Freude
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Freu dich lieber nicht zu spät

Wenn wir über Gefühle sprechen und wie wir mit ihnen umgehen können, dann meinen wir oft die negativen Gefühle, die, die uns Leid verursachen und mit denen wir daher einen heilsameren Umgang suchen. Doch wie gehen wir eigentlich mit unserer Freude um? Oft wird auch die Freude nicht wirklich gefühlt. Wenn etwas richtig gutes passiert, dann sagen wir Sätze wie “Freu dich bloß nicht zu früh” und versuchen uns und andere damit vor Enttäuschungen oder Verletzungen zu schützen. Ich sage, es wäre schön, wenn wir uns lieber nicht zu spät freuen.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft ungewiss, alles was wir wirklich haben ist genau dieser Augenblick im Hier und Jetzt. Wenn ich mich jetzt nicht freue, wann dann? Für das, was in der Zukunft geschieht, ist es völlig egal, ob wir uns jetzt heute ausgiebig freuen oder nicht. Vielleicht wird die Freude morgen schon getrübt, weil uns das, worüber wir uns freuen, wieder genommen wird. Wer weiß das schon. Es lässt sich jedenfalls nicht davon beeinflussen, ob wir uns heute freuen oder nicht. Wollen wir dann nicht wenigstens heute die Chance nutzen, uns ausgiebig und aus tiefstem Herzen zu freuen, still für uns oder vielleicht sogar gemeinsam mit anderen?
Gerade gestern war ich auf einem Vortrag über Emotionen von dem tibetischen Arzt Dr. Namgyal Phunrab im Tibethaus in Frankfurt. Er hat beschrieben, dass es aus seiner Sicht in jeder Emotion einen positiven und einen negativen Aspekt gibt. Wenn unsere Freude über etwas zu einem “behalten wollen” führt, zu einer Anhaftung wie die Buddhisten es nennen, dann ist das negativ. Wenn ich heute eine schöne Blume sehe, dann möchte ich sie vielleicht morgen wieder sehen. Aber was ist, wenn sie dann morgen nicht mehr da ist? Alles, was wir wissen, ist, dass sie heute schön ist und uns erfreut. Dann liegt es doch nahe, auch genau diesen Moment zu nutzen, um uns darüber zu freuen, anstatt darüber nachzudenken, wie wir sie morgen wieder haben können oder dass sie sowieso irgendwann verschwunden sein wird und wir also lieber gar nicht erst hingucken, um dann nicht enttäuscht zu werden. Als ich im letzten Jahr eine Email von meinem Verlag erhalten habe, dass sie mein Buch drucken wollen, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Es war nur diese Email, es gab noch keinen Vertrag, noch kein Gespräch, nur diese Email. Es konnte also noch alles schiefgehen. Mir war das egal, weil es einfach in diesem Moment absolut überwältigend gut war, dass sie mein Buch drucken wollen. Ich bin durchs Haus gehüpft und habe allen lieben Menschen um mich herum davon erzählt. Von manchen habe ich gehört, dass ich lieber aufpassen soll, noch mal genau prüfen, was für ein Verlag das ist und wer weiß, ob am Ende ein Vertrag zustande kommt und überhaupt. Aber wann hätte dann die Freude ihren Ausdruck finden dürfen? Nach Unterschrift des Vertrages? Da hätte es sicher auch gute Gründe gegeben, lieber noch zu warten, schließlich musste ich das Buch ja erst noch schreiben. Bis heute ist es nicht fertig, also wären jetzt schon Monate ins Land gegangen, ohne dass ich mich gefreut hätte. Und wenn es fertig ist, vielleicht sollte ich mich dann lieber auch nicht freuen, schließlich kann es ja sein, dass es dann niemandem gefällt. Wann also dürfte ich mich wirklich “in Sicherheit” freuen? Wenn die ersten Exemplare verkauft wurden? Ab wie vielen Exemplaren darf man sich dann freuen? Sobald ich anfange, darüber nachzudenken, wird es ganz schön kompliziert. Ich freue mich lieber einfach in dem Moment, der gerade da ist, unabhängig davon was in der Zukunft daraus entstehen wird. Und sollte dann tatsächlich etwas unerfreuliches, vielleicht sogar ganz negatives daraus entstehen, dann kann ich immer noch in diesem Moment, der dann die Gegenwart sein wird, genau die Gefühle fühlen, die dann eben da sind.
Julian wusste bereits um diese einfachen Wahrheiten, vielleicht ganz unbewusst. Er nutzte die scheinbar kleinen Gelegenheiten im ganz normalen Alltag zur Freude. Als wir in Frankfurt zusammenlebten und uns jeden Tag sahen, sagte oder schrieb er mir immer auf dem Heimweg von der Arbeit, dass er sich freut, mich abends zu sehen. Ich fand das damals irgendwie übertrieben, schließlich sahen wir uns doch eh jeden Tag. Ich konnte es nicht immer erwidern. Klar habe ich mich gefreut, aber muss man das ständig sagen und ist es nicht ganz normal? Heute weiß ich: man kann es gar nicht oft genug sagen. Denn es ist kostbar, jeder einzelne Moment mit einem lieben Menschen ist kostbar. Jeder Moment, der uns auf irgendeine Art Freude bereitet, ist kostbar. Wenn wir die Freude immer auf später verschieben, ist vielleicht am Ende nicht mehr viel davon übrig. Dann blicken wir auf ein Leben zurück, in dem wir uns immer möglichst vor Enttäuschungen geschützt haben, in dem es aber auch wenig Freude gab. Ist es das wirklich wert?

   
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2 Kommentare

  • Reply Anja 27. Mai 2017 at 21:43

    Liebe Silke,
    dein Beitrag bewegt mich sehr… Wie ist das mit dem „Freuen“? Darf man das? JA, natürlich… Und genau dann, wenn das Gefühl hoch kommt.
    Ich hatte oft Hemmungen, mich zu freuen oder mich gar glücklich zu fühlen… Aber wem hilft das? Die Verstorbenen macht es nicht noch „mehr tot“, sie wissen, wie groß der Schmerz gleich direkt neben der Freude und dem Glück ist…
    Langsam, Stück für Stück habe ich annehmen können, dass es Dinge oder Ereignisse gibt, die mir Freude bereiten. Menschen, die mich glücklich machen… Wie toll, wie lebendig ist dieses Gefühl?! Raus damit! Ich habe eher das Gefühl, ich bin es Andreas „schuldig“, weiter zu machen. Das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich darf hier bleiben… Er nicht. Schuld ist hier ein so großes Wort, aber du verstehst sicher, was ich meine… Ich bin hier, ich lebe! Das ist schön! Jetzt!
    Im nächsten Augenblick kann der Anlass zur Freude vergangen sein, warum sollte man das verschenken?
    Gerade als Trauernde sollten wir diese Augenblicke sammeln und sie volle Pulle genießen. Aus der Leichtigkeit Kraft schöpfen für die Momente, in denen alles grau und trostlos ist. Wir brauchen dieses Hochgefühl, um die Tiefen ertragen zu können, finde ich.
    Deine Erzählung von Julians Botschaften berührt mich sehr, liebe Silke. Wie wunderbar, dass er seine Liebe und Freude so geäußert hat… und wie normal, dass du das manchmal irgendwie befremdlich fandest. Wie oft versinken wir im Alltag in Selbstverständlichkeiten… Das danke ich dem Tod, dass er mir diese Selbstverständlichkeit genommen hat und ich genauer spüre und wahrnehme, was wichtig ist… Ja, und es äußere und zeige!
    Danke für diesen schönen Gedankenanstoß!
    Herzlichen Gruß,
    Anja

    • Reply Silke 27. Mai 2017 at 22:00

      Danke dir, liebe Anja, für deinen ausführlichen Kommentar und dass du mich und uns hier an deinen Gedanken teilhaben lässt.
      Ich kenne das, was du schreibst, nur zu gut. Diese Frage, ob man das denn eigentlich darf, das Freuen und am Ende sogar glücklich sein, zumindest für den Moment. Und ich stimme dir aus ganzem Herzen zu: JA, wir dürfen das. Unsere Lieben können sich nicht mehr erfreuen an diesem Leben, aber wir können es noch und ja, wir können es auch für sie miterleben.
      Ach eigentlich gibt es deinen Worten nichts mehr hinzuzufügen ♥
      Ganz herzliche Grüße zurück
      Silke

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