Erstarrt
Hilfe in deiner Trauer

Nichts geht mehr – wie soll ich jemals wieder normal leben?

Der Tod eines geliebten Menschen reißt uns den Boden unter den Füßen weg. Auf einmal ist nichts mehr so wie vorher, das Leben wie wir es gelebt haben scheint vorbei. Der Schmerz, die Fassungslosigkeit, Verzweiflung, der Schock, all das nimmt so viel Raum ein, dass für sonst so einfache und normale Dinge keine Kapazitäten mehr übrig sind. Bei mir war es zumindest so. Nach Julians Tod hatte ich das Gefühl, alles, was ich vorher einmal wusste und konnte, verlernt zu haben. Ich war nur noch eine Hülle, erstarrt im Schmerz. Bei meinen Eltern untergekommen schaffte ich es immerhin, regelmäßig etwas zu essen, aber auch nur weil meine Mutter für mich kochte und mich daran erinnerte. Ich existierte nur noch, wie leben fühlte es sich nicht an.

In diesem Zustand schien mir das normale Leben absolut unmöglich. Einkaufen gehen, mit dem Auto fahren, Bahnfahren, lesen oder gar arbeiten stellten plötzlich große Herausforderungen für mich dar. In den ersten Tagen nach Julians Tod hatte ich so viel unmögliches geschafft, dass jetzt, wo all das erledigt war, plötzlich nichts mehr möglich schien. Vor Julians Tod war ich alleine durch die Welt gereist, hatte selbstständig gearbeitet und mich für eine Frau gehalten, die ganz gut in der Welt zurecht kommen kann. Nun schien all das verloren, ich nur noch ein Schatten meiner Selbst, ein kleines Häufchen Elend. Ganz langsam musste ich nun die banalsten Aufgaben und Tätigkeiten wieder neu lernen. Die alltäglichen Dinge blieben jedoch nach wie vor anstrengend. Smalltalk an der Supermarktkasse, belanglose Gespräche auf der Arbeit, überhaupt Kontakt mit Menschen – selbst mit wohlvertrauten -, stellten für mich an manchen Tagen unüberwindbare Hürden dar.
Vielleicht kennst du das auch. Vielleicht fragst du dich so wie ich immer wieder wie du bloß jemals wieder normal leben sollst. Da wird einem so oft gesagt, es sei möglich, wieder neu und anders glücklich zu werden und man selbst steht da und hat keine Ahnung, wie es überhaupt wieder ansatzweise sowas wie “normal” werden soll. Ich weiß, wie schmerzhaft das ist und ich weiß wie schwierig es ist, das auszuhalten. Wie soll ich jemals wieder meinen Beruf richtig ausüben können, wenn meine Konzentration nicht mal für eine Seite in einem eigentlich spannenden Buch reicht? Wie soll ich jemals wieder ansatzweise Freude empfinden, wenn ich keine Musik mehr ertrage und Menschen mich so anstrengen?
Was mich wohl am meisten beschäftigte war die Frage, wer ich denn nun bin. Wer bin ich, wenn ich jetzt so vieles nicht mehr kann oder nicht mehr mag, was vorher zu mir und meinem Leben gehörte? Wer bin ich jetzt und wer werde ich sein? Woran kann ich mich noch festhalten, wenn ich nichtmal mehr mich selbst kenne? Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gehen soll, dass ich wieder die Alte werde, aber wie soll ich neu werden, wenn ich doch gar keine Energie habe, keine Kraft irgendetwas anzufangen oder auszuprobieren? Welche alten Hobbys, die ich vielleicht auch mit dem geliebten verstorbenen Menschen zusammen hatte, sollte ich noch nicht ganz aufgeben, weil sie mir doch irgendwann wieder Freude machen werden? Und welche Aktivitäten oder Hobbys gehören jetzt tatsächlich der Vergangenheit an? Wie kann ich all das rausfinden, wie kann ich mich selbst wiederfinden unter all der Trauer und dem Schmerz?
Und wieder habe ich keine konkrete Antwort für dich, jedenfalls nicht die, die dein Verstand vielleicht hören möchte. Ich kann dir nicht sagen, was du konkret tun sollst, um wieder “normal” leben zu können. Ich kann dir aber sagen, dass das, was du gerade erlebst, völlig “normal” ist. Was auch immer genau “normal” bedeuten mag, aber zumindest gehört es zum Prozess, den du gerade durchmachst, dazu. Du befindest dich in einem Ausnahmezustand, der dein Leben und dich selbst auf den Kopf stellt. Die Situation ist nicht normal, deine Reaktion darauf jedoch schon. Natürlich weißt du nicht von heute auf morgen was das alles bedeutet für dich und dein Leben. Deine Seele braucht Zeit. Zeit zu begreifen, Zeit zu heilen und Zeit sich neu zu orientieren. Gib ihr die Zeit, die sie braucht. Versuche ganz kleine Schritte zu gehen. Und wenn du jetzt zurückblickst, kannst du vielleicht erkennen, dass du schon erstaunlich viele davon gegangen bist.

“Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht”
(Afrikanisches Sprichwort)

   
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3 Kommentare

  • Reply Gabriele 27. Mai 2017 at 8:34

    Liebe Silke,

    so ehrliche, schöne Worte… Nichts geht mehr, wenn man alles gemeinsam gemacht hat. Wir haben immer gesagt: Gemeinsam sind wir stark… und jetzt???

    Liebe Grüße
    Gabriele

    • Reply Silke 31. Mai 2017 at 18:45

      Liebe Gabriele,
      danke dir für deinen Kommentar. Ich hatte auch so ein Gefühl von „Alles ist gut, solange wir zusammen sind.“
      Nun sind wir alleine hier in dieser Welt und dürfen entdecken, dass wir in uns eine große Kraft haben, aus der wir schöpfen können. Und vielleicht auch entdecken, dass wir auf eine Art weiter zusammen sein können, eine neue, andere, so nicht gewollte Art. Aber erstmal dürfen wir auch eine ganze Weile lang ganz kraftlos sein, auch das gehört dazu.
      Alles Gute für dich und eine liebe Umarmung, wenn du das möchtest.
      Herzliche Grüße
      Silke

  • Reply Gabriele 1. Juni 2017 at 22:28

    Liebe Silke,
    danke für deine liebe Rückmeldung, deine Worte tun mir gut und natürlich möchte ich die liebe Umarmung, wo mir jetzt das in den Arm genommen zu werden so fehlt.
    Liebe Grüße und fühl dich gedrückt
    Gabriele

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