Feiere was du hast
Meine Trauer

Feiere was du hast – auch wenn ich es nicht mehr habe

Es kann so furchtbar schmerzhaft sein. Andere Paare zu sehen, die gemeinsam durchs Leben gehen. Zu sehen, wie sie mit ihren Kindern an der Hand durch die Stadt spazieren. Wie so viele Menschen genau das haben, was mir genommen wurde. Ja, in der ersten Zeit der Trauer hat das unendlich weh getan und war manchmal kaum zu ertragen.

Aber weißt du, was noch viel schmerzhafter für mich ist? Menschen, die all das haben und es nicht wertschätzen. Von Anfang an fand ich streitende Paare deutlich schlimmer als glücklich verliebte. Kaum auszuhalten war es für mich, wenn zwei Menschen, die sich beide noch haben, sich gegenseitig das Leben schwer machen.

Schon länger habe ich nach Worten gesucht, die das ausdrücken, was ich empfinde. Jetzt endlich habe ich sie in einem Buch gefunden: In “Daring greatly – How the courage to be vulnerable transforms the way we live, love, parent and lead” beschreibt die amerikanische Forscherin und Bestsellerautorin Brené Brown drei Dinge, die sie von Menschen, die großes Leid erlebt haben, über Freude gelernt hat. Eines davon ist:

“Sei dankbar für das, was du hast. Wenn ich Menschen, die ein schweres Schicksal überlebten, gefragt habe, wie wir mehr Mitgefühl für Menschen, die leiden, entwickeln und zeigen können, war die Antwort immer die gleiche: Schrecke nicht zurück vor der Freude über dein Kind, weil ich meines verloren habe. Sieh was du hast nicht als selbstverständlich an – feiere es. Entschuldige dich nicht für das, was du hast. Sei dankbar dafür und teile deine Dankbarkeit mit anderen. Sind deine Eltern gesund? Sei begeistert. Lass sie wissen, wie viel sie dir bedeuten. Wenn du würdigst was du hast, würdigst du was ich verloren“ habe.”

Ich habe es dreimal hintereinander gelesen, weil es mich so bewegt hat. Ja, genau das! Genau das ist es.

When you honor what you have, you’re honoring what I’ve lost.

Besser hätte ich es nicht in Worte fassen können. Macht euer Glück nicht klein, tut nicht so, als wäre es nichts wert. Denn wenn euer Glück nichts wert ist, dann war es meins auch nicht. Lasst mich teilhaben, auch wenn es manchmal schwer ist. Gebt mir die Möglichkeit, Mitfreude zu üben. Manchmal wird es mir nicht gelingen. Manchmal wird es doch weh tun, wird das Vermissen größer sein als die Mitfreude. Und dennoch: Bitte schont mich nicht, indem ihr so tut, als wäre es nichts wert, jemanden an eurer Seite zu haben, den ihr liebt.

Damit meine ich nicht, dass ihr aufhören sollt, euch Gedanken darüber zu machen, wie es mir gehen könnte, wenn ihr von eurer Hochzeit, euren gemeinsamen Kindern, Häusern und Urlauben erzählt. Ich danke jedem, der achtsam mit mir und meinen Gefühlen umgeht, denn manchmal haut es mich nach wie vor um und dann bin ich einfach wahnsinnig traurig, dass Julian nicht mehr da ist. Bitte lasst euch aber nicht schon vorab von dieser potentiellen Traurigkeit davon abhalten, mich an eurem Leben teilzuhaben. Und vor allem: Sprecht aus eurer Dankbarkeit heraus, nicht aus Selbstverständlichkeit.

Es gibt kein schöneres Geschenk als die Liebe. Es ist so wunderbar, wenn zwei Menschen sich finden und ihren Weg gemeinsam gehen. Seid dankbar dafür, denn es ist nicht selbstverständlich. Weder, dass man sich findet, noch dass man den Weg gemeinsam gehen kann. Feiert euch und euer Leben. Nehmt Geschichten wie meine nicht als Grund, Angst zu haben, sondern als Anlass, euer Glück bewusster zu leben.

Habt keine Angst, wenn mich das vielleicht mal traurig macht. Und auch nicht, wenn es mich glücklich macht und ich euch dann von schönen Momenten mit Julian erzähle. Ich liebe es, mich zu erinnern. Ich liebe es, wenn ihr es auch schafft, euch mit mir zu freuen über das, was ich da erleben durfte. Über diese Liebe, die ich noch immer in mir tragen darf. Über diesen wunderbaren Menschen, der mein Leben so bereichert hat.

When you honor what you have, you’re honoring what I’ve lost.

 

Foto: Martin Talbot

 

   
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3 Kommentare

  • Reply Martina 10. August 2016 at 23:06

    Ach liebe Silke,
    genau so ist es.
    Erst letzte Woche habe ich meiner Freundin, nach einer Geburtstagsfeier geschrieben, wie schön es für mich anzusehen war, wie liebevoll sie und ihr Freund miteinander umgehen.
    Das tat mir wohl !
    Auch ich kann es kaum ertragen, wenn befreundete Paare oder auch fremde, nicht wertschätzend miteinander umgehen.

    >>When you honor what you have, you’re honoring what I’ve lost.<<

    Dieser Satz ist wunderbar!

    DAnke und eine Gute NAcht,wünscht M.

  • Reply Romanleserin 21. Oktober 2016 at 13:24

    >>When you honor what you have, you’re honoring what I’ve lost. <<

    Liebe Silke,

    was für ein wunderbarer Satz, mir geht es ebenfalls so, ich ertrage es kaum bis gar nicht wenn Menschen nur darüber jammern wie schrecklich anstrengend, schwierig und kompliziert ihre Kinder sind.

    Ich habe eine sehr gute Freundin, sie beschwerte sich ohne Unterbrechung darüber wie schrecklich anstrengend ihr Leben mit ihren Kindern ist…sie tun nicht was sie erwartet, sie machen Dreck und überhaupt. Eines Tages saß ich an ihrem Esstisch, sie startet eine neue Tirade, umso länger sie sprach, umso stiller wurde ich….umso mächtiger wurde meine eigene Trauer, meine Empörung über diese Unachtsamkeit, Undankbarkeit….

    Irgendwann wurde auch sie leiser, auf einmal war es muksmäuschenstill, schweigen, auch die Kinder schienen in ihren Zimmern zu schweigen, jedenfalls hörte ich sie nicht und da platze meine Trauerblase, ich schaute ihr tief in die Augen und sie einen momentlang an, sie schaute schweigend und fragend zurück und alles was ich sagen konnte war: Freu dich, freu dich das deine Kinder leben, freu dich das sie Krach machen, das sie Dreck machen, aber vorallem freu dich das sie leben!

    Danke und liebe Grüße,

    Romanleserin

    • Reply Silke 26. Oktober 2016 at 21:13

      Liebe Romanleserin,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass dich dieser Satz genauso anspricht wie mich. Danke dir, dass du die Begegnung mit deiner Freundin hier mit uns teilst. Sie berührt mich sehr. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es für dich war, ihr zuzuhören. In solchen Gesprächen tut manchmal jeder Satz ein bisschen mehr weh. Und zugleich ist es doch auch bereichernd, was die Trauer – trotz all des Schmerzes – uns lehren kann: Dankbarkeit. Ich habe früher auch so vieles für selbstverständlich genommen, was ich heute ganz anders wertschätze.
      Ganz liebe Grüße zurück
      Silke

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