchen anders zu machen?

 

* Solltest du das erleben, dass ein Mensch gestorben ist bevor du dich mit ihm versöhnen konntest: Ein paar Möglichkeiten, Dinge zu klären obwohl der andere nicht mehr da ist, gibt es schon. Zwar geht es nicht mehr im direkten Gespräch von Mensch zu Mensch, aber manchmal erhalten wir Antworten im Traum oder auf andere Art und Weise, mit denen wir nicht mehr gerechnet hätten. Hilfreich kann es sein, dem Verstorbenen zu schreiben, vielleicht einen Brief, der mit ins Grab kommt oder später an sein Grab gelegt wird. Auch ein innerer Dialog ist möglich, auch wenn sich das vielleicht zunächst komisch anfühlen mag. Wenn du das Gefühl hast, du kommst mit der Belastung nicht alleine zurecht, du drehst dich immer wieder um diese Momente des Streits, um die ungeklärten und ungesagten Dinge, dann kann es auch gut sein, dir Hilfe zu suchen. Wie gesagt kann nicht alles so geklärt werden wie es vielleicht möglich wäre, wenn der andere noch leben würde, aber es ist möglich, mehr in Frieden damit zu kommen. Wenn du magst, unterstütze ich dich gerne auf diesem Weg. 

 

   
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3 Kommentare

  • Reply Andrea 15. März 2017 at 17:44

    Liebe Silke,
    …. es ist ja fast schon langweilig, wenn ich bei Dir einen Kommentar schreibe …. es steht immer fast das selbe drin …
    Auch heute wieder: Dein Text hat mich sehr berührt!! So wahr, für uns alle! Vielen Dank für Deine Worte!!
    Liebe Grüße!
    Andrea

  • Reply Gabriele 26. Mai 2017 at 8:25

    Liebe Silke,

    ich wünsche mir so sehr von meinem vor acht Wochen plötzlich verstorbenem Mann zu träumen oder seine Nähe zu spüren, doch es gelingt mir nicht.
    Darüber bin ich sehr traurig, ich würde so gerne mit ihm reden und ihn spüren. Wir haben uns sehr geliebt.

    Liebe Grüße
    Gabriele

    • Reply Silke 26. Mai 2017 at 8:47

      Liebe Gabriele,
      es tut mir sehr leid, dass dein Mann so plötzlich verstorben ist. Acht Wochen, das ist eine so kurze Zeit und es ist so unbegreiflich, dass du jetzt ohne ihn leben musst. Ich verstehe deinen Wunsch sehr, von ihm träumen oder ihn spüren zu wollen. Weißt du, manchmal geschieht das und manchmal nicht. Es ist schwer zu sagen warum. Es hat aber in keinem Fall etwas mit eurer Liebe zu tun, wenn du ihn jetzt gerade nicht spüren kannst. Die Liebe ist immer da und er liebt dich auch jetzt weiter, da wo er nun ist, davon bin ich überzeugt. Du kannst mit ihm reden, in jedem Moment. Ich wünsche dir von Herzen ganz viel Kraft für diese schwere Zeit.
      Herzliche Grüße
      Silke

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