Freundin verloren
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Auch meine Freunde haben ihre Freundin verloren

Vor einiger Zeit habe ich in diesem Artikel darüber geschrieben, dass ich nie mehr die Alte sein werde und dass das auch gut so ist. Julians Tod hat mich verändert und es war ein langer Weg, dies selbst zu begreifen und zu akzeptieren. Ich musste diese neue Silke erst einmal kennenlernen, herausfinden, was ich nun mag, wer ich bin, was mich ausmacht und woran ich glaube. Es gab keine andere Wahl, ich konnte nicht mehr die Alte werden. Zu viel hatte sich geändert, zu viel hatte ich gesehen. Heute will ich gar nicht mehr diese alte Silke sein. Erst vor kurzer Zeit habe ich die andere Seite dessen verstanden: Auch meine Freunde haben ihre Freundin verloren damals. Die Silke, mit der sie gerne zusammen waren, gemeinsame Hobbys und Gesprächsthemen teilten, diese Silke gab es nun nicht mehr. Und wie man mit dieser neuen Silke umgehen sollte, das wussten auch sie nicht. Es ist schwer, wenn nach dem Tod eines geliebten Menschen das Umfeld weg bricht, wenn wir so viele weitere Verluste erleben und uns vielleicht ganz alleine und verlassen fühlen in dieser Welt. So ging es mir nach Julians Tod. Aber ich möchte auch die andere Seite betrachten. Auch unsere Freunde erleben einen Verlust. Mindestens einen, denn häufig haben sie ja auch die Verstorbenen gekannt. Und manchmal passt das, was vorher scheinbar so klar verbunden schien, nach diesen großen Veränderungen nicht mehr zusammen. Manchmal ist die Basis dessen, was uns verband, vielleicht einfach verschwunden. Und manchmal braucht es ein wenig Zeit. Oder auch ein wenig mehr. Bis wir doch wieder einen Schritt aufeinander zugehen können. Weil jeder für sich Zeit braucht, sich mit dem Verlust und der damit einhergehenden Trauer auseinanderzusetzen.

Viele meiner Freundschaften sind zerbrochen in dieser Zeit. Die einen haben sich zurückgezogen, bei den anderen habe ich mich selbst irgendwann nicht mehr gemeldet. Manchmal gab es einfach nichts mehr zu sagen. Nach einem Todesfall bleibt es oft nicht bei diesem einen, schweren Verlust. Meist zieht er weitere Verluste nach sich, eine große Veränderung, die sich im gesamten Leben breit macht. Ich habe wirklich lange damit gehadert, länger noch als mit Julians Tod selbst. Den konnte, ja musste ich irgendwann annehmen. Er ließ sich doch nicht ändern, es blieb mir keine andere Wahl als ihn zu akzeptieren. Mit dem Tod verhandelt es sich eben nicht so gut. Die Reaktion von Freunden hingegen, die wollte ich nicht verstehen, die konnte ich lange nicht annehmen. Zu weh tat es, wie schrecklich alleine ich mich oft fühlte, wie sehr verlassen ich mir vorkam in dieser Welt. Immer wieder fragte ich mich, warum es so kommen musste. Es fühlte sich so an, als wäre ich meinen Freunden nicht genug wert gewesen, ja manchmal fast als wäre es allen egal, wie sehr ich leide. Dabei habe ich mich viel um mich selbst gedreht. Und manchmal war ich einfach nur wütend. Heute weiß ich, dass diese Wut ein ganz natürliches Gefühl in der Trauer ist. Ein Gefühl, das viele Trauernde erleben und das sich gegen unterschiedliche Menschen und Dinge richten kann. Es ist okay, diese Wut zu fühlen. Und irgendwann ist es dann auch gut, zu schauen, worauf wir denn eigentlich so wütend sind. Und dann die andere Seite zu betrachten, um Frieden zu finden und im Hier und Jetzt anzukommen.

Es kamen neue Menschen in mein Leben und Menschen, die mir früher nicht so nah standen, waren auf einmal an meiner Seite. Und dann habe ich vor allem gelernt, mir selbst wirklich zur Seite zu stehen. Mir selbst eine wirklich gute Freundin zu werden. Zuallererst für mich gut zu sorgen. Es mag egoistisch klingen, weil wir das so nicht lernen. Aber ich glaube, wenn jeder von uns wirklich gut für sich selbst sorgt, dann können wir uns auch ganz anders begegnen. Das heißt nicht, dass wir nicht füreinander da sind, aber wir geben uns auch nicht gegenseitig füreinander auf. Ich habe mich sehr verändert in den letzten Jahren. Erst jetzt habe ich verstanden: Niemand muss diesen Weg mit gehen. Es ist meiner und es ist mein Schicksal. Lange dachte ich, die anderen hätten doch mitgehen, sich mit mir verändern können. Aber das stimmt nicht. Auch sie können und konnten genauso wenig anders sein wie ich. Wenn ich von ihnen verlange, dass sie das akzeptieren und mich so annehmen, wie ich bin, dann muss ich ihnen das umgekehrt auch eingestehen. Ich bin damals aus der Welt gefallen und wer bin ich, von irgendwem zu erwarten, die eigene Welt ebenfalls zu verlassen? Sie wollten mich gerne zurück in ihrer Welt haben und ich wünschte mir, sie sollten in meine kommen. Beides war unmöglich. Niemand sonst hat erlebt, was ich erlebt habe. Für alle anderen ging die Welt doch tatsächlich genau so weiter wie vorher. Sie konnten gar nicht sehen, fühlen oder gar verstehen, was ich erlebte. Verzweifelt habe ich immer wieder versucht, es irgendwie zu vermitteln. Und das auch noch in einer Zeit, in der mir eigentlich alle Worte fehlten. In der ich noch gar nicht über das, was wirklich in mir vorging, reden konnte. Eine Zeit, in der ich überflutet war von Gefühlen, die mich völlig überforderten. Eine Zeit, in der ich mich selbst überhaupt nicht kannte. Ich erwartete, dass mein Umfeld sich nun auch mit dem Tod auseinandersetzen sollte. War enttäuscht, wenn sie so tun wollten, als sei nichts geschehen. Dabei habe ich übersehen, sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Wenn sie diese Auseinandersetzung gerade nicht wollen oder können, wer bin ich dann, darüber zu urteilen? Ich war nicht mehr die Alte und es kamen neue Leute, die mit der neuen Silke etwas anfangen konnten. Wer weiß, vielleicht hätten sie die alte Silke überhaupt nicht gemocht. Die Menschen, die wirklich mitgegangen und geblieben sind, habe ich immer als besonders wertvoll erlebt. Dabei habe ich übersehen, dass die Zeit, die wir gemeinsam hatten, immer wertvoll bleiben wird. Egal ob wir heute noch befreundet sind oder nicht.

Verstanden habe ich das erst, als irgendwann eine Freundin zu mir sagte: „Weißt du, ich habe doch auch meine Freundin verloren damals.“ Erst da wurde mir bewusst, dass der Verlust nicht bloß auf meiner Seite lag. Die anderen haben auch Julian verloren. Und sie haben auch mich verloren. Die Silke, die sie kannten und mit der sie gerne ihre Zeit verbrachten, gab es so nicht mehr. Diese Silke war nur noch ein Schatten ihrer Selbst, konnte die gemeinsamen Aktivitäten nicht mehr ertragen, erinnerte an die eigene Angst vor dem Tod und machte unsicher. Unsicher, wie man wohl mit so einem Menschen umgehen soll, der so etwas erlebt hat. Wie hätte ich mich wohl verhalten, wenn es nicht mich, sondern eine Freundin von mir getroffen hätte?

Es ist ein großes Thema, das mit der Freundschaft. Was bedeutet Freundschaft, was heißt füreinander da sein wirklich? Wie viel verlangen wir von anderen, was diese vielleicht im Moment gar nicht erfüllen können? Wie siehst du das und wie hast du es in deiner Trauer erlebt? Ich freue mich wie immer auf deine Kommentare dazu.

Meine ganze Geschichte kannst du übrigens bald in meinem ersten Buch nachlesen:

Zwischen den Welten - Silke Szymura

Zwischen den Welten – Eine wahre Geschichte über den Tod, die Liebe und das Leben

Taschenbuch, 314 Seiten
ISBN: 978-3-944648-83-5
Preis: 12,90 Euro inkl. MwSt., zuzüglich Versand

Erscheinungsdatum: 10. November 2017
Erhältlich hier und bald auch überall, wo es Bücher gibt.

Wenn du ein signiertes Buch haben möchtest, schreibe mir gerne deine Bestellung an silke@inlautertrauer.de

 

 

   
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1 Kommentar

  • Reply Barbara 9. November 2017 at 18:01

    Liebe Silke,

    ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und würde fast noch ein wenig weitergehen: es geht hier auch ein Stück um die Familie. In meinem Todesfall (mein Vater ist gestorben) wurde mir nach und nach auch bewusst, dass meine Mutter ja auch ihren Mann, meine Schwester auch ihren Vater verloren hat, aber dies nicht immer heißt, dass man näher zusammenrückt oder das Schicksal einen verbindet. Viele Freunde sind abgerückt und haben sich entfernt. Viele halten die Trauer nicht aus und ganz ehrlich: ich kann das auch verstehen, denn ich halte sie ja manchmal selber kaum aus….

    Mit lieben Grüßen Barbara

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