Der Schmerz der Trauer kommt in Wellen
Meine Trauer

Scheinbar endloser Schmerz

Zehn Monate nach seinem Tod habe ich versucht, den Schmerz, den ich damals empfand, in Worte zu fassen:

Drei Uhr morgens. Alle schlafen. Ich bin wach. Alles schmerzt. Hört das nie auf? Ich heule, zittere am ganzen Körper und krümme mich vor Schmerzen. Ich bin mir sicher, diesmal schaffe ich es nicht da durch. Wie soll ich das noch einmal ertragen? Keine Sekunde länger kann ich es aushalten. Wie soll das überhaupt jemals aufhören? Wo er einfach nie wieder kommt. Diese Endgültigkeit. Er ist weg. Für immer.
Ich fühle nichts außer diesem endlos großen Schmerz. Ich überlege schon so lange, wie ich ihn in Worte fassen kann, mit was ich ihn vergleichen kann. Doch alles, was ich zuvor erlebt und jemals als Problem gesehen habe, erscheint sehr klein in Anbetracht dieses immer wiederkehrenden, mich fest in den Griff nehmenden Schmerzes. Seelisch und körperlich. Alles ist Schmerz, alles ist aussichtslos, ich bin verzweifelt wie ich es nie zuvor war.

Wenn ich jetzt diese Zeilen lese, habe ich das Gefühl, dass die Worte nicht ansatzweise beschreiben, wie es sich damals angefühlt hat. Dieser bodenlose, tiefe, grausame, scheinbar endlose Schmerz. Ich habe noch immer keine Worte, um ihn zu beschreiben. Wenn du selbst einen geliebten, dir nahen Menschen, verloren hast, weißt du sicher, was ich meine. Vielleicht ist der Schmerz bei dir gerade sehr präsent und auch du weißt nicht, wie du ihn noch aushalten sollst. Ich verstehe dich. Und ich habe kein Gegenmittel für dich. Glaube mir, wenn ich eine Abkürzung kennen würde, ich würde sie dir sofort sagen. Ich kann mich nur virtuell neben dich setzen und mit dir gemeinsam abwarten. Denn auch wenn wir es in dem Moment nicht glauben können: Der Schmerz kommt in Wellen. Er überschwemmt uns, reißt uns mit, lässt uns keine Chance. Und doch ebbt er irgendwann auch wieder ab. Bis er uns das nächste Mal mit sich reißt.

Den Schmerz aushalten und warten, bis die Welle vorbei ist

Aus meiner Erfahrung gibt es wenig, das wir tun können, außer aushalten und warten bis die Welle vorbei ist. Es bringt nichts, gegen den Schmerz anzukämpfen. Er ist ein übermächtiger Gegner. Wir können vielleicht eine Weile vor ihm fortlaufen oder ihn zeitweise betäuben. Doch tief drin bleibt er. Ich glaube sogar, dass wir durch diesen Schmerz durchgehen müssen, um am anderen Ende wieder herauskommen zu können. Verändert, durchgerüttelt, kaputt und mit jedem Mal ein kleines bisschen gestärkt. Und irgendwann wissen wir aus Erfahrung: es ist schaffbar. Der Schmerz bleibt nicht durchgängig da. Es wird Pausen geben. Diese Pausen werden mit der Zeit länger werden und auch der Schmerz selbst wird sich irgendwann verwandeln.

Am Anfang wollte und konnte ich es auch nicht glauben, doch mittlerweile kann ich es dir aus meiner eigenen Erfahrung versichern: Der Schmerz der Trauer wird weniger und erträglicher mit der Zeit. Ich sage nicht, dass er ganz weggeht, aber er wird sich ganz sicher verändern und dann wirst du Schritt für Schritt lernen, damit zu leben. Irgendwann wirst du erstaunt feststellen, dass du ihn schon ein paar Tage am Stück nicht mehr gespürt hast. Ich weiß, es klingt unmöglich, aber ich würde es hier nicht schreiben, wenn ich es nicht selbst bei mir und anderen erlebt hätte.

Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen, sie zu reiten. (Jon Kabat-Zinn)

Ich weiß, es gibt eigentlich keine Worte. Und dennoch möchte ich dich einladen, deine persönliche Erfahrung mit dem Schmerz der Trauer in den Kommentaren zu teilen. Vielleicht bist du bereits ein großes Stück hindurch gegangen und möchtest anderen Mut machen? Vielleicht ist es gerade an der Zeit, ihn herauszuschreien oder zumindest auszudrücken? Du musst ihn nicht still ertragen, wenn sich das für dich falsch anfühlt. Hier auf dieser Seite darf dein Schmerz Ausdruck finden, aber natürlich auch an anderen Orten. Ich möchte dich ermutigen, dich nicht wie ich damals nachts mit deinem Schmerz zu verkriechen und ihn still und tapfer für dich auszuhalten. Du bist nicht alleine damit. Und du wirst deinen Weg hindurch finden.

 

   
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7 Kommentare

  • Reply Meyer Peter 5. Juli 2016 at 12:22

    „John Kabat-Zinn“ heißt in Wirklichkeit „Jon Kabat-Zinn“ ( https://de.wikipedia.org/wiki/Jon_Kabat-Zinn )

  • Reply Silke 5. Juli 2016 at 12:29

    Ups, stimmt, danke für den Hinweis – habs gleich geändert!

  • Reply Martina 5. Juli 2016 at 17:56

    ja, es tut so furchtbar weh… man kann es niemandem beschreiben, der es (noch) nicht erlebt hat.Und es stimmt, er kommt einfach, wie er will.
    Oft überraschend, ohne wirklichen Anlass, dumpf ist ja immer bei einem, aber dann überwältigt er einen.

    Ich weiß aber mittlerweile auch, das nach diesem „am Boden liegen“ die Stunden der Hoffnung, des Mutes folgen.
    Und doch ja, den kann man eigentlich nur allein aushalten…oder mit Menschen, die es auch kennen.
    Ich spüre gerade wieder öfter dieses „Überwältigt vom Schmerz sein“.

    Ich muss aus unserem langjährigen,gemeinsamen Zuhause ausziehen… kann es mir auf Dauer nicht leisten.
    Das ist auch ein Verabschieden und dieser nächste Schritt in das andere Leben, fällt sehr schwer.

    • Reply Silke 5. Juli 2016 at 20:10

      Liebe Martina, ich wünsche dir von Herzen viel Kraft für diesen großen und zugleich schmerzhaften Schritt. Hast du Hilfe dabei? Liebe Grüße

  • Reply Anja 15. November 2016 at 21:06

    Liebe Silke,
    ich danke dir für diesen Beitrag… Ich habe ihn vor ein paar Wochen schon gelesen, habe ihn aber wieder weggeklickt, weil mir die Worte fehlten… Und mir auch Gedanken kamen „das hilft den anderen doch nicht, jeder muss seinen eigenen Schmerz er- und durchleben“…
    Ich konnte mich nie so recht daran festhalten, dass der Schmerz anders wird (ich wage 2 Jahre nach dem Tod meines Mannes noch immer nicht zu behaupten, dass er irgendwann weg geht). Auch wenn eigentlich jeder, der solches Leid durchlitten hat, berichten kann, dass es wahr ist: in der Schmerzphase tut alles so weh, dass es unvorstellbar bleibt, dass es erträglich werden könnte.
    Aber vielleicht hilft dein Beitrag, dass sich die im Schmerz Lebenden ein Stückchen „richtiger“ fühlen.
    Ich habe mich anfangs in meinem Schmerz häufig „falsch“ gefühlt – ich bin unendlich dankbar, dass meine Trauerbegleiterin diese Phasen mit mir ausgehalten hat, einfach da war und mir immer wieder zugeredet hat, dass ich genau so richtig bin, wie ich gerade bin. Dazu war ich für mich alleine nicht imstande (Wie kann es richtig sein, dass ich solche Schmerzen leide???).
    Ich erinnere mich noch genau an einen Spaziergang ungefähr 5 Monate nach Andreas‘ Tod. Ich fühlte mich gut, wollte die Natur genießen und bin losmarschiert… An einer Stelle im Wald haben mich Erinnerungen überrollt und ich bin da irgendwo zusammengebrochen. Einfach so… Der Schmerz war einfach so groß, dass ich nicht mehr wusste, wo hinten und vorne ist.
    Wie auch Martina schreibt: überraschend und ohne wirklichen Anlass…
    Für mich mit einer Macht, die mir bis dahin völlig unbekannt war… Der Schmerz musste raus, musste gefühlt und gelitten werden.
    Mit Abstand betrachtet hätte ich in der Situation lieber schreien und laut heulen mögen (ich habe mich damals ziemlich zusammengerissen…) – eigentlich doch egal, was die anderen Spaziergänger denken… Aber so weit (mutig?) war ich da nicht ;O)
    Mit noch größerem Abstand betrachtet: diese Schmerzwellen haben eine faszinierende Kraft und mit jeder durchgestandenen, ausgehaltenen Welle fühlte ich mich ein Stück weiter, höher getragen aus meinem tiefen Trauertief.
    Außerdem hat dieser Schmerz eine unbändige Lebendigkeit. Er hat mich Welle für Welle das Gefühl von Lebendigkeit gelehrt. Da sind glücklicherweise tatsächlich diese Pausen, die einen durchatmen und realisieren lassen „Ich bin da! Ich bin im Hier und Jetzt!“ und ein „geschafft!“ nach jeder Welle.
    Ich schließe mich dir, liebe Silke, also gerne an: werdet lauter! Mutet euch den anderen zu!
    Tapfer ist für mich nicht jemand, der still vor sich hinleidet und möglichst unauffällig dabei bleibt. Tapfer sind für mich alle, die diese Schmerzwellen erleben und mit ihnen zu leben lernen => diese Wellen zu reiten lernt!
    Liebe Grüße,
    Anja

    • Reply Silke 15. November 2016 at 21:50

      Liebe Anja,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich bin ganz sprachlos und berührt. Hatte eben Tränen in den Augen beim Lesen deiner Worte. Ich kenne solche Momente wie du sie beschreibst von deinem Spaziergang auch so gut. Und es berührt mich immer sehr, wie sehr wir alle (oder fast alle) uns da immer wieder versuchen zusammenzureißen, „stark“ zu sein. Ich denke, es berührt mich so, weil ich selbst unter diesem Zusammenreißen am meisten gelitten habe. Ich würde mir so wünschen, dass wir uns das Zusammenreißen in unserer Gesellschaft ein bisschen abgewöhne .. Wie du schreibst „Der Schmerz musste raus, musste gefühlt und gelitten werden.“ Genau das ist so wichtig und zugleich so schwer wenn man es anders gelernt hat.
      Diese Schmerzwellen haben wirklich eine ganz unglaubliche Kraft. Heute kann ich sagen, dass sie mich sehr weit getragen haben und auf eine Art transformiert. Ich bin tatsächlich sehr froh, tief hindurch gegangen zu sein anstatt irgendwie dran vorbei.
      Danke dir noch mal und liebe Grüße
      Silke

      • Reply Anja 15. November 2016 at 23:24

        …nun ist es an mir, Tränen in den Augen zu haben… Dieses Zusammenreißen… Grrrr…
        Die Erziehung, die uns „stark sein“ nur still erlaubt… Es wird Zeit, das zu ändern!
        Das Bild, dass dich die Wellen weit getragen haben, kann ich nachfühlen. Stimmt für mich auch.
        Ich gebe zu, hätte mir jemand eine Abkürzung gezeigt, ich hätte sie erleichtert genommen. Aber was hätte das dann mit mir gemacht? Meine Persönlichkeit hätte sich anders entwickelt… Ist das gut oder schlecht? Keine Ahnung… Heute bin ich froh, genau den Weg gegangen zu sein, den ich genommen habe.
        Liebe Grüße
        Anja

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