Die Traurigkeit als Freundin
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Meine Freundin, die Traurigkeit

“Sei nicht traurig.” “Hör auf zu weinen.” “Denk an das Positive!” “Sie würde doch auch nicht wollen, dass du traurig bist.”

So schnell sind wir bereit zu trösten, zu versuchen, den anderen aufzuheitern, ihm die Traurigkeit abzunehmen. Warum eigentlich? Was hat der Traurigkeit einen so schlechten Ruf verpasst? Warum kriegt die Freude so viel Raum wie sie will, die Traurigkeit aber wird so lange weggedrängt bis es nicht mehr geht? Liegt es daran, dass die Traurigkeit oft in Verbindung mit Leid auftritt in unserem Leben? Machen wir sie etwa verantwortlich dafür, während sie eigentlich nur als Unterstützung hinzu eilt, für uns da ist in traurigen, leidvollen Zeiten und uns hilft, damit umzugehen?
Für mich ist die Traurigkeit in den letzten Jahren zu einer wirklich guten Freundin geworden. Das klingt für manch einen vielleicht erst einmal so, als wäre ich in einer dauerhaften Depression versunken, im dunklen Raum sitzend, weinend, nur noch Traurigkeit fühlend. Ist es vielleicht dieses Bild, was uns dazu bringt, unsere traurigen Mitmenschen schnell aufheitern zu wollen? Die Vorstellung, dass derjenige für immer in düsterer Traurigkeit verharren wird, wenn er nicht rechtzeitig daraus gerettet wird? Ja, ich gebe zu, davor hatte ich früher auch Angst. Heute möchte ich sagen: So ein Quatsch. Nur wenn Traurigkeit gefühlt werden kann, kann sie auch wieder gehen. Stell dir ein Gefäß vor, das sich immer weiter mit Wasser füllt. Dadurch wird es schwerer und zugleich immer düsterer und undurchschaubarer. Wir können nicht mehr bis zum Grund sehen, wissen nicht, was sich dort vielleicht verbirgt, und irgendwann wird es womöglich überlaufen und alles überschwemmen. Können wir das Gefäß am Überlaufen hindern, indem wir nicht hinschauen und so tun als wäre es nicht da? Wahrscheinlich eher nicht ..
Genauso verhält es sich mit der Traurigkeit. Sie ist nicht weg, nur weil wir uns ablenken und so tun als würde es nichts trauriges geben in unserem Leben. Mit der Zeit wird das innere Gefäß immer voller und bedrohlicher. Dann wird es immer schwerer, es sich anzuschauen, weil die darin enthaltenen Wassermassen so unberechenbar sind. In meiner Vorstellung können wir diese inneren Gefäße der Traurigkeit leerweinen. Jede Träne, die wir weinen, bringt etwas davon nach außen, bringt das angestaute Wasser wieder in Fluss und hilft uns dabei, uns zu reinigen. Durch das Weinen und das Fühlen der Traurigkeit werden wir leichter und freier. Nach dem Fühlen von tiefer Traurigkeit folgt dann irgendwann tiefes Glück anstelle von aufgesetzter Fröhlichkeit.

Wenn wir sie zu uns einladen und sie willkommen heißen, kann die Traurigkeit ganz warm und weich sein, tröstend und zart. Für mich ist es ein Gefühl von Geborgenheit, wenn ich mich in sie hinein sinken lasse. Ich muss dann nichts mehr tun, ich darf einfach nur sein. Wie bei einer lieben Freundin, die sich mit einer warmen, flauschigen Kuscheldecke zu mir setzt und mich einfach nur in den Arm nimmt. Sie ist einfach da, hält mich und drängt mich zu nichts.
Einen ganz neuen Gedanken, der mir gestern begegnet ist, möchte ich noch hinzufügen. Eine Freundin hat mich in einem Gespräch über die Traurigkeit auf ein Buch von Andrea Länger hingewiesen: “Das Lebenslust-Prinzip: Praktische Strategien für Frauen mit Krebs”. In dem kleinen Ausschnitt, den ich daraus gelesen habe (“Weinen ist gesund”), eröffnet sie eine ganz neue Perspektive: “Endlich gibt es einen guten Grund, Wochen und Tage lang zu weinen, traurig und schlecht drauf zu sein. Wie befreiend, dieser oberflächlichen und rastlos pulsierenden Gute-Laune-Medienwelt endlich ein anderes Gesicht zeigen zu dürfen.” Wie befreiend, das zu lesen. Tatsächlich empfinde ich es ebenfalls als großes Geschenk, traurig sein zu dürfen.

Wie wäre es also, wenn wir die gut gemeinten, oft benutzten Ratschläge von oben etwas umformulieren:
“Sei traurig wenn du traurig bist und fröhlich wenn du fröhlich bist. Sei einfach das, was du bist.” “Du darfst traurig sein, es ist okay und angebracht.” “Lass deine Tränen laufen wenn dir danach ist.” “Sie versteht, dass du traurig bist.”

 

Foto: pixabay

 

   
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2 Kommentare

  • Reply Anja 13. Januar 2017 at 17:22

    Liebe Silke,

    deine umformulierten Ratschläge finde ich ganz bezaubernd. „Sei einfach das was du bist.“ Ja!!!
    Neben Tod und Trauer auch ein Plätzchen für die Traurigkeit auf der Welt frei zu halten… Ja!!! Gut und richtig, finde ich.
    Ich erinnere mich an das wunderschöne Märchen von der traurigen Traurigkeit. Warum „darf“ Traurigkeit nicht sein?
    Dass es gut tut, die Tränen zuzulassen, die geweint werden wollen, kann ich nur bestätigen. Alles, was sich aufstaut, macht auf Dauer krank.

    Im Gegensatz zur Fröhlichkeit ist Traurigkeit ein wenig (oder sehr ;O) anstrengend, man muss sich als Außenstehender Gedanken machen, hat vielleicht auch ein Hilfsbedürfnis. Das erfordert eine gewisse Nähe, die man nicht zu allen Menschen spürt, spüren mag.
    Wenn ich traurig bin, fühle ich mich meist schutzbedürftig und ziehe mich gerne zurück in einen vertrauten Bereich, für mich alleine oder zu vertrauten Menschen.
    Ich kann gar nicht genau ausmachen, ob das tatsächlich ein persönliches Bedürfnis ist oder ob es eher anerzogen und durch die gesellschaftlichen Normen vorgegeben ist…?

    Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der jeder gut „funktionieren“ muss. Die meisten versuchen, sich einem Idealbild anzupassen. Und man ist stets „hilfsbereit“, denen, die nicht im Mainstream sind, auf den „richtigen Weg“ zu helfen (trösten, beschwichtigen, kleinreden,…).

    Mittlerweile zwinge ich mich nicht mehr dazu, immer fröhlich herumzulaufen. Wenn es mir nicht gut geht, dann muss ich auch nicht lachen… Leicht fällt mir das allerdings nicht – ich lerne noch ;O)

    Wie schön, wenn Menschen mutig sind und sich geben, wie sie sind.
    Und wie schön, wenn es mehr und mehr Menschen gibt, die das zulassen und annehmen können und sich an Vielschichtigkeit freuen.

    Liebe Grüße
    Anja

  • Reply Claudia 23. März 2017 at 14:34

    Hallo Silke!
    Ich bin ganz Deiner Meinung, dass die Traurigkeit/Trauer zu Unrecht einen so schlechten Ruf hat. Auch mir ist sie in den letzten Monaten ein wertvoller Begleiter geworden. Mittlerweile geht mir diese „Immer-gut-drauf-sein-müssen-Mentalität“ gelinde gesagt, auch ziemlich auf die Nerven.
    Um noch ein weiteres Argument „pro Traurigkeit“ anzuführen: wir brauchen den Schatten, um das Licht sehen zu können (und umgekehrt). Oder anders gesagt, nur wenn ich die Traurigkeit kenne, kann ich auch echte Wertschätzung der Freude gegenüber empfinden.
    Liebe Grüße
    Claudia

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