Angst
Trauer & Spiritualität

Meine Angst zeigt mir den Weg

Ich habe Angst. Angst, verrückt zu werden. Angst, auf dem falschen Weg zu sein. Angst, verletzt, verlassen und ausgestoßen zu werden. Manchmal habe ich Angst vor anderen Menschen. Angst, mich zu zeigen. Angst, auf der Straße zu landen. Angst, ganz alleine zu sein. Angst, enttäuscht zu werden und zu enttäuschen. Angst, zu langsam zu sein, nicht gut genug zu funktionieren, dauerhaft krank zu werden. Angst davor, es nicht hinzukriegen hier mit diesem Leben, in dieser Welt als die, die ich bin. Ich habe Angst mich zu verrennen in dem Gedanken, meinem Herzen zu folgen, und irgendwo falsch abzubiegen.

Früher dachte ich, wer mutig ist, hat keine Angst mehr.

Ich dachte, es ginge darum, zunächst all diese Ängste zu überwinden, sie wirklich loszuwerden. Ich dachte, ich müsste an diesen Punkt kommen, an dem ich keine Angst mehr habe, damit ich dann mutig meinen Weg gehen kann. Angstfrei. Leicht. Ich dachte, dass diejenigen, die etwas bewegen in der Welt, vorher ihre Ängste loswerden. Oder womöglich einfach gar nicht erst solche Ängste haben. Ich dachte, dass ich deshalb wohl klein bleiben muss, dass ich eben nicht zu diesen Menschen gehöre, die etwas bewegen können, weil ich doch so ein Feigling bin mit all meinen Ängsten.

 

„Aber Mut heißt nicht, keine Angst zu haben
Mut heißt nur, dass man trotzdem springt“

(Sarah Lesch – „Da draußen“)

 

In den letzten Jahren bin ich meiner Angst immer wieder neu begegnet. Nach Julians Tod und allem, was ich damals in Nepal erlebt habe, hat sich so vieles – ich möchte fast sagen alles – in mir auf einen Schlag geändert. Und auf einmal empfand ich die Welt ganz anders als zuvor. Nichts schien mehr so zu sein wie es einmal war. Nicht einmal ich selbst. Vor allem nicht ich selbst. Ich kannte mich nicht mehr und die Welt war mir fremd. Und das machte Angst. Angst, die mich zeitweise lähmte. Eine Stimme in meinem Kopf, die mir immer wieder sagte: „Ich kann das nicht.“ Und sie meinte es gut mit mir. Ja, meine Angst, diese Stimme, sie wollte mich schützen. Schützen vor dieser Welt, die auf einmal so bedrohlich schien. Denn da war nur noch wenig, woran ich mich festhalten konnte. Alles um mich herum und in mir drin, alle Strukturen und der Halt, den ich mir geschaffen hatte, bröckelten und die Leere und Weite, die dadurch entstanden, erschienen mir zuweilen sehr beängstigend. Ich wusste nicht, wie ich den Einstieg zurück in die Welt finden sollte. Ich war herausgefallen und wusste nicht, wie ich mit all diesen Ängsten jemals wieder meinen Platz finden sollte. Ich wollte sie loswerden, damit ich all das schaffen konnte, was ich vorhatte. Doch ich wusste nicht wie.

 

„Wenn man sich auf eine spirituelle Reise macht, besteigt man gewissermaßen ein winziges Boot und erforscht in dieser Nuss-Schale die Ozeane auf der Suche nach unbekannten Ländern. Zwar stellt sich mit ernsthafter Übung durchaus Inspiration ein, aber früher oder später begegnen wir auch der Angst. Das einzige, was wir wissen, ist: Wenn wir den Horizont erreichen, werden wir über die Kante der Welt stürzen. Wie alle Forscher, so drängt es auch uns, zu entdecken, was dort draußen auf uns wartet. Dabei wissen wir nicht, ob wir dann auch den Mut haben werden, uns dem Unbekannten zu stellen.“

(Aus: Pema Chödrön – Wenn alles zusammenbricht*)

 

Für mich war Julians Tod der Beginn meiner spirituellen Reise.

Damals öffnete sich eine Tür, ein Riss entstand in meiner zuvor so ordentlich aufgebauten Welt. Neue Welten zeigten sich, neue Einblicke wurden möglich. Und alles veränderte sich. Auf einen Schlag und zugleich Schritt für Schritt. Häufig lesen sich solche Geschichten ganz und gar glanzvoll. Jemand begibt sich auf eine spirituelle Reise und erreicht Großartiges, wächst und wird immer ein bisschen erleuchteter. Frei, schwebend, in Liebe aufgehend. In Wahrheit ist es kein leichter Weg. Ich habe oft gedacht, ich würde ihn auf falsche Weise gehen, denn er müsste doch leicht sein, wenn er richtig wäre. Doch das stimmt nicht. Es darf durchaus leicht sein, aber es darf auch schwer sein. Denn wir begegnen uns selbst auf diesem Weg – so wie wir uns vielleicht noch niemals zuvor begegnet sind. Wir schauen in Abgründe, die wir nie zuvor gesehen haben. Weil wir nicht hinsehen wollten.

„Wenn wir der Wahrheit näher kommen, ist Angst eine natürliche Reaktion“ schreibt Pema Chödrön weiter in ihrem Buch. Ich glaube, das ist es. Die Begegnung mit dem Tod öffnet eine Tür, sie bringt uns möglicherweise näher an unsere Wahrheit, näher an unsere Gefühle, näher an diese andere Welt, eine neue Dimension, die wir womöglich so im Leben bisher nicht kannten. Auf einmal geschehen Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Und das macht Angst, weil es so fremd und unbekannt ist. Dann stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Angst umgehen. Wir haben immer die Wahl. Niemand zwingt uns, weiter durch diese Tür zu gehen. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass dort viele Wunder auf uns warten, wenn wir den Mut aufbringen, Schritt für Schritt weiterzugehen.

Angst ist ein Gefühl und Gefühle fühlen wir nicht mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper. Noch bevor ich es Angst nennen kann, fängt mein Herz an, schneller zu schlagen, zieht sich etwas in meinem Bauch zusammen, geht mein ganzer Körper in eine Anspannung. Für mich waren das lange Signale, die ich als Warnung gesehen habe. Als Botschaft: „Pass auf, das hier ist nicht gut für dich. Zieh dich zurück. Schütze dich.“ Und das war gut so. Ich brauchte Schutz, ich brauchte Rückzug, ich brauchte einfach Zeit. Nur verursachte es eben auch Leid. Denn ich wollte doch so gerne auch weitergehen. Ich wollte doch so gerne einen Weg finden, in dieser Welt wieder gut sein zu können.

Irgendwann habe ich es einmal ausprobiert. Es war in einem Gespräch. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass etwas darin diese Angst in mir auslöste. Dass ich mich eigentlich zeigen wollte, ausdrücken, was ich zu dem Thema zu sagen hatte. Aber da war diese Angst. Diese Angst, die mich so oft schon gelähmt hatte. Angst vor Abweisung. Und dann sagte ich es trotzdem. Mitten durch dieses Herzrasen und den zusammengezogenen Bauch hindurch. Und es öffnete etwas. Genau an dieser Stelle wurde das Gespräch heilsam, bedeutsam, geschah im Grunde genau das Gegenteil von dem, wovor ich Angst gehabt hatte: Verbindung. Verbindung zu meinem Gegenüber und zu mir selbst. Nach und nach habe ich verstanden, dass die Angst auf meinem Weg zu innerem Wachstum der Wegweiser ist. Sie zeigt mir genau den Weg, den es zu gehen gilt.

Damit meine ich nicht, dass wir uns nun durch jede Situation, die Angst macht, hindurch zwingen müssen. Nein, ganz und gar nicht. Es geht darum, gerade an dieser Stelle so besonders liebevoll mit uns zu sein. Und mit unserer Angst. Es geht darum, wahrzunehmen was da ist. Und uns auch zu erlauben, dieses Mal den Mut nicht aufzubringen. Heute nicht, aber morgen versuche ich es womöglich wieder. Es muss kein Kampf sein, kein großes „Kawumm“, es darf auch ein vorsichtiges, sanftes Herantasten sein. An diese Angst, an diesen Weg, an unser Selbst. Es geht darum, auch die Angst einfach nur zu fühlen, mit ihr zu sein, mit der Angst zu atmen. Wir wollen unangenehme Gefühle immer so gerne vermeiden, dabei sind sie so wertvoll. Wenn wir das erkennen, dass es nichts zu vermeiden gibt, dass all diese Gefühle Wegweiser sind, dann kann ganz viel Heilung entstehen. Heute nehme ich meine Angst genau so wahr. Ich nehme die Signale in meinem Körper wahr und weiß: Aha, hier liegt etwas, hier gibt es ein Thema, hier wartet der nächste Schritt auf mich. Und dann erlaube ich mir, ihn erst dann zu gehen, wenn ich mich auch bereit dazu fühle. Das kann manchmal sofort sein und manchmal braucht es noch ein wenig. Dann lasse ich mich in diese Angst hinein sinken. Ich atme und fühle. Erlaube mir, genau so zu sein wie ich gerade bin. Nehme mich selbst in den Arm. Ich versuche, mich nicht mehr dagegen zu wehren. Und staune, wie sich auch große Angst so wandeln kann. Atemzug für Atemzug. Im „Nichtverändern-Wollen“ liegt dann schon die Veränderung.

 

Wie geht es dir mit deiner Angst? Wovor hast du Angst und wie gehst du damit um? Kennst du diese Angst vor dieser Leere, die Angst davor, keinen Halt mehr zu haben und ins Endlose zu fallen? Ich freue mich wie immer auf deine Kommentare!

   
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