Trauer ist Liebe
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Trauer ist Liebe

Trauer ist Liebe. Und was brauchen wir mehr in dieser Welt, heute und jederzeit, als die Liebe? Damit meine ich nicht die in Hollywood produzierte Liebe, das was uns als Liebe so verkauft wird. Ich meine echte, tiefe, aus dem Herzen kommende Liebe. Und die gehört nicht nur in Paarbeziehungen, auch wenn diese sicherlich ein ganz besonderer Ort dafür sind.
Die Trauer ist Ausdruck unserer tiefen Liebe zu unserem verstorbenen Menschen – egal in welcher Beziehung wir zu ihm im Leben standen. Die Liebe möchte in Verbindung bleiben, die Liebe möchte einfach da sein, fließen und gefühlt werden. Nach Julians Tod fühlte ich mich überfüllt mit Liebe. Ich wusste nicht wohin damit. Bis eben war da noch ein Mensch, der diese Liebe empfangen konnte. Doch der war nun nicht mehr da und ich wusste nicht: Was bedeutet das für meine Liebe? Es fühlte sich an als würde sie ins Leere laufen und dann irgendwie zu mir zurück kommen, verirrt und verloren und ich selbst wusste nicht wohin damit. Wem konnte ich sie nun geben? Man sagte mir, ich könne doch noch einen neuen Partner finden, weil ich noch so jung bin. Doch darum ging es dieser Liebe nicht. Es ging nicht darum, etwas im Außen zu ersetzen, es ging darum etwas im Innen wiederzufinden. Genau das ist die Aufgabe der Trauer: als Ausdruck unserer Liebe macht sie sich auf die Suche nach dem Verstorbenen, der nun im Außen nicht mehr vorhanden ist, aber im Inneren einen neuen Ort finden kann.

Ich habe es so erlebt, dass die Liebe sich durch meine Trauer wandeln durfte. Es ist eine tiefere, ja, eine bedingungslose Liebe geworden.

Oft hören wir nach dem Tod eines lieben Menschen, dass wir ihn nicht zu sehr “glorifizieren” dürfen, schließlich war er doch auch nur ein Mensch. Doch was eigentlich meinem Gefühl nach passiert, ist, dass die Liebe sich wandelt und reiner wird. Denn es gibt ja auch gar keine Bedingungen mehr, die wir aneinander stellen könnten. Ich hätte damals sagen können: “Wenn du mir mehr Wolken in Herzform schickst, dann liebe ich dich mehr.” Stattdessen war ich einfach nur froh und dankbar über jedes kleine Zeichen oder Kontaktgefühl und habe ihn einfach so geliebt, ohne wenn und aber, unabhängig von äußeren Faktoren. Klar gab es zu seinen Lebzeiten Dinge, die mich gestört haben, über die ich mich geärgert habe, ich war nicht in jeder Sekunde an seiner Seite immer strahlend glücklich und zufrieden. Aber spielt das jetzt wirklich noch eine Rolle? Müssen wir der Liebe denn immer wieder eine Grenze setzen, indem wir ihr direkt ein “Vorsicht, das ist ungesund” vorhalten? Und damit meine ich nicht, dass es hilfreich ist, den Verstorbenen hochzuheben und dann als unerreichbares Maß vor jeden anderen Menschen zu halten. Es gehört dazu, uns seiner Schwächen und Macken zu erinnern, denn die haben ihn ja auch als Mensch ausgemacht. Im Hier und Jetzt dürfen wir ihn dennoch anders lieben, bedingungslos eben.
Und so verrückt es klingt: Heute kann ich aus tiefem Herzen dankbar dafür sein, dass ich diese außergewöhnliche Liebe spüren darf, dass ich aus ihr schöpfen darf und aus ihr heraus handeln und leben. Sie hat mir sehr viel Schmerz bereitet, ich bin mit ihr durch die Hölle gegangen – immer wieder. Ich dachte, ich könnte den Schmerz nicht aushalten und manchmal dachte ich auch, ich könnte die Liebe nicht aushalten. Einige Trauermodelle (vor allem der Ansatz von Freud) legen nahe, dass es bei der Trauer darum geht, die Liebesenergie vom Verstorbenen abzuziehen, um sie dann in neue Beziehungen investieren zu können. Nur so könne man wieder in ein neues Lebensglück finden. Für mich ist das Gegenteil wahr: Erst dadurch, dass ich die Liebe zu Julian verwandelt habe, dass ich eine stabile, neue, innere Beziehung zu ihm aufgebaut habe und ihn in meinem Herzen mit mir trage, erst dadurch konnte die Liebe in meinem Inneren insgesamt wieder sprudeln. Wie eine Quelle, aus der vorher ein kleines Bächlein floss, und die jetzt mehr und mehr freigelegt wird, so dass ein immer größer werdender Bach, vielleicht irgendwann ein richtiger Fluss daraus hervorkommen darf. Während ich weiter mit Julian in Liebe verbunden bin, entdecke ich, dass ich viel mehr Menschen als zuvor lieben kann. Und auch hier spreche ich nicht unbedingt von partnerschaftlicher Liebe.
Zurück zum Anfang: Wenn Trauer nun also Liebe ist, ein Ausdruck von Liebe, und Liebe das ist, was unsere Welt braucht, dann ist es doch das einzig naheliegende, dass diese Trauer ihren Raum braucht, dass sie nicht weggedrückt werden darf, dass sie nicht verkümmern sollte. Trauer ist mit all ihren Gefühlen, den großen Schmerzen und der Traurigkeit so wichtig in dieser Welt. Ich weiß, es tut so weh und wir wollen sie nicht haben, aber ich weiß auch, welch großartige Lebendigkeit daraus entstehen kann, wenn wir uns mutig und voller Liebe durch dieses tiefe Tal der Trauer begeben. Ich jedenfalls fühle mich heute viel lebendiger als früher in meinem “alten Leben” und ich wünsche mir von ganzem Herzen für dich, dass du das auch so erleben kannst und wirst.

 

 

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9 Kommentare

  • Reply Monika 14. Februar 2017 at 15:23

    Liebe Silke,

    mir ist es ähnlich ergangen wie Dir. Die Liebe zu meinem verstorbenen Mann hat mich in seinen letzten schweren Lebensjahren und nach seinem Tod zu der bedingungslosen Liebe geführt. Nach meinem Empfinden ist das eine tiefe und reifere Liebe, die die Liebe zum Leben, zu allen Menschen sowie den lieben Verstorbenen mit einschließt. Genau die gilt es zu erlernen, damit unsere Welt sich zum Besseren wenden kann.

    Liebe Grüße
    Monika

  • Reply Linda 14. Februar 2017 at 19:39

    Liebe Silke,

    das ist ein wundervoller Beitrag und ich kann dir nur zustimmen. Als ich vom Tod meines Vaters erfahren habe, konnte ich diese besinnungslose, reine Liebe ganz deutlich spüren. Ich habe in den wundervollen Sonnenuntergang geschaut, die Tränen flossen mir die Wangen runter und trotz des unendlichen Schmerzes, schien es als wenn mein Herz vor Liebe leuchten würde. Ich habe so eine unbeschreibliche Liebe gespürt, wie noch nie zuvor.

    In Liebe,
    Linda

  • Reply Susi 14. Februar 2017 at 19:50

    Man muss lernen, aus der Trauer und Zerrissenheit einen Weg zu finden und ihn ins Positive wandeln. Ich kenne Menschen, die das nach Jahren nicht geschafft haben.

    Mir fiel es relativ leicht. Das führe ich aber suf den schrittweisen Abschied über Jahre zurück. Man lernt seine Trauer in etwas positives umzuwandeln. Tut man das nicht, zerstört man sich selbst. Das wollte ich nicht.

    Ich lächle heute über viele Dinge und bin glücklich, so wie es ist.

  • Reply Claudia 15. Februar 2017 at 23:04

    Liebe Silke, auch ich kann Deine Worte nur bestätigen. Ich nehme den plötzlichen Tod meines Mannes an und fühle mich so mit ihm auf übernatürliche Weise verbunden. Ich teile mit ihm mehr als zuvor besonders die schönen Naturerfahrungen und fühle, dass unsere Beziehung von weltlichen Problemen und Voreingenommenheiten befreit ist. Das bringt ihn mir nicht zurück aber ich kann so die Trauer in Liebe verwandeln. Claudia

  • Reply Yvonne 16. Februar 2017 at 19:03

    Liebe Silke, wie so oft, wenn ich in den 6 letzten Wochen deine Texte gelesen habe, fühle ich so gut verstanden. Bis zur Hälfte deines Textes kann ich das genau so unterschreiben. Wie kann es sein, dass du die gleichen Worte schreibst/fühlst wie ich sie fühle? Sind wir doch 20 Jahre im Alter auseinander.
    Ich hoffe, dass ich irgendwann aus meiner prall gefühlten Liebe schöpfen kann. Nach vier Monaten Verlust bin ich wohl noch nicht so weit.
    Ich bin so froh, das ich diesem Tipp zum Aufsuchen deiner Seiten gefolgt bin. Yvonne

  • Reply Yvonne 16. Februar 2017 at 19:08

    Liebe Silke, wie so oft, wenn ich in den 6 letzten Wochen deine Texte gelesen habe, fühle ich so gut verstanden. Bis zur Hälfte deines Textes kann ich das genau so unterschreiben. Wie kann es sein, dass du die gleichen Worte schreibst/fühlst wie ich sie fühle? Sind wir doch 20 Jahre im Alter auseinander.
    Ich hoffe, dass ich irgendwann aus meiner prall gefüllten Liebe schöpfen kann. Nach vier Monaten Verlust bin ich wohl noch nicht so weit.
    Ich bin so froh, dass ich diesem Tipp zum Aufsuchen deiner Seiten gefolgt bin. Yvonne

  • Reply Ute Giese 21. Februar 2017 at 13:08

    Liebe Silke,
    ja, das Phänomen LIEBE.
    Viel wurde seit Menschengedenken darüber philosophiert. Nun erleben „wir“ hier, wie es sich anfühlen mag, die Liebe, die wir zum Verstorbenen hatten, im Hier und Jetzt zu bewahren lernen. Weiter zu lieben.
    Dieser Prozess ist einhergehend mit Trauer einerseits schwieriger, aber auch intensiver, so scheint mir.
    Mein Mann und ich mussten mit seiner palliativen Situation „umgehen“ wie man so sagt, und wir haben sie als kostbare, innige, aber auch schmerzvolle Zeit erlebt.
    Aus Liebe ließen wir ihn gehen. Wieso auch sonst….solch einen wunderbaren Menschen gehen lassen müssen…
    Diese Wunde wird immer existent sein – so wie die Liebe!
    Ich bin dankbar, das so fühlen zu können und bin offensichtlich resilient genug, diese Lebensphase auszuhalten.
    In Liebe.

    • Reply Ute Giese 21. Februar 2017 at 13:16

      PS
      Ich bin nun 1 Jahr und 8 Monate verwitwet.
      Mein Mann wurde knapp 56 Jahre alt. Wir waren 31 zusammen, fast 30 Jahre verheiratet und haben 5 wunderbare, erwachsene, unendlich traurige Kinder. Die Liebe wird geteilt und vermehrt – wie die Trauer.
      Es gibt dann irgendwann einen Zustand, der in der Waage ist – Trauer und Liebe im Einklang, wieder im Leben vereint. Ein wirklich holperiger Weg. Gehen müssen wir ihn alleine, aber es gibt Weggefährten hie und da.

  • Reply André Schulz 2. März 2017 at 21:58

    Hallo Silke,
    ich bin nun 1 Jahr und 3 Monate Witwer. Fast 33 Jahre waren wir verheiratet. In dieser Zeit, mit allen Höhen und Tiefen, ist eine tiefe Liebe entstanden. Diese tiefe Liebe besteht immer noch, das macht die Trauer so schwer und schmerzhaft. Sie ist nicht mehr stark, eher breiter aber immer noch da.
    Ich kann mir auch wieder Bilder von Ihr angucken, zwar nicht lange, aber immerhin!
    Kurz nach Ihrem Tod, konnte ich es garnicht. Konnte mich nicht mal mehr an Sie erinnern. Das hat mich echt fertiggemacht…..nicht mehr die Frau angucken können die ich über alles geliebt habe.
    Aber ich denke je mehr man einen Menschen liebt, desto stärker und tiefer ist der Schmerz.
    Ich denke aber auch das mir die Liebe zu meiner Frau hilft, weiter die Trauer zu bewältigen.
    Es wird so lange dauern wie es dauert und ich freue mich schon, wenn ich mich wieder erinnern kann.
    Ich weiß das wird irgendwann passieren!

    André

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