Es muss dir nicht gut gehen
Hilfe in deiner Trauer

Es muss dir noch nicht wieder gut gehen

Ein geliebter Mensch ist gestorben. Dieser Mensch hatte einen ganz besonderen Platz in deinem Leben, eine ganz besondere Bedeutung. Nun ist er nicht mehr da, er hinterlässt eine Lücke in deinem Leben. Und dir geht es schlecht. Du vermisst ihn, du trauerst und du funktionierst nicht mehr wie früher. Ich kann mir vorstellen, dass dein Erinnerungsvermögen oder deine Konzentrationsfähigkeit scheinbar fast nicht mehr vorhanden sind, du alles vergisst, du nicht mal eine Seite in einem Buch schaffst, wenn du versuchst zu lesen. Vielen Trauernden geht es so. Du bist nicht falsch, wenn es bei dir auch so ist. Vielleicht zeigt auch dein Körper Symptome, die dein Arzt dir nicht erklären kann, oder du findest einfach nicht mehr die Kraft für die Dinge des täglichen Lebens. Dinge, die doch früher mal so normal und einfach waren, scheinen auf einmal unmöglich. Und es wird nicht besser. Erstmal wird es vielleicht eher schlimmer. Vielleicht hast du die erste Zeit nach dem Tod deines geliebten Menschen noch ganz gut funktioniert und erst nach ein paar Wochen oder Monaten wurde es schwieriger. Vielleicht hattest du auch gar keine andere Wahl als erstmal eine ganze Weile lang zu funktionieren. Für deine Kinder, für all die Dinge, die geregelt, erledigt, geklärt werden müssen, für einen Umzug oder ähnliches. Dann kann es sein, dass es dir erst Monate oder Jahre später wirklich schlecht geht, die Trauer dich einholt.

Das alles ist normal. Das alles ist sogar angemessen und völlig verständlich in deiner Situation. Deine Trauer ist Ausdruck deiner Liebe zum Verstorbenen, sie ist auch eine Würdigung seines Lebens und seiner Wichtigkeit in deinem Leben. Und sie kostet Kraft, sie nimmt ganz viel Raum ein. Ein Teil deines Gehirns ist damit beschäftigt, diesen Verlust zu verarbeiten. So stelle ich es mir immer vor wie bei einem Computer, der einen aufwändigen Hintergrundprozess durchführt – einen umfangreichen Virenscan vielleicht. Genau wie der Computer dadurch langsamer wird, vielleicht zwischendurch beim Öffnen eines neuen Programms hängt, so sind auch in deinem Gehirn in Zeiten der Trauer weniger Ressourcen verfügbar für andere Dinge. Es ist also völlig normal, wenn du für Dinge, die du früher gut und schnell erledigen konntest, auf einmal viel mehr Zeit brauchst. Das heißt nicht, dass du sie ganz verlernt hast und es immer so bleiben wird. Es heißt nur, dass du jetzt gerade nicht die ganze Kapazität deines Gehirns zur Verfügung hast.

Wie seltsam wäre es auch, wenn ein wichtiger Mensch aus unserem Leben geht und wir nach drei Wochen oder drei Monaten einfach wieder genau wie vorher weiterleben würden. Als wäre nichts gewesen. Lass dir von deinem Umfeld nicht einreden, dass es so sein müsste. Die Menschen, die dir das erzählen, haben selbst nicht erlebt, was du gerade erlebst. Sie wissen nicht, wie es sich anfühlt. Sie wissen nicht, was sie da sagen. In unserer Gesellschaft lernen wir nicht mehr, dass Gefühle gefühlt werden wollen, dass Tod und Trauer ganz einfach Teil des Lebens sind, dass es Wichtigeres gibt als immer genau so zu funktionieren, wie es scheinbar von uns erwartet wird. Wir lernen auch nicht mehr, einfach nur füreinander da zu sein und auch mal Schmerzen gemeinsam auszuhalten. Wir lernen im Gegenteil, dass wir immer etwas tun müssen, dass wir immer eine Lösung haben müssen, immer beschäftigt, immer funktionierend. Wir lernen, dass wir negative Gefühle schnell “wegmachen” müssen, um bloß nicht darin zu versinken. Das alles ist aber bei Trauer überhaupt nicht hilfreich.

Früher gab es mal ein Trauerjahr. Selbst das reicht bei schweren Verlusten nicht aus und dennoch hören Trauernde bereits nach wenigen Monaten, dass sie doch jetzt nach vorne schauen müssen, dass es reicht, dass sie sich zusammenreißen sollen. Es ist nicht wahr. Es muss dir nicht nach drei Monaten wieder gut gehen. Es muss dir auch nicht nach einem Jahr wieder gut gehen. Du darfst dir Zeit und Raum für deine Trauer nehmen, so viel du brauchst. Es ist auch okay, dass du dir gerade gar nicht vorstellen kannst, dass es dir jemals wieder gut gehen könnte. Wie auch, schließlich bleibt dein lieber Mensch ja tot, er kommt nicht wieder. Ich werde dir hier nicht sagen, dass die Zeit einfach so irgendwelche Wunden heilt und auch nicht, dass es wieder gut wird. Was ich dir aber sagen kann ist, dass es anders wird. Und dann auch wieder anders gut. Nicht so wie früher gut, aber anders gut. Und bis es soweit ist, ist es einfach nur angemessen, wenn es dir nicht gut geht, egal was die Menschen um dich herum sagen.

Manchmal ist es gar nicht so einfach, sich selbst den Raum für die eigene Trauer zu geben. Du musst diesen Weg durch die Trauer nicht ganz alleine gehen. In dieser schweren Zeit ist es gut, wenn du dir Hilfe und Unterstützung suchst. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Wenn du das Gefühl hast, dass du gerne mit mir darüber sprechen möchtest, bin ich gerne für dich da. Mein Angebot der Trauerbegleitung und -beratung findest du hier. Gerne können wir gemeinsam schauen, wie ich dich unterstützen kann.

 

“Und so wie es war, soll es nie wieder sein.
So wie es ist, darf es nicht bleiben.
Wie es dann wird, kann vielleicht
Nur der bucklige Winter entscheiden.
Aber wir sehen uns wieder ganz bestimmt.
Irgendwann.”
Gisbert zu Knyphausen – Seltsames Licht

 

   
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4 Kommentare

  • Reply Maria Bachmann 4. Februar 2017 at 23:16

    Ich danke dir dafür das du das alles in Worte fasst du vielen von uns fehlen obwohl wir es genauso fühlen und erfahren .
    Mein Herz starb vor 27 Monaten und 20 Tagen ,wir hatten fast 25 Jahre ,12 in Gesundheit 13 in Krankheit…..
    Und er ist immer noch da ,im Kopf ,im Herz und als Teil meiner Seele ….er hat ein Stück von mir hinübrrgenommen und etwas von seiner dagelassen…seine Energie ist immer noch da….ich lebe mit ihm…denn Liebe vergeht nicht warum also sollte Trauer je ganz verschwinden ,ist sie doch Liebe …..
    Liebe Grüße aus Wien Maria

  • Reply Doris 17. Februar 2017 at 17:43

    Ja, Trauer kostet unsichtbar unendlich viel Kraft. Sie bindet im Innern riesige Kapazitäten, etwas zu verarbeiten, was man eigentlich gar nicht verarbeiten kann, wie den Verlust des eigenen Kindes.
    Leider sehen andere einem das nicht an, so dass man auf Unverständnis stößt, wenn man anmerkt, dass man sich überfordert fühlt. Aber ich muss auch meine eigenen Anforderungen an mich reduzieren, denn ich messe sie noch an der Leistungsfähigkeit von früher, die noch nicht wieder hergestellt ist. Die „Hintergrundarbeit“, die du beschreibst, ist noch voll im Gange.
    Und zum Glück sieht man uns die Trauer nicht an! Denn dadurch wird mit uns „normal“ umgegangen, so dass es immer wieder Momente gibt, in denen man scheinbar frei lachen kann. Zwar kostet es auch wieder Kraft, so an der Oberfläche zu bleiben. Aber man kann sich freuen und lachen, und auch ein Lachen, das zunächst nur äußerlich ist, wärmt nach innen und verbindet mit der Liebe, von der du auch viel geschrieben hast. Mit der Zeit gibt es immer mehr Momente „echter“ Freude.

  • Reply Ralf 21. Februar 2017 at 22:15

    Danke für diese zutreffenden Worte. Danke Euch allen, die sich hier zu diesem Thema austauschen! Seit den ersten Tagen vor einem halben Jahr konnte ich soviel Kraft und Ermutigung hier schöpfen, dass mir viele bitteren Erfahrungen erspart geblieben sind.

    Nach längerer „Schweigezeit“ möchte ich zu diesem Thema auch wieder etwas sagen auch wenn es länger wird.

    Ein Trauerjahr, sagt Du, gab es früher einmal. Das habe ich auch oft gehört. Ich habe es mir selbst „verordnet“. Weis nicht einmal, ob es bei einem Jahr bleibt. Hörte auch Leute sagen, heutzutage würde ein 3/4 Jahr reichen, bei der ganzen Unterstützung, die man so bekommt. Dass sind die Menschen, die selbst nur gaffen. Ich nehme es ihnen nicht einmal übel, was sollte sich bei ihnen ändern, haben ja nochmal Glück gehabt, dass sie nicht selbst betroffen sind. „Wahrnehmen ohne handeln entbehrt der Aufrichtigkeit“ lese ich gerade in einem Buch über indigene Weisheit. Sowas hätte ich früher nicht gelesen, keine Zeit. Aber meine Liebste, die ich vor einem halben Jahr aus dem Leben gehen lassen musste, wusste den Wert solcher Bücher zu schätzen. Doch ich nehme sie mit auf meinem Weg, sie ist bei mir. Zum Beispiel ganz praktisch, indem ich solche Bücher jetzt lese.
    Sie war fast auf den Tag mein halbes Leben an meiner Seite – nun IST sie mein halbes Leben!
    So einfach ist das inzwischen.
    Und das tut mir sehr, sehr gut! Mögen die anderen ihren Weg gehen, ich habe großen Respekt vor der Entscheidung eines Jeden. Doch dies ist mein Weg. Die Liebe bleibt nicht nur. Ich empfinde sie immer intensiver und sie geht neue, spannende Wege.
    Wenn ich nun ihre Bücher lese, ihre Rat annehme, mit ihr lache und weine, gehe ich letzten Endes doch MEINEN ganz persönlichen Weg. Denn ICH entscheide mich. Jeden Tag, jede Stunde aus freien Stücken aufs Neue.
    Und auf diesem Weg finde ich zu mir selbst und erfahre ganz behutsam und in aller Stille soviel unentdecktes über mich und in mir. In uns steckt soviel Spiritualität, die wir im Alltag leider nie so bewusst leben.

    Meine schwarze Trauerkleidung trage ich inzwischen gern. Sie ist für mich in vielerlei Hinsicht wichtig, manchmal erweist sie sich als wahre „Rüstung“, und ich empfinde eine tiefe Verbundenheit zu meiner Liebsten, denn zusätzlich trage ich noch immer ein Halstuch von ihr. So wie sie früher meine Hemden trug.

    Wenn mich heute jemand, dem ich vertraue, fragt, wie es mir geht, dann sage ich ganz ehrlich:
    Solang ich zu MIR finde und mich nicht verliere, wird jeder Tag ein bisschen heller sein dürfen. Oft gibt es Tränen, manchmal Freude, beides gehört jetzt dazu und aus beidem lerne ich Kraft zu schöpfen, denn es ist Ausdruck meiner Liebe zu meiner Liebsten, die mich immer wieder zu ihr führt.
    Und durch diese Liebe erfahre ich das Wunder der göttlichen Schöpfung. Ganz konkret.
    Und eines ist mir in den letzten Wochen bewusst geworden: Egal, ob ich sonst eher ein Zweifler oder Gläubiger bin, die LIEBE ist ein Geschenk, dass jeder von uns ohne zu fragen und ohne Gegenleistung annehmen darf.

  • Reply Lara 23. Februar 2017 at 8:06

    Ich bin gerade wach geworden und die Trauer war wieder da.
    Ein Bild von meiner Mutter mit ihrer schönen bunten kuscheligen Strickjacke. Das Bild war ganz klar, direkt als ich meine Augen öffnete und wach wurde.
    Sie ist jetzt vier Monate Tod und an manchen Tagen holt die Trauer mich so sehr ein, dass ich das Gefühl habe nicht normal zu sein. Es sind schließlich schon 4 Monate vergangen. Es fühlt sich an erst jetzt mit der Trauer zu beginnen obwohl ich schon so viele Tränen vergossen habe. Der Text beschreibt genau wie ich mich fühle, und bestärkt mich, dass ich nicht komisch bin nur weil ich immer noch nicht zurück in den Alltag gefunden habe. Ich fühle mich immer als ob ich davon renne, nicht körperlich eher mein Geist. Ich versuche Leuten bei Gesprächen zu zuhören, nehme aber wenn überhaupt nur die Hälfte wahr. Ich Räume die Wohnung auf drehe mich um und wieder liegt überall etwas rum oder das putzen und aufräumen dauert Ewigkeiten…
    Es tut gut zu wissen, dass es anderen auch so geht. Und ja ich habe immer die Angst, dass dieser Schmerz mich mein Leben lang begleitet.

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