Was ich für dich tun kann
Trauer & Spiritualität

Jetzt kann ich nichts mehr für dich tun – oder etwa doch?

Die Zeit direkt nach dem Tod eines geliebten Menschen ist eine ganz besondere Zeit. Da ist einerseits der Schock, der Schmerz, dieses Unfassbare, das wir noch nicht begreifen können. Aber da ist auch so viel Nähe zu unserem lieben gestorbenen Menschen. Es ist als wäre die Tür zwischen dieser und der anderen, jenseitigen Welt noch einen Spalt offen. Oder vielleicht zeitweise aus Glas. In dieser Zeit ist ganz viel Verbindung möglich und es fühlt sich an, als könnten wir den lieben Menschen beinahe noch greifen. Auch später bleibt diese Verbindung natürlich bestehen und doch ist sie in der ersten Zeit eben ganz besonders intensiv, irgendwie von einer anderen Qualität, die ich nur schwer in Worte fassen kann.

Ich erlebe es selbst gerade und merke, wie wertvoll es ist, sich in dieser Phase ganz bewusst Zeit zu nehmen. Zeit zum Fühlen, Zeit zum Reden und Zeit für den Verstorbenen. Vor zwei Wochen ist eine liebe und mir auf besondere Art nahestehende Freundin gestorben. Es war ein ziemlicher Schock für mich und alle, die sie kannten. Schnell kommen da Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht, vielleicht auch Fragen nach einer gewissen Schuld: Hätte ich etwas tun können, um ihren Tod zu verhindern? Hätte ich zumindest mehr für sie da sein können in der letzten Zeit? Und dann der Gedanke: Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts mehr für sie tun. An dieser Stelle hilft es mir zu bemerken, dass das nicht stimmt. Ich kann sie nicht mehr anrufen und ich kann auch nicht zu ihr nach Hause fahren, um sie in den Arm zu nehmen. Aber ich kann für sie beten. Auf meine ganz eigene Art. Ich kann ihr meine Liebe schicken und sie im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen auf ihrem Weg nach drüben. Ohne mich wirklich gut auszukennen, behaupte ich mal, dass es in jeder Religion und in allen Kulturen gewisse Rituale und Gebete gibt oder gab für Verstorbene, meist mit dem Gedanken, sie auf dem Weg in den Himmel, ins nächste Leben oder wohin auch immer zu unterstützen. Im tibetischen Buddhismus glaubt man, dass unser Bewusstsein nach dem Verlassen des Körpers in eine Art Zwischenwelt, einen Zwischenzustand namens „Bardo“ übergeht. Dort verweilt es für bis zu vierzig Tage, bevor es seine nächste Wiedergeburt findet. In dieser Zeit helfen bestimmte Rituale, Gebete, Mantren und Meditationen, um dem Verstorbenen Klarheit darüber zu verschaffen, dass er tot ist und wo er sich befindet. Ziel ist es, dem Bewusstsein dabei zu helfen, aus einem ruhigen, klaren Geisteszustand heraus eine hilfreiche nächste Wiedergeburt zu finden. In bestimmten indigenen Völkern Amerikas sagt man, die Übergangszeit, in der die Seele noch ganz nah in dieser Welt ist, betrage fünf Tage. Ob nun vierzig oder fünf, ich persönlich glaube, dass es keine festen Zeiten gibt. Wir Menschen hier unten machen unsere Regeln, aber ob sich das Universum daran hält, ist die andere Frage. Jeder Mensch ist anders und jede Seele somit auch. Und dann gibt es Raum und Zeit da drüben ja sowieso nicht so wirklich. Bevor mir dieser Gedanke nun wieder einen Knoten ins Hirn macht, zurück zur Essenz: Wir können etwas tun. Wenn wir es zulassen und uns einen Moment Zeit nehmen, dann können wir ganz genau fühlen, was für diesen verstorbenen Menschen nun gut ist. Ein einfaches, kleines Ritual, das weltweit praktiziert wird, ist es, eine Kerze für den oder die Verstorbenen anzuzünden. Ein Licht, das den Weg der Seele hinaus aus dem Körper und auf die andere Seite erleuchtet.

Seit ich von ihrem Tod erfahren habe, brennt eine große weiße Kerze fast ununterbrochen für meine Freundin. Immer dann, wenn ich zuhause bin. Dann nehme ich mir immer wieder einen Moment Zeit, setze mich dazu und spreche mit ihr. Erzähle ihr, was mir leid tut und dass ich sie vermisse. Und was ich ihr alles wünsche für ihr nächstes Leben oder den Ort, an dem sie jetzt ist. Ganz viel Leichtigkeit wünsche ich ihr nach einem Leben mit vielen Hindernissen. Ganz viel Liebe sende ich ihr in diesen Momenten. Diese Gespräche tun mir selbst gut und ich habe das Gefühl, auch sie erreichen sie.

Darüberhinaus gibt es natürlich noch einiges mehr, was wir tun können. Wenn du dich einer bestimmten Religion angehörig fühlst, dann kannst du sicher auf deine Art beten. Und wenn nicht, dann kannst du das auch. Du kannst deinem lieben Verstorbenen etwas vorlesen, was er oder sie zu Lebzeiten gerne mochte, was beruhigend und schön ist. Du kannst für ihn oder sie trommeln, singen, etwas auf dem Klavier spielen. Du kannst alles tun, was dir in den Sinn kommt, was euch verbindet und was sich gerade stimmig anfühlt – immer aus der Liebe zu dieser verstorbenen Seele heraus und mit den besten Wünschen für sie und ihren weiteren Weg. Mir hat es in den letzten Tagen auch immer wieder richtig gut getan, mit anderen über sie zu sprechen. Gemeinsam erinnern, gemeinsam lachen und auch gemeinsam weinen. Und dann können wir für unsere Verstorbenen auch Gutes in deren Namen tun. Vielleicht eine Spende an eine Organisation, die Gutes bewirkt, oder ehrenamtliche Arbeit in einem Bereich, der uns am Herzen liegt, leisten. Ich bin mir sicher, dass alles Gute und Positive die Verstorbenen erreicht, wo auch immer sie sind. Vielleicht im Sinne von gutem Karma, vielleicht einfach im Sinne positiver Energie, die ja wirklich nie schaden kann – weder im Leben noch im Tod. Wir können Briefe schreiben und mit ins Grab geben, verbrennen oder Wind und Wasser übergeben. Wir können uns in der Meditation mit dem Bewusstsein des Verstorbenen verbinden. Das alles können wir auf unsere ganz eigene Art tun.

Und jetzt interessiert mich deine Erfahrung: Welche kleinen oder größeren Rituale hast du für deine lieben Verstorbenen gemacht? Hast du das Gefühl, sie damit erreichen zu können? Kennst du das Gefühl, dass in der ersten Zeit nach dem Tod noch diese ganz besondere Nähe da ist, wie als würden unsere Welten miteinander verschwimmen? Ich freue mich auf deine Kommentare!

 

   
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7 Kommentare

  • Reply Julia 4. September 2017 at 13:29

    Danke für deine Erfahrungen. Es ist immer wieder schön zu lesen, dass es anderen ähnlich geht.
    Ich unternehme manchmal Dinge, die meine Mama auch getan hätte. Oder schaue eine Sendung im Fernsehen, die sie mochte. Koche ein Rezept, das sie mir geschickt hat. Gehe auf ein Konzert, auf das wir vielleicht zu zweit gegangen wären. Ich möchte mir Rituale oder einfach Vethaltensweisen bewaren, die ich so an ihr mochte.
    Manchmal schreibe ich mir auch mit ihrer Freundin, wir wollen uns demnächst auch mal verabreden.

    • Reply Silke 5. September 2017 at 23:20

      Liebe Julia, das ist schön, wie du deine Mama auf diese Art nicht nur in Gedanken sondern auch in Taten weiterleben lässt. Alles Liebe für dich!

  • Reply Esther 4. September 2017 at 15:35

    Ich verfolge im Webradio die Spiele seines Herzens-Fussballvereins – ein grauer unscheinbarer Zweitligist aus seiner Heimatstadt. Weil wir dort nicht wohnten, konnte er nicht oft im Stadion sein, die Internet-Übertragungen waren ihm heilig. Heute habe ich oft das Gefühl, er sitzt neben mir während dieser Spielübertragungen.
    Komischerweise läuft’s auch richtig gut bei „seinem“ Verein seitdem er tot ist…

    • Reply Silke 5. September 2017 at 23:18

      Oh wie schön, danke dir für deinen Kommentar und dafür, dass du uns daran teilhaben lässt, liebe Esther. Da hat er wohl ein bisschen Unterstützung von drüben zu „seinem“ Verein geschickt hm .. Liebe Grüße!

  • Reply Conny 5. September 2017 at 22:29

    Liebe Silke,

    ihr Wesen, das in meinem Herzen weiterlebt, dieser schönen Welt zu erhalten, das versuche ich. Ich kann es nicht so gut in Worte fassen, es sind Träume, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen, besondere Begabungen oder auch innere Haltungen, die ich jetzt versuche weiterzuleben. So ist sie irgendwie noch da. Vor kurzem habe ich eine besonders berührende Erfahrung gemacht: ich habe mich, es war gar nicht leicht, mit einem Menschen versöhnt, mit dem Versöhnung vor dem Tod nicht mehr möglich war. In derselben Nacht hatte ich einen intensiven Traum und bin mit der so vertrauten Stimme, den Worten „Danke, jetzt kann ich loslassen…“ aufgewacht und mir kullerten nur so die Tränen die Wange entlang. Wie wenn da eine Verbindung bestehen würde, eine Kommunikation sogar. Mag sein, dass mein eigenes Gehirn auf diese Weise etwas verarbeitet hat, vielleicht ist es aber auch etwas, das sich dem Verstand entzieht – ich denke, das weiß ich erst dann, wenn ich es niemandem hier mehr sagen kann. Und dann gibt es etwas, was auch ganz viel wert ist: ich kann so gut es geht für mich selbst sorgen und damit ganz viel Liebe in den Himmel oder wohin auch immer schicken, dahin, wo die geliebte Seele jetzt ist, denn ich glaube, das ist ihr größtes Glück, dass ich gut auf mich aufpasse…

    Liebe Grüße
    Conny

    • Reply Silke 5. September 2017 at 23:17

      Ich freue mich, wieder von dir zu lesen, liebe Conny ♥
      Du hast sehr schöne Worte gefunden für das „im Herzen weiterleben“ und ich kenne diese bewegenden Momente selbst, in denen es total egal ist, was der Verstand wohl meint. Wie wundervoll, dass du diese Versöhnung nun erleben konntest und wieder ein bisschen mehr Frieden in dir entstehen konnte – so liest es sich für mich. Du hast recht, es ist wirklich wichtig, gut für sich selbst zu sorgen. In der allerersten Zeit, über die ich in dem Artikel geschrieben habe, ist das manchmal ein wirklich seltsamer Gedanke. Wie kann ich für mich sorgen wenn er oder sie doch tot ist? Aber zugleich ist es so wie du schreibst: Es ist eins der schönsten Dinge, die wir für sie tun können, wenn es uns hier im Leben gut geht.
      Ganz liebe Grüße zurück
      Silke

  • Reply Andreas 9. September 2017 at 23:26

    Es ist nicht wichtig wie oft man das Grab des geliebten Menschen besucht, oder welche Blumen man mitbringt. Ich denke es ist wichtig zu erkennen was dem geliebten Menschen wichtig war und an Herzen lag. Wichtig ist an den Menschen zu denken und von ihm zu sprechen. Dann ist er unserer Seite und gleich neben mir.
    Es gab eine Zeit, da wollten wir nicht wahr haben das der Tod schon bei seiner Arbeit ist, wir hatten ganz viel Hoffnung. Aber wir haben immer darüber gesprochen: „Was wäre Wenn“
    Und dabei habe ich bestätigt bekommen was meiner Frau wichtig ist. Und ich habe ihr versprochen noch viele unserer Pläne und Wünsche zu verwirklichen. Und es gelingt! Und wenn es gelingt dann sieht man auf einmal wohin und wie weit der Gedanke wirklich geht. Ich bin froh, dass es viele von diesen Versprechen gibt. Und, auch wenn ich nicht daran glaube, stelle ich mir manchmal vor das sie auf ihrer Zuckerwattewolke sitzt und sich freut.
    Ich lese Deine Artikel sehr gern und sie haben mir sehr geholfen. Danke
    Liebe Grüße Andreas

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