Glaube an das Leben nicht verlieren
Weiterleben

Den Glauben an das Leben nicht verlieren – wie geht das?

Gestern wurde mir eine ganz großartige Frage gestellt:

“Wie hast du es geschafft, nicht den Glauben an das Leben zu verlieren?”

Wow. Ja. Wie eigentlich? Diese Frage hat mich tief bewegt. Sie liegt so nahe und doch habe ich sie mir selbst vorher so nicht gestellt. Ich habe einfach irgendwie weitergemacht. Schritt für Schritt. Und allzu oft gedacht, es wäre selbstverständlich, dass ich das schaffen muss mit dem Glauben an das Leben. Eigentlich war ich eher ungeduldig und wollte, das es schneller geht. Dass es mir schneller besser geht, dass ich schneller ins Leben zurück finde, dass ich schneller weiß, was ich mit diesem Leben nun anfange. Mit dieser Frage wurde mir gestern auf einmal bewusst: Ja, ich glaube tatsächlich wieder an das Leben. Ich glaube sogar, dass es noch einiges für mich bereithält. Und das ist nicht selbstverständlich.

Bei einem Spaziergang zu meinem liebsten Platz in der Natur, dort wo ich mir selbst immer ein Stückchen näher bin als überall anders, bin ich der Frage auf den Grund gegangen, habe ich dem nachgespürt, was mich zurück ins Leben getragen hat. Denn zwischenzeitlich hatte ich den Glauben an das Leben verloren, mindestens fast vollständig. Gestern ist mir bewusst geworden, welch großes Geschenk es ist, dass ich ihn wiederfinden konnte, Stück für Stück. Es ist keinesfalls selbstverständlich nach so einem Schicksalsschlag und ich habe es anfangs selbst nicht für möglich gehalten. Wie sollte es jemals wieder Glück geben für mich im Leben?
Vielleicht geht es dir ähnlich und du kannst dir nicht vorstellen, dass das Leben noch irgendetwas positives für dich bereithalten kann. Ich verstehe dich. Ich verstehe dieses Gefühl und ich verstehe auch jeden, der den Glauben nicht wiederfindet. Oder sehr lange dafür braucht. Und doch, tief drin wünschen wir uns doch, dass es klappt. Ganz tief drin ist etwas in uns, ein kleiner Funke, der die Hoffnung nicht ganz aufgeben will. Diese kleine Hoffnung ist es vielleicht, die meinen Text nun liest. Und ich möchte ihr sagen: Ja, es geht! Schau mich an, hier bin ich und ich bin der Beweis dafür, dass es geht! Nur wie? Ich kann es nicht beantworten, keine Anleitung geben. Dein Weg wird anders sein als meiner. Dir werden andere Dinge und Menschen begegnen und helfen als mir. Und trotzdem möchte ich dir gerne von meinem Weg erzählen, dir Mut machen für deinen eigenen Weg und Hoffnung geben, dass es möglich ist.

Mein Weg ging tief durch den Schmerz und die Verzweiflung. Ja, richtig tief. Durch die Einsamkeit, durch das Aushalten, durch einfach nur irgendwie Existieren, einen Tag nach dem anderen. Einige Monate nach Julians Tod kam bei mir erst der Zusammenbruch. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich immer weniger am Leben teilnehmen. Arbeiten war eine Qual, Dinge, die mir früher Spaß gemacht hatten, erschienen auf einmal unmöglich. Ich konnte Treffen in Gruppen nicht mehr ertragen, nicht in den Zug steigen, manchmal einfach gar nicht das Haus verlassen. Monatelang konnte ich kaum schlafen und mein Körper entschied für mich: Du bleibst daheim. Damals war es die Hölle für mich, heute blicke ich zurück und denke: Irgendwie war es richtig so. Ich musste durch diesen Schmerz gehen. Ich hatte keine andere Wahl, es gab keine Flucht, fast keine Ablenkung, keine Struktur, nichts. Und so habe ich mich mit meiner Trauer auseinandergesetzt, mit Julians Abwesenheit und mit mir selbst. Ich habe Bücher über die Trauer verschlungen und darüber, wie andere damit umgehen. Das war das einzige, wofür meine Konzentration reichte. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, was wohl passiert nach dem Tod. Wo ist Julian, wo kann ich ihn finden?

Von Anfang an habe ich mir auch Hilfe geholt. Ambulante Therapie, Trauerbegleitung, Gesprächskreis von verwitwet.de, Austausch mit anderen Betroffenen und schließlich ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Dort durfte ich so sein wie ich war. Dort durfte ich ein ganz kleines bisschen heilen und erkennen: Alles ist anders. Es wird nie mehr so wie es war. Ich werde nie mehr so wie ich war. Und das ist ok so. Dort konnte ich mich ganz langsam auch dem Trauma nähern, das ich ein Jahr mit mir herumgetragen hatte, und dem Gefühl der Schuld, was tief in mir saß. Und doch war der Weg dort lange nicht vorbei, es war rückblickend eher der Beginn meines Weges zu mir selbst und in dieses neue Leben, das ich nie wollte.
Ich habe geredet. Immer wieder habe ich erzählt, was passiert ist. Ich weiß, das war schwer. Aber einige Menschen haben es ausgehalten und mich immer wieder erzählen lassen. Und dann habe ich geschrieben. Eigentlich habe ich vom ersten Tag an geschrieben. Noch in Nepal in ein kleines Büchlein und daheim dann in ein schönes Tagebuch. Ich habe an Julian geschrieben und ihm erzählt, was ich erlebe und wie sehr ich ihn vermisse. Ich habe für mich geschrieben und an andere. Ich habe Erinnerungen an Julian aufgeschrieben, die heute ein großer Schatz für mich sind.
Ich habe mir Zeit genommen, auch wenn das meiner Ungeduld so gar nicht gefiel. Es gefällt ihr bis heute nicht. Doch die Zeit war nötig, um zu realisieren was passiert ist, um zu begreifen was das alles bedeutet. Sie ist immer noch nötig, um herauszufinden, wer ich nun bin und wie es weitergeht.

Wenn ich die Frage, wie ich es geschafft habe, den Glauben an das Leben nicht zu verlieren, möglichst kurz beantworten sollte, dann wäre es wohl folgendes: Ich habe immer wieder auf meine Intuition gehört und mir sind immer wieder im richtigen Moment die richtigen Dinge oder Menschen begegnet.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir tief in uns drin genau wissen, was wir brauchen, was uns gut tut. Wir müssen nur hinhören. Und dafür brauchen wir Stille, Zeit mit uns. So wusste ich ganz genau, dass ich Unterstützung brauche. Ich wusste auch, wer oder was mir nicht gut tut und wofür ich noch Zeit brauche. Und doch wusste ich zugleich auch nichts. Ich musste alles ausprobieren und Schritt für Schritt herausfinden, was mir gut tut. Und dann gab es diese kleinen Zeichen, Begegnungen, früher hätte ich wohl “Zufälle” dazu gesagt. Für mich war klar: Julian ist da. Er begleitet mich. Er passt auf mich auf. Er war und ist einer meiner wichtigsten Begleiter auf meinem Weg zurück ins Leben. Und dann war da die Dankbarkeit. Dankbarkeit und Liebe sind das, was mich immer wieder in meinem Glauben an das Leben bestärkt und weitergehen lässt. Ich glaube, ich wiederhole mich an der Stelle, aber ich finde, man kann es nicht oft genug sagen. Gerade über die Liebe wird viel zu selten wirklich geredet. Wo Liebe ist, kann keine Angst sein. Wo Liebe ist, kann keine Verzweiflung sein und keine Wut. Liebe hält uns und Liebe heilt uns. Und zugleich wollen auch alle anderen Gefühle gefühlt werden. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Das ist alles, was mir heute als Antwort auf diese Frage einfällt. Ich werde noch eine Seite hier erstellen, auf der ich konkrete Bücher, Links und Dinge, die ich als hilfreich empfunden habe, zusammentrage. Nach und nach werde ich hier auch einzelne Bücher oder Hilfsmittel detaillierter vorstellen. Sehr freuen würde ich mich, wenn auch du hier teilen würdest, was dir hilft oder geholfen hat auf deinem Weg der Trauer. Was hilft dir, den Glauben an das Leben nicht zu verlieren oder was hat dir geholfen, ihn wiederzufinden? Gerne schaue ich mir deine Tipps an und nehme sie in meine Linksammlung auf.

 

Foto: Tim Green

 

   
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5 Kommentare

  • Reply Monika 27. Juli 2016 at 16:37

    Liebe Silke,
    eigentlich kann man die Situation nach dem Tod des geliebten Menschen nicht besser beschreiben, als Du es so ausführlich getan hast. Man ist vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen und kann nur auf seine innere Stimme hören. Mich persönlich haben vor allem der Glaube an die Kraft der Liebe, die in allen Bereichen des Lebens gelebt werden kann, und das Bewusstsein einer Verantwortung für mein Leben gestärkt. Nach und nach ist in mir die Erkenntnis gereift, dass selbst der Tod meines Mannes Teil meines ‚geführten‘ Lebensweges ist, ich eingebettet bin in ein größeres Sein, und ich durch den tiefen Schmerz immer näher zu meinem Selbst gekommen bin und noch komme. Übrigens ist es so, je mehr ich aus meinem Selbst in der bedingungslosen Liebe handle, desto stärker fühle ich mich verbunden mit meinem Mann in seinem jetzigen Sein.
    LG Monika

    • Reply Silke 6. August 2016 at 22:46

      Liebe Monika,
      wow, danke für deinen berührenden Kommentar. Die Kraft der Liebe ist wirklich groß und ich glaube, es wird Zeit, dass wir die Liebe wieder mehr in unser Leben lassen. Also wir alle so als Gesellschaft. Aber das ist ein anderes Thema ..
      Du hast das schön beschrieben und ich erlebe es auch so: Durch den tiefen Schmerz erhalten wir die Chance, uns selbst wieder näher zu kommen. Zurückgeworfen auf uns selbst lernen wir uns neu und anders kennen. Ich bin heute dankbar, dass ich meinem Selbst nun näher bin als zuvor. Und noch mehr dafür, bedingungslose Liebe erfahren zu dürfen.
      Alles Liebe für dich
      Silke

  • Reply Mala 20. Dezember 2016 at 23:32

    hallo silke,

    ich weiss nicht mehr wie ich vor ein paar wochen auf deinen blog gestoßen bin, aber ich lese deine einträge seitdem regelmäßig und fühle mich immer sehr verstanden. das ist – gerade wenn das noch so gute umfeld nach einiger zeit nachlässt – wunderbar tröstlich zu spüren.

    das hier ist zb ja schon ein älterer artikel, aber es ist der, den ich momentan am häufigsten lese, zu dem ich immer wieder zurückkomme. er trifft einfach gerade am besten, wo ich gerade stehe. bei mir ist es allerdings nicht mein partner, der gestorben ist, sondern unser kind (ganz plötzlich und nur tage vor seiner ganz normalen geburt) aber für die trauer ist es ja ganz egal um wen es geht solange die beziehung innig war, soviel ähnelt sich auf dem weg, den man dann stolpernd beginnt zu gehen…

    schön, dass es dich & deinen blog gibt und danke für das immer wieder trösten. viele grüsse, mala

    • Reply Silke 21. Dezember 2016 at 7:23

      Hallo Mala,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es berührt mich sehr, was du schreibst. Wie schön, dass du in meinen Artikeln etwas findest, dass du dich verstanden fühlst.
      Es tut mir sehr leid, dass ihr euer Kind verloren habt. Mein tief empfundenes Mitgefühl dafür. Ich kann nur erahnen, wie schlimm sich dieser Verlust für dich anfühlen muss. Ja, für die Trauer ist es egal, wen wir genau vermissen. Es geht um die innige Beziehung und die Liebe zu demjenigen, die immer bleiben wird. Die Trauer ist Ausdruck genau dieser Liebe.
      Ich wünsche dir ganz viel Kraft, gerade auch jetzt für die Weihnachtszeit. Fühl dich lieb umarmt, wenn du möchtest.
      Herzliche Grüße
      Silke

  • Reply Kerstin 13. Februar 2017 at 18:56

    Liebe Silke,
    ich hab gestern zufällig deinen Blog gefunden und bin ganz begeistert von deiner gefühlvollen Art zu schreiben, die so sehr zu meinen Gefühlen passt. In vielen Bereichen finde ich mich und mein Gefühlschaos wieder.
    Ich habe vor 11 Monaten ganz „plötzlich und unerwartet“ meinen Mann verloren und irre, manchmal mit Plan, manchmal völlig planlos, durch mein „neues Leben“. Dein Text zur Trauerigkeit hat mich sehr berührt – und ich habe mich dabei ertappt, dass ich meine Gefühle oft unterdrücke und wenn sie dann „geballt“ zurück kommen, völlig schutzlos und hilflos vor ihnen stehe!
    Ich freue mich auf weitere viele Texte von dir!
    Alles Liebe, Kerstin

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