Freudlos
Trauer & Spiritualität

Freude empfinden – Wie soll das überhaupt jemals wieder gehen?

Als ich heute morgen über die Freude und darüber, dass es besser wäre, sich nicht zu spät zu freuen, geschrieben habe, habe ich auch gespürt, dass es für dich vielleicht gerade ganz unpassend ist, etwas über die Freude zu lesen. Freuen, das ist so eine absurde Vorstellung, wenn gerade erst ein lieber Mensch gestorben ist. Alles scheint so traurig, trostlos und schmerzhaft, was soll es da überhaupt geben, worüber ich mich freuen könnte? Und selbst wenn ich es könnte, wäre das nicht total unangemessen, ja sogar absolut unfair dem Verstorbenen gegenüber? Wie kann ich mich einfach so freuen, wenn er doch tot ist und niemals mehr die Möglichkeit zur Freude haben wird?

Das ist wirklich schwierig. Ich kenne dieses schlechte Gewissen. Wenn mir anfangs mal ein kleines Lächeln oder gar ein richtiges, kurzes Lachen “passiert” ist, dann habe ich mich immer direkt sehr schlecht gefühlt. Darf ich das überhaupt? Wie kann ich hier lachen, wenn Julian einfach tot ist? Eigentlich müsste ich immerzu traurig sein, alles andere würde doch bedeuten, dass ich ihn vergessen, hintergangen, verraten habe. Wenn er nicht mehr lachen darf, dann darf ich das doch erst recht nicht. Es ist ja schon ungerecht genug, dass ich noch leben darf und er nicht mehr.
Heute sehe ich das ganz anders. Ich sehe den Tod nicht mehr als etwas komplett endgültiges an, etwas, dass das Leben und alle Freude für immer beendet. Endgültig auf dieses aktuelle Leben bezogen, ja, aber ich bin überzeugt davon, dass es für unsere Lieben weitergeht. Der Tod ist nur das Ende unseres jetzigen Lebens hier auf dieser Erde. In vielen Kulturen ist es so, dass neben der natürlich vorhandenen Traurigkeit um den Verlust des lieben Menschen in diesem Leben auch sein Weiterziehen, sein Übergang in eine andere Welt oder ein neues Leben gefeiert wird. Wenn etwas in diesem Leben nicht erlebt werden konnte, dann ist es vielleicht im nächsten Leben dran. Ich habe mittlerweile nicht mehr das Gefühl, dass es für Julian ausschließlich ein schreckliches Schicksal war, so früh gehen zu müssen. Das scheint mir eine recht einseitige, ganz auf unser aktuelles Leben hier auf der Erde beschränkte, Sicht zu sein. Sicher, er hatte nicht vor zu sterben und er hat das Leben hier geliebt. Es hätte noch ganz vieles gegeben, was er gerne erlebt hätte, was er vorhatte, was wir auch gemeinsam vorhatten in diesem Leben. Er hatte keine Zeit Vater zu werden, Opa oder gar Uropa. Das ist traurig. Und zugleich fühle ich, dass es so sein sollte und alles auch gut so war wie es gekommen ist für ihn. Seine Seele hat alle Erfahrungen gemacht, die sie hier in diesem Leben machen wollte, dann ist sie weitergezogen. Ich weiß nicht genau, wo er gerade ist, aber ich spüre, dass es ihm dort gut geht, dass er voller Freude und Liebe ist. Ich muss mich also nicht schlecht fühlen, wenn ich das ebenfalls bin, da wo ich jetzt bin. Vielleicht kann ich sogar ein bisschen Freude hier für ihn erleben, weil er es eben hier in diesem Leben nun nicht mehr kann.
Das heißt im Gegenzug aber natürlich nicht, dass es mir jetzt auch immer gut gehen muss, nur weil ich denke, dass es ihm gut geht. Oft hören wir schon recht schnell nach dem Verlust eines lieben Menschen den Spruch “Er hätte doch gewollt, dass es dir gut geht!”. Stimmt, das hätte er definitiv. Aber er hätte eben auch nicht sterben wollen und vor allem: er hätte und hat großes Verständnis dafür, wenn es mir erst einmal schlecht geht, wenn ich keine Freude empfinden kann und meine Zeit der Trauer um ihn brauche. Wer weiß, ob es für ihn in der ersten Zeit nach seinem Tod und der körperlichen Trennung von allen seinen Lieben nicht auch sehr schwierig war. Wir wissen es einfach nicht sicher, können nicht mehr ganz direkt mit ihm darüber reden. So darf es dir jetzt schlecht gehen und zugleich darfst du auch Freude empfinden – alles zu seiner Zeit. Vielleicht kannst du das gerade nicht annehmen und mein Text erscheint dir sogar total daneben. Das ist okay. Es ist meine Erfahrung, meine Wahrnehmung und es kann bei dir ganz anders sein. Es ist okay, wenn du dir die Freude gerade nicht erlauben magst, wenn das schlechte Gewissen dich dabei plagt. Ich glaube trotzdem fest daran, dass sie irgendwann wieder ganz langsam in dein Leben zurückfinden wird. So wie sie es bei mir eben auch getan hat, obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte und eigentlich auch nicht wollte.

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7 Kommentare

  • Reply Sandra 26. Mai 2017 at 17:24

    Ein schwieriges Thema. Ich kann mich wieder freuen, aber es hat immer einen schwarzen Fleck. Auch mein glückliches sein hat die Trauer an der Hand. Immer wenn ich mich aus vollsten Herzen freue, zwickt es in mir. Ich kann es nicht mehr mit ihr teilen. Das fehlt sehr und schmälert jede Freude und glücklich sein. Dennoch bin ich es und will nirgendwo anders hin.

    • Reply Silke 26. Mai 2017 at 17:35

      Danke dir für deinen Kommentar, liebe Sandra.
      Ja, es ist wirklich sehr schwierig. Die Freude verändert sich durch einen Verlust und das kleine Zwicken gehört vielleicht von jetzt an dazu. Vielleicht verändert es sich auch noch einmal, wer weiß. Es ist und bleibt für immer traurig, dass du deine Freude nicht mehr mit ihr teilen kannst.
      Alles Gute für dich und liebe Grüße
      Silke

  • Reply Rose 26. Mai 2017 at 18:09

    Ich empfinde es oft so, dass die Freude einen „Grauschleier“ hat. Es gibt keine unbeschwerte Freude mehr, seit meine Tochter vorausgehen musste….. Ich kann meine Freude nicht mehr mit ihr teilen, jedenfalls nicht so, wie ich es gewohnt war und wie ich es gerne möchte.

  • Reply Hanna 26. Mai 2017 at 19:12

    Bei mir ist es ähnlich, es sind beide Gefühle gleichzeitig: Freude und Trauer. Ich lache mit meinem Sohn und bin dabei unsagbar traurig, dass ich diesen Moment nicht mit meinem Mann teilen kann.

  • Reply Andreas 29. Mai 2017 at 23:13

    Interessant, das Thema erzeugt bei mir ganz tiefe Gefühle. Als meine Frau gestorben ist waren noch ganz viele gemeinsame Träume, Ideen und Ziele offen. Wir wollten sie gemeinsam erleben und erfüllen.
    Ich freue mich heute darüber, wenn es mir gelingt Teile davon zu erreichen. Es ist nicht immer einfach nur Freude zu empfinden, manchmal kommt auch der Anflug dieser Traurigkeit. Ich lass sie zu, ich lass aber nicht zu dass sie meine Freude zerstört.
    Freude habe ich bei Erlebnissen, die ich vor dem Tod von Ilona nicht erlebt habe weil ich sie für nicht so wichtig gehalten habe. Beispielsweise wenn ich einem Menschen im Rollstuhl aus der Straßenbahn helfe, die Dankbarkeit die mir da entgegen kommt freut mich auch. Und gleichzeitig kommt auch der Gedanke hoch, dass ich vor sieben Monaten noch meine Frau selbst mit dem Rollstuhl gefahren habe. Das macht traurig aber zaubert auch ein kleines Lächeln ins mein Gesicht. Und so ist es bei vielen Gedanken unseres gemeinsamen Lebens. Und es ist immer klar, es wird nie wieder ein gemeinsames Erleben, für meine Frau und mich geben. Aber allein der Gedanke daran, das diese liebe, starke und lustige Frau mit mir viele schöne Jahre geteilt hat, ist ein Gefühl großer Freude.
    Gruß Andreas

  • Reply Andreas 5. Juni 2017 at 23:49

    Liebe Silke,
    in der vergangenen Woche habe ich mich erstmals, nach dem Tod meiner Frau, so richtig gefreut.
    Im letzten Jahr, als die Hoffnungen mal wieder ganz oben waren, und wir uns damit arrangiert dass Ilona eben nur noch ein Bein hat, habe ich beim Schwimmen eine junge Frau kennen gelernt die ebenfalls ohne linken Bein war. Ich habe sie nach dem Schwimmen angesprochen und es stellte sich heraus das sie den selben scheiß Krebs hat wie meine Frau. Sie hat dann angeboten sich mit meiner Frau in Verbindung zu setzen. Meine Frau hat sich über diesen Anruf total gefreut.
    Jedenfalls habe ich diese Frau schon eine Weile nicht mehr beim schwimmen gesehen. Ich habe dann die Rettungsschwimmerin gefragt und habe die Antwort erhalten dass diese nette Frau immer noch regelmäßig schwimmen geht. Ich war sehr froh, dass es ihr gut geht und ich die Gelegenheit habe mich bei ihr zu bedanken.
    Die Freude am Leben wird wieder stärker. Nicht das Leben ist schwer, sondern das Alleinleben. Und um das zu ändern, dafür reicht die Lebensfreude noch nicht aus.
    Liebe Grüße Andreas

  • Reply Miriam 20. August 2017 at 22:37

    Danke liebe Silke, für diesen schönen Artikel. Ja, ich empfinde es auch so, dass er sich freuen würde, wenn es mir hier gut geht. Andererseits fällt es unheimlich schwer wie Du selbst schreibst. Besonders schwer auch weil dann immer die Gedanken kommen wie es zu zweit schöner war und was alles nicht mehr war und schrecklich am Ende. Aber wir leben im Jetzt und können Verpasstes nicht mehr nachholen. Ein tröstender, hoffnungsgebender Gedanke von Dir, dass es vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal für den anderen oder vielleicht sogar gemeinsam möglich sein könnte. Früher habe ich auch viele Dinge alleine gemacht und mich immer gefreut bei dem Gedanken, Du hast einen Seelenverwandten und der wohnt in …. Straße. Eigentlich wäre es schön und meiner Ansicht nach auch richtig, wenn es so weitergehen könnte. Aber dann muss ich eben auch daran denken, wo er nun nicht mehr ist, was geschah und bin geschockt. Herzlichen Gruß, Miriam

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