Hilfe annehmen
Hilfe in deiner Trauer

Hilfe annehmen – Warum das gar nicht so einfach ist

In unserer Kultur steht unsere Eigenständigkeit und auch dass wir gut “funktionieren”, arbeiten, am Leben teilhaben an ziemlich hoher Stelle. Zumindest für mich war es immer wichtig, grundsätzlich alleine klarzukommen, mein eigenes Geld zu verdienen, unabhängig und selbstständig zu sein, mein Leben irgendwie selbst im Griff zu haben. Abhängig von jemand anderem zu sein schien irgendwie gefährlich und sollte unbedingt vermieden werden. Klar, der Rat von Freunden ist hilfreich und dass man sich gegenseitig ein Stück weit unterstützt, aber letztendlich wird es dann doch oft als Schwäche angesehen, wenn man in unserer Gesellschaft an einen Punkt kommt, an dem man alleine nicht mehr weiterkommt. So versuchen wir oft noch eine Weile über diesen Punkt hinaus, es irgendwie alleine hinzukriegen. “Muss doch gehen”, denken wir uns und “Jetzt stell dich halt nicht so an, andere haben das schließlich auch geschafft.” Wir fühlen uns als Versager, wenn wir es dann doch nicht so vermeintlich gut schaffen wie die anderen. Zusätzlich zu der sowieso schon schwierigen Situation sind wir damit beschäftigt, uns irgendwie zusammenzureißen und allerletzte Kraftreserven auszuschöpfen, um doch noch so halbwegs alles in den Griff zu bekommen. Manchmal geht es am Ende irgendwie und manchmal führt dieser Umgang damit auch zum Zusammenbruch. In jedem Fall würde ich sagen, dass es ziemlich anstrengend ist.

Heute frage ich mich, woher das eigentlich kommt, was soll “schwach” daran sein, Hilfe von anderen anzunehmen? Wir alle werden in unserem Leben irgendwann mit Herausforderungen konfrontiert, die uns an unsere Grenzen bringen. Ich halte es mittlerweile eher für “stark” – wenn man überhaupt diese Wertung machen möchte -, das zu erkennen und sich auch selbst einzugestehen, dass man alleine nicht mehr weiterkommt. Das ist völlig okay und macht uns nicht zu schwächeren oder gar schlechteren Menschen. Im Gegenteil liegt darin womöglich sogar ein Geschenk, womöglich können wir mit Hilfe von anderen wachsen. Anstatt der so gefürchteten, vermeintlichen Abhängigkeit entsteht vielleicht eine ganz besondere Bindung, eine Nähe zu denjenigen, deren Hilfe wir zulassen können. So habe ich es zumindest erlebt und ich bin mittlerweile dankbar, dass ich es mehr und mehr schaffe, um Hilfe zu bitten und diese auch anzunehmen. Denn nicht nur helfen, sondern auch Hilfe annehmen ist oft gar nicht so einfach.

Diese Hilfe kann ganz unterschiedlich aussehen. Vielleicht schenkt uns jemand ein offenes Ohr, immer wieder, und wir dürfen uns demjenigen zumuten mit all unserer Trauer und unserem Schmerz. Vielleicht kommen Freunde oder Nachbarn und helfen beim Kochen, Putzen, Umräumen, Renovieren. Nach dem Tod eines geliebten Menschen sind oft schon die einfachsten Alltagsdinge eine Herausforderung. Das ist kein Zeichen von Schwäche oder “Versager-Sein”, sondern vielmehr ganz normal. Der Tod schmeißt uns aus der Bahn, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Nichts ist mehr wie es war und oft geschehen auf einen Schlag so viele Veränderungen in unserem Leben. Die Seele muss da erst einmal hinterherkommen und die Psyche ist voll und ganz damit beschäftigt, diesen Verlust zu begreifen.

Es kann in einer solchen Situation dann auch sein, dass es mehr braucht als Freunde, Nachbarn oder Familie. Das sage ich nicht aus reiner Theorie heraus, weil ich es in meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin gelernt habe, sondern weil ich es selbst so erfahren habe. In meinem letzten Artikel habe ich darüber geschrieben, dass alles möglich ist und wie sich Dinge doch verändern können, auch wenn wir nicht daran glauben. Nun möchte ich noch hinzufügen: Für mich wäre es ohne Hilfe von außen nicht gegangen. Ich weiß natürlich nicht, was gewesen wäre wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich heute nicht an diesem Punkt stehen würde, an dem ich stehe. Das heißt überhaupt nicht, dass es immer nötig wäre. Du weißt selbst am besten, was du brauchst. Und doch fällt es manchmal so schwer, sich selbst einzugestehen, dass es alleine nicht mehr weitergeht. Dafür schreibe ich diesen Artikel, um dir zu sagen: Das ist okay. Es ist okay, wenn du gerade nicht weiterkommst. Du darfst dir helfen lassen. Es ist auch okay, wenn das schwierig ist und du noch einen Moment brauchst, um wirklich diesen Schritt zu gehen. Vielleicht hast du das Gefühl, keinen Ort für deine Trauer zu haben oder nicht damit klarzukommen. Dann könnte eine Trauergruppe oder auch einzelne Trauerbegleitung möglicherweise hilfreich für dich sein. Gerne kannst du dir dazu auch mein Angebot ansehen und mich jederzeit kontaktieren, wenn du das Gefühl hast, dass dir das helfen könnte. Darüberhinaus kann es auch sein, dass eine Therapie für dich gut wäre. Auch das ist kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil, denn in der Therapie und auch in der Trauerbegleitung stellen wir uns unserer Trauer, unseren Themen und uns selbst. Das ist manchmal gar nicht so einfach und zugleich wird dir ein guter Therapeut oder Trauerbegleiter immer dabei helfen, diesen Weg zu gehen. Du musst ihn nicht alleine gehen.

Ich kann nur sagen, ich habe alles an Hilfe in Anspruch genommen, was ich finden konnte. Therapie, Trauerbegleitung, Trauergruppe und schließlich auch zwei Aufenthalte in einer Klinik. Auch heute nehme ich noch Hilfe von außen an, wenn ich das Gefühl habe, es ist gut für mich. Dabei habe ich auch so manches ausprobiert, was letzten Endes nicht so hilfreich war. Auch das ist okay und wichtig: Nur weil wir mit etwas angefangen haben, müssen wir es nicht weitermachen, wenn es uns am Ende nicht hilft. Ich bin mir ganz sicher, dass du tief in dir drin weißt, was es bräuchte und mag dich einfach mit diesem Blogartikel dazu einladen, dieser inneren Stimme zu folgen und dir das zu erlauben, was auch immer es sein mag.

Wie ist es für dich? Welche Art der Hilfe nimmst du in Anspruch und wie leicht oder schwer fällt es dir? Ich freue mich wie immer auf deine Kommentare.

 

   
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4 Kommentare

  • Reply Conny 16. Dezember 2016 at 20:42

    Liebe Silke,

    dein Artikel hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ich stimme dir völlig zu, dass es ein Zeichen von Stärke ist, um Hilfe zu bitte, dass es stark ist, auch mal schwach zu sein. Schwierig finde ich es aber gerade in dieser so anstrengenden und erschöpfenden Trauerzeit, überhaupt erstmal zu wissen, was die eigenen Bedürfnisse, auch die eigenen Grenzen sind, v.a. wenn man selbst eigentlich der Starke war, der Kraft geschenkt hat und jetzt durch den Verlust völlig desorientiert sich erst wieder finden muss. Woher weiß ich denn, was mir gut täte, wenn ich gerade gar nicht mehr so viel weiß, weil ich nicht mehr so richtig in mein altes Leben passe? Und wie wirkt meine Hilfsbitte, wenn ich denn mal weiß, was ich bräuchte, auf die anderen, die mich als die Starke kennen und vielleicht gar nicht mit der neuen Situation umgehen können, sich vielleicht sogar die Starke zurückwünschen? Meine Erfahrung bisher ist, dass ich mich durch die Trauer sehr geändert habe und nicht mehr so richtig zu den anderen passe, die in ihrer gewohnten Welt leben, aber ich lebe da nicht mehr so richtig. Vielleicht müssen wir unsere Hilfsbitten einfach vorsichtig versuchen und schauen, was die Reaktionen sind. Ich weiß auch gar nicht, wer mehr Angst hat, die anderen, die unsicher sind, weil sie es selbst nicht erlebt haben, oder ich. Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu wirr, aber das sind meine Gedanken zu deinem sehr schönen Text. Abstrakt stimme ich dir völlig zu, konkret bin ich etwas ratlos. Vielleicht ist es auch diese Zeit jetzt vor Weihnachten und vor Silvester mit all ihren besonderen Erinnerungen, diese Jahreszeit bräuchte ich gerade nicht wirklich.

    Liebe Grüße
    Conny

    • Reply Silke 17. Dezember 2016 at 5:50

      Liebe Conny,
      vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar und dass du mich und uns an deinen Gedanken zu meinem Artikel teilhaben lässt. Ja, es ist wahnsinnig schwer. Um Hilfe zu bitten ist eh schon oft nicht einfach und dann gerade zu Beginn der schwierigen Trauerzeit um ein vielfaches schwerer. Gerade weil es so viel Kraft kostet, die von der Trauer und dem Schmerz eigentlich komplett aufgebraucht wird. Für mich war das auch ein langer Prozess, was ich hier so „einfach“ klingend in einem Artikel zusammenfasse – gerade auch das Erkennen der eigenen Bedürfnisse, was tut mir gut, und wo sind eigentlich meine Grenzen. Es ist in der Tat ganz schwierig, damit umzugehen, was die Trauer aus uns macht. Wie du es beschreibst .. du warst vorher diejenige, die Kraft gespendet hat, und daran ist dein Umfeld bisher gewöhnt. Plötzlich bist du es, die nun Kraft und Hilfe von anderen benötigt. Das ist für beide Seiten schwierig und eine wirklich große Herausforderung. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es wichtig ist, darauf zu achten, wer dir nun gut tut. Auch das ist wieder leichter gesagt, als getan. Aber auch wenn es sich gerade für dich nicht so anfühlt, du dich ratlos und verloren fühlst, ich bleibe dennoch dabei, dass ich ganz fest daran glaube, dass du es ganz tief in dir drin schon weißt, was gut ist für dich und welche Menschen dir gerade gut tun. Diese Stimme in uns, die das bereits weiß, ist leider oft ganz ganz leise, aber sie ist immer da.
      Ich habe es für mich auch als hilfreich empfunden, irgendwann nicht mehr zu versuchen, schnell wieder die Alte zu sein oder vor meinen Freunden so zu tun als wäre ich es noch. Ich bin es nicht mehr. Manche konnten und können damit umgehen, andere leider nicht. Und dann kommen auf einmal ganz unerwartet an anderer Stelle neue Menschen in dein Leben, die für dich da sind.
      Ich finde deine Gedanken jedenfalls ganz und gar nicht wirr und verstehe deine Ratlosigkeit. Du bist gerade in einer sehr schwierigen Situation, in der alles, was vorher galt, in Frage gestellt oder gleich ganz umgeschmissen wurde. Es braucht Zeit, um Stück für Stück wieder Land sehen zu können. Vielleicht kannst du aus diesem Artikel für dich erstmal nur die kleine Idee mitnehmen, dass Hilfe annehmen okay ist, auch wenn du vorher immer diejenige warst, die anderen Kraft gegeben hat. Mir ging es in dem Artikel vor allem darum, einmal über die andere Seite zu schreiben. Nicht nur, wie andere Trauendern helfen können, sondern auch den Aspekt beleuchten, dass es eben auch für denjenigen, der Hilfe angeboten bekommt, nicht immer leicht ist, diese anzunehmen. Ich danke dir sehr, dass du mich mit deinem Kommentar noch auf einige weitere Aspekte dazu aufmerksam gemacht hast. Ich denke, davon wird noch etwas in weitere Artikel einfließen 🙂 Vor allem einen Artikel über Weihnachten wird es hier noch bald geben. Ich wünsche dir einfach ganz viel Kraft für diese sehr schwierige Zeit und umarme dich aus der Ferne, wenn du das möchtest.
      Herzliche Grüße
      Silke

  • Reply Romanleserin 17. Dezember 2016 at 17:14

    Liebe Silke,

    dein Blog ist so ein Wohltat, ich lese deine Artikel gerne, ich finde mich darin wieder und vorallem: ich fühle mich verstanden!

    Ja, Hilfe annehmen und Hilfe suchen ist schwer und doch so heilsam. Ich habe es als heilsam erlebt und erlebe es noch als heilsam.

    Oft denke ich dann ein Zitat von Astrid Lindgren:

    Lange saßen sie dort und hatten es schwer.
    Aber sie hatten es gemeinsam schwer und das war ein Trost.
    Leicht war es trotzdem nicht.

    Aus „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren

    Das alles ist allerdings eine Haltung die selten ist in unsere Gesellschaft, viel zu oft werden wir angehalten zu urteilen und zu fordern. Wenn mich die Trauer etwas gelehrt hat, dann das man nie wissen kann was ein Mensch schon für Verluste erlitten hat und welche Kämpfe er geführt hat mit sich selbst und seinem Leben.

    Mich selbst hat die Trauer leiser gemacht, sie ist und war ein strenger Lehrer zum Thema Selbstfürsorge. Sie hat mich weicher gemacht und sie hat ein großes Stück meiner äußerlichen Stärke aufgelöst. Die Trauer hat mich empfindsamer gemacht und gefühlvoller, nicht immer sichtbar im Außen, innerlich allerdings spüre ich es sehr oft und staune darüber.

    Weihnachten, das erste Weihnachten nachdem schrecklichen Sommer, nachdem Aufprall im Nichts…ich habe mich so sehr gewehrt gegen dieses Fest, ich habe es verflucht und es erschien mir sinnlos. Wieso soll ich Weihnachten feiern ohne unsere Kinder? Noch immer überkommt mich wellenartig der Schmerz darüber und noch immer zerspringt mein Herz in sovielen Momenten in tausned Stücke, ganz leise nur für mich im Inneren spürbar. Es schnürt mir meine Kehle zu, mir fehlen die Worte und doch bleibt am Ende immer auch die Wärme vom Weihnachtsfest, der Glanz dem ich mich irgendwie nicht entziehen kann…

    Dann ist da mein Mann, wir stehen im Kinderzimmer und plötzlich sprudelt es aus mir heraus: das ist der schlimmste Ort im ganzen Haus für mich, ich ertrage dieses Zimmer kaum und er zieht mich an sich und sagt nur „es geht mir genauso“ und alleine dadurch wird es ein bisschen leichter.

    Ich danke dir sehr für deinen Blog, für den Raum in dem ich aufschreiben kann was für andere Menschen oft ein „nichts“ ist!

    Fühl‘ ich herzlichst gegrüßt und einen schönen vierten Advent wünsche ich dir!

    • Reply Silke 21. Dezember 2016 at 7:18

      Liebe Romanleserin,
      ich danke dir vielmals für deinen lieben Kommentar! Es freut mich wirklich sehr, dass du dich in meinen Artikeln wiederfinden kannst und dich dadurch ein wenig verstanden fühlst.
      Das Zitat von Astrid Lindgren mag ich sehr gerne. Genau das ist es und oft nichts mehr, was es braucht. Gemeinsam dasitzen und es eine Weile lang gemeinsam schwer haben. Ohne zu versuchen, irgendetwas besser zu machen, ohne irgendetwas wegmachen zu wollen.
      Selbstfürsorge ist ein so wichtiges Thema, immer und besonders in Zeiten der Trauer. Zugleich ist es wie du schreibst: Wir lernen etwas anderes in unserer Gesellschaft. Urteilen und fordern, auch von uns selbst.
      Das erste Weihnachten nach deinem schrecklichen Verlust .. Es tut mir sehr leid, dass du das nun erleben musst. Ich finde es so berührend und schön wie du in deinem Kommentar allen damit verbundenen Gefühlen Raum gibst. Dem Schmerz, der Fassungslosigkeit, der Traurigkeit darüber, dass du Weihnachten nun ohne eure Kinder feiern musst. Und dann trotzdem auch die Wärme des Weihnachtsfestes. Ich wünsche dir von Herzen, dass du etwas von dieser Wärme in deinem Herzen spüren kannst an den Feiertagen, so traurig und schmerzhaft sie zugleich sein werden.
      Ich schicke dir eine liebevolle Umarmung, wenn du magst, und wünsche dir ganz viel Kraft für diese Zeit.
      Herzliche Grüße
      Silke

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