Neubeginn
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Ein neues Jahr – und alles bleibt gleich?

Ein Jahr geht zu Ende. Bereits vor einem Jahr habe ich hier darüber geschrieben, dass Silvester für mich am Anfang meiner Trauer um Julian noch deutlich schwerer war als Weihnachten. Plötzlich sollte da dieses neue Jahr kommen und ich war überhaupt nicht bereit dafür. Jeder gut gemeinte Wunsch, jedes unbedacht dahin gesagte „Frohes Neues“ oder „Guten Rutsch“ haben mir damals große Schmerzen verursacht. Es würde sich doch nichts verändern. Julian war tot und würde es bleiben. Ich hatte eher das Gefühl, dass das neue Jahr, in dem es ihn nie gegeben hatte, mich noch ein Stück weiter von ihm entfernen würde. Es war kein gutes Gefühl, dieses Jahr hinter mir zu lassen, auch wenn es noch so schmerzhaft gewesen war. Immerhin war es doch ein Jahr gewesen, in dem ich einige Wochen Zeit mit ihm hatte verbringen dürfen.

Dabei ist dieser Jahreswechsel ein von Menschen erdachter Neubeginn. In China oder Indien wird an ganz anderen Tagen ein neues Jahr begonnen und gefeiert. In Nepal gibt es dank der unterschiedlichen ethnischen Gruppen im Land mindestens vier verschiedene Kalender und entsprechend häufige Neujahrsfeste. Bei mir ist damals die Idee entstanden, dieses scheinbar wahllos gewählte Datum einfach zu ignorieren. Ich wollte nicht feiern und ich wollte auch nicht mehr leiden, nur weil da dieser Tag bevorstand. Und doch kam ich nie ganz drum herum, dass es etwas mit mir machte. Dieser Zyklus, der zu Ende geht. Dieses Jahr, das endet und dieses neue Jahr, das beginnt. Vergehen und Neuwerden im ewigen Kreislauf des Lebens. So mag es also ein irgendwie festgelegtes Datum sein und doch können wir es nutzen, um innezuhalten, nach innen zu schauen und zu sehen, wo wir gerade stehen. Wir können es nutzen, um zu reflektieren, wie es denn nun weitergehen soll. Für uns. Wer oder was tut mir gut und wer vielleicht weniger? Von welchen Dingen oder Menschen möchte ich mich verabschieden, wen oder was möchte ich mit ins neue Jahr nehmen und wo möchte ich vielleicht mehr Aufmerksamkeit hinein geben? Denn unsere Energie fließt dorthin, wo wir unsere Aufmerksamkeit hin geben.

Gerade wenn der Tod unseres lieben Menschen schon ein bisschen länger her ist, können wir diese Tage nutzen, um bewusst zu schauen, welchen Weg wir schon gegangen sind. So mitten auf dem Weg, vielleicht überschwemmt von Gefühlen oder verloren im Alltag, der irgendwie bewältigt werden muss, ist es oft schwer zu erkennen, wie wir uns wandeln, was wir alles schon geschafft und gemeistert haben. Das muss nicht immer bedeuten, dass jetzt alles besser ist als zu Beginn der Trauer. Denn erstmal wird es nicht unbedingt besser. In der ersten Zeit der Trauer dämpft der Schock noch eine Weile lang die Gefühle. Manchmal müssen wir aus unterschiedlichsten Gründen funktionieren und haben gar keine Zeit, uns der Trauer zuzuwenden. Wenn diese Zeit kommt, kann es erst einmal gefühlt deutlich schwieriger werden. Trauer ist auch Realisierung dessen, was da geschehen ist. Und das können wir nicht vom einen Moment auf den anderen. Unsere Psyche kann einen großen Verlust nicht auf einen Schlag begreifen. Das braucht Zeit. So ist es auch oft das zweite Trauerjahr, das von vielen Trauernden auf eine Art als deutlich schlimmer erlebt wird als das erste. Mir ging es selbst so. Im ersten Jahr ging es nur ums Überleben, weiter existieren, Schritt für Schritt. Und obwohl ich häufiger gelesen hatte, dass ein Jahr nicht unbedingt ausreicht, um so einen Verlust zu verkraften, hatte ich doch die Hoffnung, dass irgendetwas besser werden würde im zweiten Jahr. Wie als müsste ich belohnt werden für all die Qualen, die ich tapfer durchgemacht hatte in den ersten Monaten. Nichts dergleichen geschah. Weder als ein neues Jahr in unserem Kalender begann noch nach Julians erstem Todestag. Es änderte sich nicht automatisch etwas, nur weil Zeit verging. Allein ein Datum konnte nichts an meiner Situation ändern. Julian blieb tot und auf eine Art wurde es immer schwerer, je länger er weg war. Denn es wurde immer realer, immer schwerer den Tod zu leugnen. So gerne wollte ich ihn ignorieren, ein Teil von mir erwartete immer noch, dass Julian wieder zur Tür hereinkommen würde, wollte es einfach nicht wahrhaben. Und das ist okay. Es ist okay, den Tod nicht wahrhaben zu wollen. Es ändert nur trotzdem nichts daran, dass er wahr ist. Unveränderbar. Endgültig. Und genau dieser Prozess ist es, der immer wieder so schmerzhaft ist. Dieser Wechsel zwischen „Nicht-wahr-haben-wollen“ und schonungslos mit der Realität des Todes konfrontiert werden.

Diese Realität, die Endgültigkeit des Todes wurde mir an Tagen wie Neujahr und dem Todestag ganz besonders bewusst. Das Leben ging weiter und ich sollte mich darüber freuen. Manch einer – und sicher vor allem auch ich selbst – erwartete und hoffte, dass ich wieder daran teilnehmen würde. Doch stattdessen blieb ich stehen und wusste nicht, wie ich das Leben wieder einholen sollte. Je mehr es weiterging, desto entfernter fühlte ich mich davon. Desto verlorener war ich darin. Vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht fragst du dich, ob etwas falsch ist mir dir, weil es nicht beständig bergauf geht in deiner Trauer. Auf eine Art tut es das immer, aber nicht so wie wir es erwarten und gerne hätten. Nicht so, dass es beständig leichter wird. Wie auch, wenn wir erst mit der Zeit mehr und mehr begreifen, dass das wirklich geschehen ist. Dass wir nun wirklich alleine sind, zurückgeblieben in dieser Welt, die nun ohne unseren lieben Verstorbenen ist. Und so kann ich nur wiederholen, was ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe: Es muss dir noch nicht wieder gut gehen. Weder weil ein neues Jahr beginnt noch weil es „schon so lange her ist“. Es wird die Zeit kommen, in der es leichter wird, in der deine Trauer sich wandelt und in der sie auch ein Stück weit gehen darf. Aber diese Zeit muss noch nicht jetzt sein. Vertraue darauf, dass deine Trauer weiß, welche Zeit sie braucht. Höre auf dein Herz, auf deine Trauer, sie werden dir deinen ganz eigenen Weg weisen, in deiner ganz eigenen Zeit.

Mir hat es auf diesem Weg geholfen, immer wieder zu schreiben. Ich habe mir alles von der Seele geschrieben und darin Erleichterung erfahren. Später konnte ich in meinen Tagebüchern meinen Weg nachlesen und in meinen eigenen Worten erkennen, dass sich doch so vieles bereits gewandelt hatte, dass es irgendwie immer weiter ging. Eine Zeit lang habe ich jeden Abend einige immer gleiche Fragen beantwortet und so ein besseres Gefühl dafür bekommen, wie es mir tatsächlich jeden Tag und im Verlauf der Zeit ging. Dadurch konnte ich ganz langsam aussteigen aus diesem Gefühl, immer nur rückwärts zu gehen oder stehenzubleiben und überhaupt nicht mehr in diesem Leben anzukommen. Passend dazu freue ich mich, dass ich heute drei Bücher von meiner Autorinnen- und Trauerbegleiterkollegin Eva Terhorst verschenken kann, die genau dort ansetzen. Es handelt sich um ihr Trauertagebuch „Damit das Leben wieder heller wird“. Vielleicht eine gute Möglichkeit für dich, deine Tage im neuen Jahr etwas bewusster zu gestalten und dich ganz bewusst auf deinen ganz eigenen Weg zu begeben.

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen ist für viele Trauernde nichts mehr wie zuvor. Der Alltag hat sich komplett verändert, doch gleichzeitig geht das Leben einfach weiter. In dieser Phase ist es oft unglaublich schwer, den ganz normalen Alltag zu bewältigen. Dieses Trauertagebuch ist ein Wegweiser, der Betroffene durch ihre Trauer führt und begleitet. Er bietet Struktur für jeden einzelnen Tag und erleichtert es, wieder ein Gefühl für sich selbst und mehr Achtsamkeit für die erschwerte Lebenssituation zu entwickeln. So stärkt dieses Buch Trauernde, die Zeit der Trauer zu überstehen, und hilft, die eigenen Erfahrungen für das weitere Leben positiv zu nutzen.

 

Um eins der drei Bücher zu erhalten, schreibe mir einfach bis Silvester um Mitternacht eine Mail mit deiner Adresse an silke@inlautertrauer.de. Die ersten drei Einsendungen erhalten von mir das Buch nächste Woche zugesendet. Viel Glück!

Nun wünsche ich dir eine erträgliche Zeit über den Jahreswechsel. Wie immer freue ich mich über deine Kommentare und es interessiert mich, wie du das Jahresende empfindest, welche Gedanken du dazu hast und was dir vielleicht hilft, besser oder anders damit umzugehen. 

 

Foto: Liam Moloney

 

   
Zwischen den Welten - Silke Szymura Meine Geschichte als Buch: Zwischen den Welten - Eine wahre Geschichte über den Tod, die Liebe und das Leben

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Erscheinungsdatum: 10. November 2017
Erhältlich direkt beim Verlag, auf Amazon und einfach überall, wo es Bücher gibt.

Wenn du ein signiertes Buch haben möchtest, schreibe mir gerne deine Bestellung an silke@inlautertrauer.de
     
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2 Kommentare

  • Reply Caro 31. Dezember 2017 at 14:08

    Liebe Silke,
    ja, so geht es mir auch; das „Jahr ohne ihn“, meinen Papa, steht kurz vorm Anbruch und obwohl ich vor Weihnachten viel mehr Angst hatte als vor Silvester bricht es nun über mich hinein und auch ich möchte die Zeit anhalten, weil ich das Gefühl habe, dass die Erinnerung in diesem Jahr feststecken könnte und es gefühlt die einzige „greifbare“ Gemeinsamkeit ist, die es momentan gibt.
    Danke für deine Worte, das Schreiben werde ich mal versuchen. Hast du bestimmte Rituale, die dir den Jahreswechsel erleichtern?

  • Reply Corinna Kabot 7. Januar 2018 at 20:18

    Liebe Silke,

    wieder einmal rennen Deine Worte bei mir offene Türen ein. Auch wenn es jetzt “ schon“ das zweite Weihnachten und zweite Silvester/Neujahr nach dem Tod meiner Mutter ist, kommt es mir alles schlimmer und sinnloser vor als letztes Jahr. Nach ihrem Tod war da auch sehr viel Hoffnung und Staunen über die vielen Lebenszeichen von ihr, die ich auf anderen Wegen nun fand. Doch dieses Jahr holen mich die Wünsche nach alten Kindheitsritualen ein, die ich in meiner eigenen Familie nie einführen konnte….wie z.B. das Singen von Weihnachtsliedern oder Kirchenbesuche. Seit Weihnachten liege ich krank im Bett und versuche, die ganzen gesellschaftlichen Rituale zu ignorieren. Nun hat auch noch meine Schwiegermutter eine tödliche Diagnose und ich habe so gründlich die Schnauze voll von Tod und Kummer. Es hilft mir, mich mit Kindern und der Entwicklung eines Duftspieles zu beschäftigen. Herzliche Grüße
    Corinna

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