Suizid - Was bedeutet das für meine Trauer?
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Suizid als Todesursache – Was bedeutet das für meine Trauer?

Ein Mensch stirbt und hinterlässt Angehörige, Freunde, Bekannte, die ihn oder sie vermissen. Das ist traurig und oft sehr schmerzhaft. Wie fühlt sich das dann an, wenn dieser Mensch sich selbst entschieden hat zu gehen? Macht das einen Unterschied? Heute, am 10. September, ist Welt-Suizid-Präventionstag und so möchte ich den Anlass nutzen, um über das Thema zu sprechen. Es ist ein ganz sensibles und zugleich auch ein Thema, das wirklich viele Menschen betrifft. Ungefähr 10.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland durch Suizid – das sind mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen wie auf dieser Seite zu lesen ist. Das macht mindestens 100.000 Menschen, die jährlich um jemanden trauern, der sich das Leben genommen hat. Und doch ist das Thema nach wie vor tabuisiert. Auch ich hätte es vor ein paar Jahren noch sehr schwer gefunden, darüber zu sprechen, schwer nachzuvollziehen wie überhaupt jemand diesen Schritt gehen kann. Heute sehe ich das anders und finde es besonders wichtig, dass wir darüber reden. Nicht nur im Hinblick auf die Suizid-Prävention, sondern auch für Betroffene, die um einen Menschen trauern, der sich das Leben genommen hat.

Es ist heute genau drei Wochen her, dass meine Freundin sich entschieden hat, dieses Leben zu beenden. Bisher hatte ich mich immer eher theoretisch mit dem Thema beschäftigt und auf einmal betrifft es mich nun selbst. Was für ein Schock. Unfassbar. Und natürlich kommen die Fragen: Hätte ich etwas tun können, um sie davon abzuhalten? Hätte ich mehr für sie da sein können? Was wäre gewesen, wenn ich sie noch einmal angerufen hätte? Das Thema Schuld nimmt oft einen ganz besonderen Stellenwert ein, wenn wir mit einem Suizid konfrontiert werden. Und doch war mir zugleich auch klar: Ich, wir alle, haben stets unser Bestes gegeben. Wir können da sein, wir können alles Mögliche tun und doch können wir niemanden davor bewahren, wenn es sein oder ihr Weg ist, von dieser Welt zu gehen. Ich denke momentan oft an eine Sichtweise, die mir in meiner Trauerbegleiter-Ausbildung begegnet ist: Suizid ist eine ganz normale Todesursache, so wie andere auch. Das soll den Schock nicht mindern. Aber kann vielleicht helfen, das Thema aus dem Tabu zu holen. Depression ist eine Krankheit, die tödlich enden kann. Kann ich dann wirklich denken, dass es letztendlich in meiner Macht liegt, jemanden davon abzuhalten? Dieser Gedanke hat mir geholfen, auf eine Art im Frieden damit zu sein, besonders mit all meinen Fragen und Selbstvorwürfen. Letzten Endes werde ich es nie erfahren, was gewesen wäre, wenn ich dies oder jenes getan hätte – in jedem Fall ist es jetzt zu spät dafür. Doch manche Dinge kann ich auch weiterhin für sie tun, darüber habe ich in diesem Artikel bereits geschrieben. Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass wir es gar nicht erst versuchen sollten, jemandem mit Suizidgedanken zu helfen. Im Gegenteil. Wir würden ja auch nicht einfach gar nichts tun, wenn jemand an Krebs erkrankt ist oder einen Unfall hat, nur weil dies potentiell tödlich enden kann. Nur letzten Endes haben wir eben nur bedingt Einfluss auf das, was geschieht im Leben. Das Einzige, was wir wirklich beeinflussen können, ist wie wir damit umgehen.

Und dann ist da das Thema Respekt. Ich habe großen Respekt vor meiner Freundin für diesen Schritt. Wer bin ich auch, nun über sie zu urteilen, dass sie diesen Tod gewählt hat? Wer bin ich, sie nicht weiter zu respektieren, lieb zu haben und anzunehmen genau so wie sie war, nur weil sie diesen Schritt gegangen ist? Im Gegenteil, ich spüre ganz deutlich, dass ich ihren Weg akzeptiere. Ich vermisse sie, ich wünschte, ich könnte sie noch anrufen, aber ich akzeptiere es auch, dass sie nun nicht mehr hier ist. Und ich wünsche ihr von Herzen, dass sie es dort, wo sie jetzt ist, leichter hat. Ich möchte und werde weder sie noch irgendeinen anderen Menschen auf eine Krankheit wie Depression reduzieren. Jeder Mensch ist immer so viel mehr als das, was irgendeine Diagnose aussagen könnte. Sehr geholfen haben mir dabei die Worte von Elke Sohler, deren Tochter sich das Leben genommen hat: „Sie hatte diese Entscheidung getroffen, und meine einzige Aufgabe war es, diese Entscheidung von ihr zu akzeptieren und Frieden damit zu finden“, sagt Elke im Interview auf Dein Tod und ich dazu. Ja, ich glaube, darum geht es. Das klingt so leicht und ist doch zugleich eine so große Aufgabe. Auf die Frage, was Elke heute über den Tod ihrer Tochter denkt, antwortet sie:

„Ich denke das Gleiche, wie zu ihren Lebzeiten: sie ist wunderbar und einzigartig, sie ist etwas ganz Besonderes für mich. Es ist immer noch traurig, dass ich sie nun nicht mehr anfassen kann, dass ich sie nicht mehr im Arm halten kann und dass ich ihre Kinder nicht mehr kennen lernen kann. Aber ich liebe sie einfach weiter – sie hat selbst bestimmt, dass ihr irdisches Leben zu Ende sein soll. Wer bin ich, dass ich sie dafür verurteile oder weniger liebe?“

 

Elke hat über den Tod ihrer Tochter und ihren eigenen Weg zurück ins Leben das Buch „Jenseits des Drama“ geschrieben, das du auf der Seite des MASOU-Verlags ansehen und kaufen kannst. Eva Terhorst hat einen Sondernewsletter zum Thema Suizid herausgebracht, in dem du zusätzliche Informationen findest. Sie hat ebenfalls ein Buch dazu geschrieben, das sie in ihrem Newsletter vorstellt. Gleich nachdem ich vom Tod meiner Freundin erfahren hatte, habe ich zudem den Artikel von AnnaRockt über den Suizid ihrer Freundin noch einmal gelesen und in dieser unfassbaren Situation einen wichtigen Halt darin gefunden.

Es gäbe noch so viel zu diesem Thema zu sagen und doch ist es für heute alles, was ich hier teilen möchte. Ich würde mich freuen, wenn wir uns darüber austauschen könnten. Bist du vielleicht selbst betroffen und was hat dir geholfen oder was waren und sind aus deiner Sicht die besonderen Schwierigkeiten, um mit dem Suizid eines nahestehenden Menschen umzugehen? Schreib mir gerne auch, wenn du mit den Gedanken von mir nicht übereinstimmst. Es ist auch für mich neu, darüber zu schreiben, und ich möchte nicht verschweigen, dass ich durchaus ein wenig unsicher bin, mich frage, ob ich mit dem, was ich dazu schreibe, jemandem zu nahe trete. Ich hoffe, dass es nicht so ist, würde es aber gerne erfahren, wenn es so wäre, um vielleicht Missverständnisse aufklären zu können.

 

Wenn du selbst Suizidgedanken hast, dann möchte ich dir ebenfalls die Seite von Freunde fürs Leben ans Herz legen. Und natürlich die Telefonseelsorge. Diese kann auch helfen, wenn du nicht weißt, wie du mit den Suizidgedanken oder dem Suizid eines nahestehenden Menschen umgehen sollst: 0800/111 0 111  oder 0800/111 0 222. Ich möchte dir auch ans Herz legen, dir darüberhinaus Unterstützung zu suchen in Form von Therapie und professioneller Begleitung, wenn du das Gefühl hast, dass es nicht weitergeht.

   
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5 Kommentare

  • Reply Elke 10. September 2017 at 22:26

    Liebe Silke,
    du hast viele Punkte die im Zusammenhang mit dem Suizid ein Thema sind, angesprochen. Ja, es ist ‚einfach‘ eine weitere Todesursache. Andererseits lässt sie uns hilfloser als jede andere Todesursache zurück. Es sind so viele Emotionen und gesellschaftliche Wertungen im Spiel. Und auch sehr viele nicht hilfreiche Emotionen wie Schuldgefühle oder Scham. Für mich war es sehr hilfreich, mich völlig von der Frage nach dem warum und von den Fragen, ob ich etwas hätte tun können, zu distanzieren. Und mich auf meine Heilung zu fokussieren.
    Ich wünsche dir alles Liebe und weiterhin so viel Mut und Kraft um dieses schwere Thema ein Stück leichter zu machen. Eine herzliche, liebevolle Umarmung sendet dir
    Elke

    • Reply Silke 10. September 2017 at 22:31

      Liebe Elke,
      danke dir für deinen Kommentar, über den ich mich gerade bei diesem Beitrag wirklich sehr freue. Es ist ein wirklich vielschichtiges Thema, das wird mir jetzt nachdem ich den Artikel geschrieben und bereits viele Kommentare auf Facebook dazu erhalten habe, noch einmal deutlicher denn je bewusst. Es ist wirklich tragisch, dass die gesellschaftlichen Wertungen die Verarbeitung oft noch deutlich schwerer machen. Dabei ist der Verlust doch schon schwer genug. Dein Fokus auf Heilung ist spürbar und inspirierend. Wie geschrieben haben mich deine Worte schon vorher berührt, aber jetzt in meiner persönlichen Betroffenheit auch noch mal ganz besonders geholfen. Danke dir dafür!
      Ich umarme dich auch ganz herzlich und schicke dir ganz liebe Grüße
      Silke

  • Reply Olaf 'HAPPY' Kleinhans 11. September 2017 at 19:24

    Liebe Mitbetroffene und andere Trauernde.
    Ein Tabu das 10.000 Tote fordert, meist junge Menschen. Die Fragen warum, wieso, weshalb. Eine Depression ist ein Krankheit, wie der Sch… krebs. Und genauso oft tödlich.
    Jeder Krebs oder anders tödlich erkrankte und auch wir „gesunde“ können das nicht verstehen. Todkranke würde und geben oft alles um noch ein bischen Zeit zu bekommen. Viel Scharlatane locken ohne Hemmungen die Betroffenen und ihre Familie in schein Hoffnungen.
    Meine persönliche Rating von sterben: Platz 3 der Mensch der an einer unheilbaren Krankheit erkrankt, dieses diagnostiziert wird und dadurch halt der Tod zu Lebzeiten ins Leben drängt. Man kann sich im gewissen rahmen darauf einstellen, wobei der eigentliche Akt alles hinwegfegt….
    Platz 2 der plötzliche Tod, Unfall, Infakt und Ähnliche. Aus dem Nichts kommt der Gevatter…
    Und der Obergau ist der Suizid. Aus Sicht der Hinterbliebenen. Zuviel ungeklärtes, plötzlich.
    WIR die hier weiterleben dürfen, wir in unserer Trauer.
    Wir Hinterbliebene, die plötzlich die Welt ganz anders sehen und fühlen, die dieses tabu Tod selbst erlebt haben. Unsere Aufgabe ist es neuen die hand zu reichen. Wir lösen keine Probleme oder trauer, aber wir können beispiel sein für andere.
    Das leben bewusst, erleben. mit allen neuen Menschen die uns dabei begleiten. DEN WERT Dieses Lebens, WIR kennen und schätzen es!!!!
    Euch allen viel Kraft.

  • Reply Anna 12. September 2017 at 17:13

    Liebe Silke,
    dein Bericht über Suizid ist einfach liebevoll und hüllt den gegangenen Menschen mit seiner Seele, mit Respekt, Achtung und unendlicher Liebe ein – wie eine Art Schutz. Meine Seele ist damit tief in Resonanz gegangen, denn das ist genau das, was die Seele eines Menschen braucht, der Suizid begangen hat: ganz viel Liebe und Schutz.
    Ich selbst habe meinen geliebten Onkel verloren. Zwar war ich erst 7 Jahre alt, aber er war mein Vaterersatz und es passierte am 23.12.; für meine Familie war es ein Schock und viele Familienmitglieder erstarrten in Trauer. Ich habe erst Jahre danach in einer liebevollen Therapie darüber reden können und festgestellt, dass „Aufarbeiten“ hilft und „Reden“, und zwar wirkliches Reden, um zu verstehen und Erkenntnisse daraus zu ziehen. Jedes tiefere Durchdringen eines Suizids ist auch eine Antwort und ein Spiegel für einen Selbst, das eigene Leben zu lieben, sich zu bejahen, und auch einfach mal zu sein … so wie man ist. Ich wünsche jedem, dem dies in ähnlicher Weise passiert ist, liebevolle Begleitung und die Akzeptanz für diesen Schritt.
    Ich danke Dir Silke, für deinen sensiblen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Anna

  • Reply Daniela creter 15. September 2017 at 7:31

    Liebe Silke
    Ich würde auf den Artikel über dein tod und ich aufmerksam.
    Vor drei Monaten hat sich mein Mann (51) suf grund einer Depression Leben genommen .
    Völlig unerwartet
    Unangekündigt und somit für mich und meine Tochter (14) unbegreiflich.
    Unser Leben hat sich von einem Moment auf den anderen total verändert .
    Auch ich Frage mich immer wieder was hätte ich tuen können? Warum hat er uns verlassen ?
    Auch ich denke dass ich akzeptieren muss dass er sein Leben beenden wollte.
    Es war sein Leben und seine Entscheidung.
    Und trotz allem ist es als würde jemand dein Herz in Stücke reissen.
    An manchen Tagen fühlst du dich stark und denkst du schaffst es , auch für ihn.
    Und zwei Tage später bis du wieder ganz unten.
    Alleine mit all den Sorgen all der Verantwortung und der Grossen Grossen Lücke.
    Ich bin dankbar für die all die Menschen die bei mir sind und für Menschen wie dich , die dieses Thema auf den Punkt bringen .
    Danke

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