Vollmond
Gedanken zu Trauer, Tod & Leben

Auch das wird vorbeigehen

Alles geht vorbei, früher oder später. Und doch leben wir oft so, als ginge es darum, einen äußeren Zustand herzustellen, der uns dauerhaft glücklich macht. Immer auf der Suche nach dem einen Tag, an dem endlich alles gut sein und auch so bleiben wird. Ich zumindest habe in diesem Glauben die ersten 30 Jahre meines Lebens verbracht: Wenn ich nur alles richtig mache, mich selbst und meine Lebensumstände optimal anpasse, dann, ja dann wird endlich alles gut sein. Ich lebte in der Überzeugung, dass ich mein Leben stets in der Hand habe und es darum geht, es so zu gestalten, dass dann einfach alles genau so ist wie ich es haben will, irgendwann. Mit der richtigen Beziehung, dem richtigen Job und der richtigen Wohnung, den richtigen Hobbys, Freunden und vielleicht Kindern. Bis sie auf einmal in mein Leben sprang und alles auf den Kopf stellte: Die Vergänglichkeit. Während ich noch so dabei war, mein Leben schön zu planen, hat sie mir einfach alles genommen. Oder sagen wir vieles, denn alles stimmt natürlich nicht, auch wenn es sich damals so angefühlt hat.

Ein großer Verlust wie der Tod eines geliebten Menschen zeigt uns unmissverständlich: Wir haben nicht immer alles in der Hand. Wir können planen, uns absichern, alles “richtig” machen, träumen, wünschen, beten; das Leben hat manchmal andere Pläne. Wir können nach Gerechtigkeit verlangen, hadern, kämpfen, es nicht wahrhaben wollen. Das alles nützt nichts, der geliebte Mensch bleibt tot oder verschwunden aus unserem Leben, der Traumjob für immer verloren oder die körperliche Gesundheit beeinträchtigt. Immer wieder begegnen uns Verluste im Leben – manche so klein, dass wir sie kaum bemerken und andere so groß, dass sie uns komplett aus der Bahn werfen.
Doch wenn wir die Vergänglichkeit verfluchen, weil sie uns das nimmt, was uns doch gerade glücklich macht, dann vergessen wir oft eines: Alles geht vorbei, wirklich alles, nicht nur die schönen Dinge. Auch die anstrengenden, schrecklichen, traurigen oder scheinbar unaushaltbaren Momente gehen vorbei. So wie es heute ist, wird es morgen vielleicht schon nicht mehr sein. Das, was uns jetzt Sorgen bereitet, wenn wir an die Zukunft denken, wird wahrscheinlich, wenn es soweit ist, ganz anders aussehen, weil wir niemals alles überblicken können. Das, worauf wir uns immer verlassen können, ist die Vergänglichkeit und damit die Veränderung. Ja, wir dürfen darauf vertrauen, dass auch Negatives sich wandeln wird. So wird der Schmerz der Trauer nicht dauerhaft so unerträglich bleiben. Wenn Freundschaften enden, werden neue entstehen. Menschen werden in unser Leben kommen, von denen wir heute noch nicht den Hauch einer Ahnung haben. Möglichkeiten werden sich eröffnen, Wege zeigen, die jetzt noch im Verborgenen liegen.
Das heißt nicht, dass alles egal ist und wir gar nichts in der Hand haben. Für mich heißt es vor allem, dass wir mehr vertrauen dürfen. Vertrauen darauf, dass es immer weiter geht. Ich selbst stelle immer wieder fest, wie ich bei positiven Dingen oft davon ausgehe, dass sie sowieso nicht von Dauer sein werden. Dann ist der Impuls da, mich vielleicht lieber gar nicht darauf einzulassen, um nicht am Ende enttäuscht oder verletzt zu werden. Umgekehrt gehe ich in negativen Situationen oft viel eher davon aus, dass sich diese eben nicht wieder verändern werden, dass es vielleicht sogar immer nur noch schlimmer werden wird.
Leben heißt immer Veränderung, nichts Lebendiges bleibt dauerhaft so wie es ist. Wenn wir in die Natur gehen, sehen wir überall diesen Kreislauf, das Rad des Lebens. Gerade heute ist Vollmond und auch er möchte uns daran erinnern: Alles ist im Wandel, ein ständiges Auf und Ab, ein Zu- und Abnehmen, ein Wachsen und Verändern. Mir hilft es, mir das immer wieder bewusst zu machen. Ich erwarte dann nicht mehr, dass das Leben immer genau so sein wird, wie ich es mir wünsche. Erst dann kann ich lernen, anders damit umzugehen, mich auf den Fluss des Lebens einzulassen. Wenn mir das gelingt, kann ich all die Kraft, die ich sonst nutze, um mich zu wehren und dagegen zu stemmen, für andere Dinge einsetzen. Und dann kann ich auch feststellen, dass es doch etwas gibt, das bleibt. Etwas Größeres, Tieferes, das unabhängig ist von all den äußeren Formen, die sich wandeln und vergehen. Ich nenne es Liebe in Ermangelung eines anderen Wortes. Eine Liebe in unserem Inneren, die immer da ist. Eine Liebe, die größer ist als wir selbst. Es ist diese Liebe, die uns immer trägt, ob wir es nun bemerken oder nicht.

 

Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich unter anderem diese Geschichte, die ich in etwas abgewandelter Form kenne: Leben und Erkenntnis

 

   
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10 Kommentare

  • Reply Conny 12. Mai 2017 at 15:07

    Liebe Silke,
    du sprichst mir wieder einmal so sehr aus der Seele. Leben ist immer Veränderung, ja, ich glaube auch, dass sich in jeder Sekunde unseres Lebens, mit jedem Atemzug so viel verändert, wir es nur nicht wahrnehmen, weil unsere Antennen nicht darauf gerichtet sind. Vor kurzem habe ich die Formulierung „Das Loslassen ist das, was wir eigentlich festhalten“ gehört und sie hat mich tief berührt, denn genau so ist es. Ambivalent, schön und traurig zugleich, je nachdem.
    Liebe Grüße
    Conny

    • Reply Silke 22. Mai 2017 at 14:17

      Liebe Conny,
      danke dir mal wieder für deinen Kommentar. Wow, das ist wirklich eine tolle Formulierung. Danke, dass du sie hier teilst.
      Liebe Grüße zurück
      Silke

  • Reply Ralf 12. Mai 2017 at 20:58

    Liebe Silke,
    sehr schön und eingängig, was Du schreibst und wie Du schreibt. Danke Dir!
    Seit einem dreiviertel Jahr nun lebe ich mit dieser riesigen Wunde in meinem Herzen. Sie ist durch die Liebe entstanden.
    Das ist der Preis der Liebe? Könnte man zuerst denken, aber: Nein, denn die Liebe stellt nichts in Rechnung und erwartet nichts.
    Die Wunde wird nicht vergehen, sie gehört zu mir. Für mein Leben lang. Sie verändert mich. Ich lasse es zu und sehe, wie die Liebe durch den Verlust und das erlebte größer wird und in der Trauer mein Freund ist. Das ist der Fluss des Lebens, dem ich nichts entgegensetze, weil ich es nicht besser weis.
    Und wenn ich mich heute an mein bisheriges Leben zurück erinnere, weis ich: Zu jeder Liebe gehört dieser bittersüße Beigeschmack des Vergänglichen, so wie Du es auch beschreibst habe ich es erfahren.
    Doch nun habe ich erfahren, dass am Ende einer wunderschönen Zeit nicht zwangläufig totale Verbitterung und Enttäuschung stehen müssen. Sie sind freilich da und verlocken, sie ihnen hin zu geben.
    Doch genau so groß ist immer die Liebe da, die ja da sein muss, sie ist ja die Ursache für meine Trauer.

    Für mich ganz persönlich kann ich sagen, dass das mein einziger aktiver Beitrag all die Monate ist:
    Immer die Liebe suchen! Mancher würde das vielleicht nennen: Such was Dir gut tut. Das blöde ist nur, dass mir in meiner Trauer nichts gut tut und wenn, dann denke ich, dass es mir nicht zusteht, dass ich es mir gut gehen lassen, während meine Liebste tot sein muss.
    Die Liebe aber, die spüre ich! Ganz deutlich. Wenn ich die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Körper spüre, halte ich inne und genieße es, wenn ich eine schöne Blume sehe, dort spüre ich die Liebe, wie sie mich aufnimmt und tröstet. Wenn ich liebevolle Worte meiner Mitmenschen höre und lese (wie hier z.B.!!), Und ganz besonders, wenn ich immer noch täglich mit meiner Liebsten rede und inzwischen den Gedanken zulasse, dass Gott aus Liebe mir diesen Engel schickt, weil er möchte, dass meine Seele nicht zerbricht. Das hat viele Monate gedauert, hatten wir doch all die Jahre alles was mit Bibel und Kirche zu tun hat, enttäuscht aus unserem Leben verbannt. Und nun erscheint da so ein Engel und reicht mir in meinen schwärzesten Stunden immer wieder liebevoll die Hand.
    Ganz schön durchgeknallt, ich weis. Aber so trägt es sich zu. Und ich kaufte mir sogar eine Bibel, weil ich mal im Konfirmandenunterricht meinte gelernt zu haben, dass solche Begegnungen nur irgendwelchen Heiligen und Jesus vorbehalten sind. Und ich wollte mir ja nichts zu schulden kommen lassen. Ich hab mich mit Moni beraten und sie fand das auch gut. So erfährt sie auch, was das wirklich drin steht. Ich habe mir eine modern Studienbibel mit vielen Kommentaren und Bildern ausgesucht, da der Text allein total schwer zu lesen und zu verstehen ist. Für mich war es das Beste, was mir passieren konnte, denn heute lese ich die Bibel freiwillig und ohne das mir jemand vorschreibt, wie ich das gelesene zu verstehen habe. Und ja: Dort steht so viel über die unvergängliche Liebe, wie ich in meinem Leben nicht erwartet hätte, zu erfahren. Für mich ist die Bibel das Buch der Liebe!
    Liebe Silke, bei mir trifft genau das zu, was Du oben sagst: Wenn wir das Leben zulassen und überall die Liebe suchen, dann werden wir auf unserem Lebensfluss völlig neue Länder bereisen, deren Existenz wir vor einem Jahr noch nicht einmal kannten. So ist es!

    Liebe Grüße
    Ralf

    PS.: Ich hoffe, Ihr mögt mich noch, auch wenn ich mich demnächst taufen lasse 😉

    • Reply Silke 26. Mai 2017 at 8:59

      Lieber Ralf,
      danke dir für deinen wunderbaren, inspirierenden und so vor Liebe sprühenden Kommentar! Wow. Ich bin ganz sprachlos, du hast wirklich schöne Worte gefunden. Die einzige Aufgabe ist es, immer die Liebe zu suchen oder vielleicht noch eher, ihr immer zu folgen. Denn wir müssen sie gar nicht suchen, sie ist ja immer da! Das ist ein wirklich schöner Gedanke.
      Es macht mich tatsächlich sehr neugierig, was du über die Bibel schreibst. Ich glaube, die Essenz aller Religionen, Glaubensrichtungen und spirituellen Schriften oder wie man es nennen mag, ist immer dieselbe. Es ist immer die Liebe, egal was wir Menschen dann in Kirchen, Tempeln oder sonstwo daraus machen.
      Alles Gute weiterhin für dich, lieber Ralf, und auch für deine Taufe! 🙂
      Liebe Grüße
      Silke

  • Reply Anna 16. Mai 2017 at 18:53

    Liebe Silke,

    auch ich fühle und lebe so, wie du es beschrieben hast. Ich bin durch sehr schwere Zeiten gegangen und habe danach festgestellt, dass alles seinen Sinn hat und immer, wirklich immer, für uns gesorgt ist und eine allumfassende Liebe da ist, die uns trägt – auch dann, wenn wir dies nicht im Geringesten vermuten. Es tut gut, wenn jemand auch diese Wahrheit erkannt hat.
    Liebe Grüße aus Essen
    Anna

    • Reply Silke 26. Mai 2017 at 9:01

      Liebe Anna,
      wie schön von dir zu lesen und dass du für dich ebenfalls feststellen konntest, dass es da diese Liebe gibt, die uns trägt, dass wirklich immer für uns gesorgt ist, selbst in den schwersten Zeiten.
      Liebe Grüße zurück
      Silke

  • Reply Peter Radziwill 20. Mai 2017 at 5:55

    Hallo Silke, eine tolle Seite, auf die ich da aufmerksam geworden bin. Viele Grüße, Peter.

    • Reply Silke 23. Mai 2017 at 9:58

      Hallo Peter,
      schön, dass du hier bist, danke dir für deinen Kommentar!
      Viele Grüße
      Silke

  • Reply Elisa 18. Juli 2017 at 10:36

    Danke für diese wichtige Erinnerung!!! Liebe Grüße
    Elisa

  • Reply carino 18. Juli 2017 at 17:04

    Liebe Silke,
    das Leben ist so wie es jeder Einzelne sieht…und somit hat auch jeder Recht, was das eigene Weltbild angeht. 2015 ist mein Mann mit Mitte vierzig gestorben und ich konnte nicht verstehen, warum sich die Welt trotzdem weiterdrehte. Letztendlich haben mir Meditation und Yoga gezeigt, dass ich für mich ganz alleine verantwortlich bin. Wenn ich akzeptiere, dass alles vorbeigeht, dann lebe ich im JETZT, denn es wird bewusster, dass wir alle nur Zeitoptimisten sind, aber keiner weiß, wann wir selber gehen. Aber das wir das tun, ist nun mal Fakt. Ja, es stimmt die schreckliche Zeit ist nicht mehr soooo schlimm wie anfangs und ja, da ich Liebe zulasse, scheint auch wieder die Sonne….und das ohne schlechtes Gewissen, denn das Leben bedeutet Veränderung und zwar immer. Nichts bleibt so, wie es gerade ist und wer das begreift, der bekommt einen anderen Blickwinkel. Ich wünsche allen Betroffenen, Geduld zu haben und die Stärke in sich selbst zu suchen. Sie ist auf jeden Fall da, in jedem von uns.

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