Alle reden über Trauer 2017

TOD 3.0 ODER: WAS FIGHTCLUB MIT TRAUER ZU TUN HAT

Einmal hatte ich die Idee, auf ein Schild zu schreiben: „Ich habe gerade mein Kind verloren. Und Du?

Vielleicht hat es damit angefangen, dass ich auch in der Öffentlichkeit geweint habe. Wenn ich auf der Strasse stand und mich plötzlich die Traurigkeit überkam, ließ ich die Tränen einfach laufen. Ich weinte anfangs sowieso so viel, stets und ständig und oft auch so abrupt – und irgendwann war es mir einfach egal, wo ich mich dabei aufhielt oder wer mich dabei sah. Und ehrlich gesagt, ich hatte auch gar keine andere Wahl, diese immense, unfassbare Trauer musste einfach raus. Ohne Rücksicht auf mein Make-Up, mein Umfeld oder darauf, wie ich danach eigentlich aussah.

Es war auch eine Trotzreaktion irgendwann: „Ja, liebe Leute, ich trauere! Ja, ich habe etwas Schlimmes erlebt. Aber ich werde mich deswegen nicht verstecken oder diesen Schmerz im sogenannten öffentlichen Leben wegdrücken. Es kann irgendwie auch nicht sein, dass Trauer jenseits der eigenen vier Wände nicht auftaucht. Es gibt sie doch, alle Menschen trauern irgendwann, warum darf das nicht sichtbar sein?“ – Ich fand, dass meine Tränen auch in der Öffentlichkeit geweint gehörten und tat es fortan.

Einmal hatte ich sogar die Idee, mich mit einem Schild auf einen Platz zu setzen, auf dem steht: „Ich habe gerade mein Kind verloren. Und Du?“ In meiner Phantasie würden sich Leute zu mir setzen und mir erzählen, was sie erlebt hatten. Etwas würde transparent werden.

Es gibt diese Stelle in dem Film FIGHTCLUB, wo der Anzugtyp durch seine Wohnung läuft und neben jedem Möbelstück poppt die Ikea-Artikelbezeichnung, die Bestellnummer und der Preis auf. So etwas ähnliches dachte ich manchmal, wenn ich im Café saß, mit meiner ganzen Trauer im Gepäck, und um mich herum blickte. Wie wäre es, stellte ich mir vor, wenn neben den Leuten so ein kleines Infofenster auftauchen würde: „—hat als Kind seine Eltern verloren—“ , „—trauert um seine Partnerin—“ , „—hat gerade erfahren, dass sie Krebs hat—“ etc. All diese traurigen Sachen, die eben so passieren können in einem Leben, von denen man aber als Außenstehende oft nichts mitbekommt. Was ja mit ein Grund ist, warum man dann oftmals, wenn es einen selber erwischt, denkt, dass es immer nur einen selbst trifft und alle anderen immer Glück haben.

Was würde es ändern, wenn Trauer sichtbar wäre?

Früher gab es den Brauch ein Jahr lang Schwarz zu tragen. Jeder sah und wusste, wenn er es mit einem trauernden Menschen zu tun hatte. Und was haben wir heute?

Ich habe öfters mit dem Gedanken gespielt, mir so ein schwarzes Trauerband (‚Trauerflor‘) zuzulegen und sichtbar am linken Arm zu tragen. Nicht, damit mich dann die Leute mitleidig ankucken. Vielleicht (wenn ich ehrlich bin) ein wenig, damit sie mich fragen, was denn passiert ist (und ich so wenigstens ein bisschen über unseren Sohn sprechen kann, das Unsichtbare sichtbar wird, die Lücke als Leerstelle markiert). Aber in jedem Fall stelle ich es mir sehr tröstlich vor, wenn wir alltäglich sehen könnten, dass Trauer und Tod immer wieder und jedem von uns passieren, mitten drin in diesem Leben. Und dass Menschen damit weiterleben (und einkaufen und in Cafés sitzen und ins Kino gehen). Dass man damit niemals allein ist. Dass der Tod dazu gehört zum Leben.

Denn sich alleine mit der Trauer zu fühlen, unter all diesen (scheinbar) weiter geschäftigen, weiter fröhlichen, weiter arbeitenden, weiter Kinder bekommenden Menschen, so abgetrennt von der Welt und ihrem Lauf, irgendwie rausgerutscht aus dem System und so ein bisschen ratlos, wie das eigentlich nochmal geht mit dem Leben, das fand ich, gerade in der Anfangszeit, schwer auszuhalten.

Vielleicht, in einer Gesellschaft der Zukunft, machen das die Menschen ja wieder. So eine Art „Trauerkleidung 2.0“ (oder 3.0 dann ja wahrscheinlich schon). Vielleicht tauscht man dann auch so Listen aus, auf denen steht, was einem geholfen hat in dieser Zeit. Hier ist schonmal meine.

MEINE WAS-MIR-GEHOLFEN-HAT LISTE

Rumlaufen. Stundenlang. Sich den Schmerz aus dem Körper laufen. Und dann irgendwann so müde sein, dass man gut schlafen kann.

Weinen. Weinen. Und weinen. Mir ging’s hinterher immer besser. Nicht im Sinne von: „Yipeeh, das hat jetzt sowas von geholfen!“ Sondern eher im Sinne von: „Puh, es hilft mir nicht zu zerspringen.“

Rituale finden. Immer wenn ich etwas für unseren Sohn machen konnte, ging es mir besser. Am Anfang war das, alles Mögliche für seine Verwurzelung (so nannten wir seine Beerdigung) zu organisieren. Später war es dann eine Baum-Gallerie in seinem Zimmer. Und seit einem halben Jahr brennt jeden Tag eine Kerze auf unserem Küchentisch, den ganzen Tag lang, bis wir schlafen gehen.

Starren. Ich habe mir am Anfang viel Zeit genommen um in meinem Zimmer zu sitzen und ins Nirgendwo zu starren. Es war soviel passiert, es war so unfassbar, ich brauchte diese Zeit um einigermaßen hinterherzukommen. Es ist, im Nachhinein betrachtet, viel geheilt in diesen Stunden voll scheinbarem Nichtstun.

Sachen machen. Trotz Schmerz einen Kaffee trinken gehen (oder ins Kino oder auf ein Konzert). Anfangs habe ich dort dann die meiste Zeit damit verbracht zu weinen oder mich wie ein Alien unter all den Partypeoples zu fühlen. Aber im Rückblick betrachtet hat jedes einzelne Rausgehen ein klitzekleines bisschen geholfen wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Reden. Wir sind von Anfang an sehr offen mit unserem Verlust umgegangen. Unsere Arbeitskollegen, der Kioskbesitzer an der Ecke, unsere frisch eingezogenen Nachbarn, alle wussten genau so von unserer Geschichte wie unsere Freunde und Familien. Und wir waren erstaunt aus wie vielen Ecken wir Trost, Briefe, Anrufe, Blumen, Geschenke, Besuche und vor allem… ähnliche Geschichten zurückbekamen.

– Der Satz: „Ich vertraue darauf, dass es heilen wird“. Manche Leute haben damals zu mir gesagt, dass das Wunden sind, „die sich niemals ganz schließen.“ Andere meinten, man würde „immer, immer, immer traurig sein“ und dass man nur lerne „mit dem Schmerz zu leben“. Diese Sätze kamen immer von Menschen, die ähnliches wie wir erlebt hatten, deswegen nahm ich diese Sätze sehr ernst. Und fand sie dabei aber immer irgendwie auch sehr gruselig. Einbetonierte, niemals endende Traurigkeit. Aber in dem Sternenkinderbuch „Gute Hoffnung – jähes Ende“ von Hannah Lothrop las ich dann den Satz: „Ich vertraue darauf, dass es heilen wird.“ Es wurde von Heilung gesprochen! Von einer Frau, die ebenfalls ein Kind verloren hatte. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Schon jetzt, ein halbes Jahr nach unserem Verlust, bin ich nicht immer traurig, manchmal sogar einfach nur voller Liebe und Dankbarkeit (auch wenn der Weg bis zur nächsten Welle tiefer Traurigkeit nie weit ist). Ich habe keine Ahnung, wie sich der Verlust unseres Sohnes in 1,2,3 Jahren anfühlen wird, wie viel Trauer und Glück und Tränen und Lachen da sein werden und wie sie sich abwechseln. Aber diese Hoffnung, dass es irgendwann, eines Tages, „heil“ sein könnte, irgendwie integriert und voller Frieden, diese Vorstellung hat mir gerade in der Anfangszeit sehr geholfen. So wie in dieser Geschichte vom Zen-Schüler, der seinen Meister fragt, was denn seine Einstellung zum Tod wäre und wie er denn mit dem Schmerz umginge, den der Tod immer wieder verursacht. „Ich bin damit einverstanden“ war seine Antwort.

Text: Constanze

 

 

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9 Kommentare

  • Reply Petra 27. Februar 2017 at 19:43

    Liebe Constanze,

    was für ein wundervoller Text. Die Buchstaben wandern vom Kopf ins Herz und wieder zurück zum Verstehen. Danke.

  • Reply Karolin 27. Februar 2017 at 21:30

    auch mir gefällt der Text sehr und die Idee mit den Sprechblasen… und ich beneide Dich das du einfach so weinen konntest, ich kann das in der Öffentlichkeit gar nicht leiden, aber oft sind mir die Tränen nun grade unterwegs gekommen und ich hab sie dann immer krampfhaft runtergeschluckt… LG

  • Reply papiertänzerin 27. Februar 2017 at 22:30

    Liebe Constanze, so treffend, ehrlich, empfindsam, kraftvoll & mit Humor geschrieben, danke für deinen Text, du sprichst mir aus der Seele! Ich hätte nach dem Tod meiner kleinen Tochter am liebsten ein T-Shirt getragen mit der Aufschrift: „Mein Kind ist tot“. Stattdessen habe ich mir ein T-Shirt mit einem Wortspiel zu ihrem Namen drucken lassen und es mal traurigstolz, mal trotzig getragen. Das ist jetzt 6 Jahre her und das T-Shirt trage ich noch immer. Ein Herzensahoi an dich & in Gedanken an deinen Sohn, Ina.

  • Reply Tobias 28. Februar 2017 at 2:23

    Ja, Kopf und Herz haben das wohl gemeinsam geschrieben, den Eindruck hab ich auch. So schön und so offen.
    Manchmal sehe ich einen Menschen in der Öffentlichkeit weinen. Meist löst das viel im mir aus – Respekt, eigene Trauer, irgendwie auch Dankbarkeit für diese Ehrlichkeit. Wie ich es hier in NRW erlebt hab, geben die meisten einem weinenden Menschen achtsam seinen Raum. Fühlt sich nicht ignoriert, sondern akzeptiert an, warum auch immer. Daher fand ich es hier auch nicht schwer, in der Bahn oder in der Stadt zu weinen. Tränen 1.0 sind hier noch immer kompatibel. Bin auch sehr dafür, das zu bewahren.

  • Reply Andrea 3. März 2017 at 21:25

    Liebe Constanze,
    dein Text hat mich sehr berührt. Vor allem deine Idee mit den Infofenstern, die aufploppen neben jedem von uns. Oder jede / jeder trägt ein Schild mit sich? Ich glaube auch, dass das tatsächlich manches leichter machen könnte, wenn wir mehr wüssten voneinander.
    Ganz herzliche Grüße an Dich!!
    Andrea

  • Reply Jutta Marx 3. März 2017 at 22:27

    Liebe Constanze,
    danke für diesen offenen und sehr berührenden Text. Danke für die tolle Liste mit den Dingen, die dir geholfen haben und für den schönen Satz „Ich vertraue darauf, dass es heilen wird.“
    Du sprichst auch die Trauerkleidung an, die heute nicht mehr so üblich ist. Es hat mir damals tatsächlich geholfen, eine ganze Weile schwarz zu tragen, nachdem meine Mutter gestorben war. Mir war nicht nach Farbe zumute und ich konnte so deutlich signalisieren, dass ich mich in einer besonders empfindsamen, verletzlichen Phase befinde. Das hat es auch den anderen leichter gemacht. Für mich war die schwarze Kleidung eine Art Schutzgewand.
    Dir wünsche ich von Herzen alles, alles Gute.
    Jutta

  • Reply Gisela Mair 5. März 2017 at 18:53

    Danke sage ich auch als Mutter, deren Sohn zu Weihnachten mit 21 Jahren gestorben ist. Ich werde den Satz „ich vertraue darauf, dass es heilen wird“zu meinem Mantra machen..

  • Reply margarete rosen 25. März 2017 at 12:16

    Liebe Constanze,
    danke fürs Heilen lassen dürfen.

  • Reply Lena 19. April 2017 at 7:26

    Liebe Constanze,
    deine Zeilen sind wie ein Bild meiner Seele! Ich habe schon länger versucht es zu formulieren, das was da in mir brodelt. Und nun lese ich deine Worte dafür und bin dankbar, dankbar damit nicht alleine zu sein!
    Ich wohne in einer Stadt in der es sozusagen dazugehört ein Kind zu haben. Und dann musste ich plötzlich ohne meine Tochter durch die Straßen gehen, ich hab mich gesehnt nach einem Zeichen, das alle Menschen verstehen. Ein Zeichen, Das allen meinen Schmerz zugänglicher macht, das die Tränen erklärt!!
    In der Hoffnung auf Heilung sende ich dir liebste Herzensgrüße.
    Lena

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